Wenn Russell Dohner, 87, am Morgen seine Praxis aufschließt, warten die Menschen schon vor der Tür. Termine gibt es beim Doktor in der 3000-Seelen-Gemeinde Rushville im US-Staat Illinois nicht; behandelt wird in der Reihenfolge des Eintreffens. Fax oder Computer besitzt der rüstige Landarzt nicht. Die Wehwehchen seiner Patienten vermerkt er handschriftlich auf Karteikarten, seit fast 60 Jahren macht er es so. Krankenversicherung? War ihm schon immer egal. Als er 1955 die Praxis übernahm, verlangte er zwei Dollar pro Untersuchung. Mittlerweile sind es fünf Dollar.
"Ich wollte den Menschen immer nur bei ihren medizinischen Problemen helfen, sonst nichts", sagt Dohner. "Es ging nie darum, viel Geld zu verdienen." Sein Einkommen bestreitet der Arzt aus den Erträgen, die der Hof seiner Eltern abwirft. Sein Neffe führt dort die Geschäfte. "Mit meiner Praxis verdiene ich kaum genug, um meine Helferinnen zu bezahlen", sagt Dohner und kichert. Seine Mitarbeiterinnen sind mit ihm gealtert: Arzthelferin Rose Busby ist 86, Sekretärin Edith Moore, die auf dem Nachbarhof der Dohners aufgewachsen ist, ist 85 Jahre alt.
Mit seinen sechs Geschwistern wuchs Dohner in Rushville auf dem Bauernhof seiner Eltern auf. Als Kind bewunderte er den Doktor des Ortes. Arzt war sein Traumberuf - und blieb es. Nach seinem Einsatz im Zweiten Weltkrieg wollte Dohner Kardiologe werden. Er bekam ein Stipendium, doch dann fragte ihn der Landarzt, ob er nicht als Allgemeinmediziner nach Rushville zurückkommen wolle, statt Herzspezialist zu werden. Dohner willigte ein, zumindest für eine Weile wollte er den Job übernehmen.
Seine Frau überzeugte das Vorhaben allerdings nicht, sie wollte nicht aufs Land, die junge Ehe ging in die Brüche. Dohner heiratete nie wieder. Dafür widmete er sich voll und ganz seiner Arbeit. Seine Heimat verließ er nur noch für Fortbildungen, in den Urlaub fuhr er nie so richtig.
Für die Menschen in Rushville ist Dohner so etwas wie der gute Hirte, der immer da ist, wenn man ihn braucht. Über die Jahre sind seine Schritte langsamer geworden, sein Haar ist ergraut. Aber noch immer sammelt seine Sekretärin tagein, tagaus die fünf Dollar von den Patienten ein. Manchmal drückt sie auch ein Auge zu und verzichtet ganz auf die Gebühr. "Nächstes Mal zahle ich 20 Dollar", sagt dann einer.
Martha Irvine/dapd/vet
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