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Mittagspause in England Spiel, Satz, Sushi

Mittagspause in London: Tennis zum Lunch Fotos
Katharina Heigl

Würstchen mit Kartoffelbrei, frittierte Fischbällchen - oder doch lieber Tennis? Isabelle Gemmel schlägt zur Mittagszeit lieber Bälle, als sich ein schweres Kantinenmahl reinzustopfen. Und liegt damit voll im Trend.

Die Mittagspause beginnt für Isabelle Gemmel mit einem Aufschlag. Sie schlägt die Bälle nicht fest, aber platziert sie weit hinten im Feld. Ihre Kollegin muss ordentlich laufen, um sie zu erwischen. Das Tennisspiel findet auf einem Hartplatz unter britisch-grauem Himmel statt. Als die beiden Spielerinnen ihre Schläger wieder einpacken, ist es 13.15 Uhr. "Jetzt hole ich mir noch schnell Sushi, dann arbeite ich weiter", sagt Gemmel und schultert ihre Tennistasche.

Gemmel, 42, ist Deutsche, sie arbeitet seit zehn Jahren für die International Tennis Federation (ITF) in London. Die Büroräume liegen unweit von Wimbledon, etwa 40 U-Bahn-Minuten von Londons Zentrum entfernt. In dem Monumentalbau aus rotem Stein war früher das Archiv der "Bank of England" untergebracht. Heute organisieren Gemmel und ihre Kollegen von hier aus Tennsturniere für die weltbesten Spieler.

Gleich neben der ITF liegt das Trainingsgelände des britischen Tennisverbands. "Wir dürfen dort in der Mittagspause spielen", sagt Gemmel. "Und das Angebot nutzen wir, so oft es geht." Selbst wenn es nieselt oder ihr im Winter fast die Hand am Schläger festfriert, spielt Gemmel in der Mittagspause eine Stunde lang Tennis: "Es findet sich immer ein Kollege, der auch Lust hat auf ein Match." Danach sei sie entspannt und für die Aufgaben des Nachmittags gewappnet. Dass dann keine Zeit mehr für ein opulentes Mittagsmahl bleibt, nimmt Gemmel gerne in Kauf. "Das macht mir gar nichts aus. Unsere Kantine kocht sowieso nicht besonders raffiniert."

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"Toad in the hole" gibt es dort zum Beispiel, in Teig eingebackene Würste. Oder "Bangers and mash", Würste mit Püree und Erbsen. Auch für "Fishcake", frittierte Fisch-Kartoffel-Bällchen, konnte sich Gemmel nie wirklich erwärmen. "Das ist alles echt schwere Kost", sagt sie. Wenn man sich diese Gerichten anschaue, sei man schlagartig satt. Aber ihre englischen Freunde und Kollegen beschweren sich nicht. Ohne zu Murren bezahlen sie bis zu acht Pfund für ihren Mittagsmampf. "Beim Essen sind die Briten sehr genügsam", sagt Gemmel. Oder sie verzichten ganz darauf.

Denn nach einer Umfrage der britischen Krankenversicherung BUPA gönnt sich nur noch ein Drittel aller englischen Arbeitsnehmer eine einstündige Mittagspause. Die anderen verkürzen den Lunchbreak auf die Hälfte, essen vorm Computer Aufgewärmtes aus der Tupperdose oder ein schnelles Sandwich. "In England ist das Mittagessen ohnehin nicht die Hauptmahlzeit des Tages", sagt Gemmel. Die findet abends zu Hause satt. Die Zeit bis dorthin überbrückte man früher gerne beim "Afternoon Tea" mit Gurkensandwichs, Scones und Clotted Cream. So etwas ist in der heutigen Arbeitswelt natürlich undenkbar.

Die Milch zahlt der Chef

Aber Tee getrunken wird in englischen Unternehmen immer noch von frühmorgens bis Dienstschluss. Die Teeküche ist in England das Herz der Firma. "Da ist immer jemand, der sich gerade einen Tee brüht. Dann kommt man natürlich ins Gespräch", sagt Gemmel. Schwarztee ist immer vorrätig, aber die meisten haben noch drei bis vier weitere Sorten am Schreibtisch stehen. Und um die Milch für den Tee kümmert sich der Arbeitgeber, das ist Tradition in England.

Vor ein paar Jahren gab es mal ein bisschen Ärger, weil sich die Angestellten mit der Teemilch auch das Morgenmüsli angerichtet haben. Sie schleppen wie Gemmel Cornflakes- oder Porridge-Packungen ins Büro und frühstücken dort. Allerdings gab es wegen der Müslimilch irgendwann Beschwerden von der Teefraktion: Die Firmenmilch gehöre ins heiße Wasser, nicht auf das Körnerfutter! Die ITF bat daraufhin die Angestellten, das morgendliche Müsliessen einzustellen. "Aber wir haben uns geeinigt. Jetzt liefern sie einfach mehr Milch. Und zwar in verschiedenen Varianten", sagt Gemmel und lacht. Sie kann jetzt wählen zwischen fettfrei, fettarm und vollfett.

Auf den Platz statt in den Pub

Wenn sie nach dem Tennismatch nicht gerade Sushi isst, bestellt sie häufig etwas von Prêt à Manger. Die Kette, die in London alle nur Prett nennen, hat sich auf die Bedürfnisse der modernen Arbeitswelt eingestellt: Sie liefern Sandwichs und Salate bis an die Firmentür. "Und reihum verteilt einer die Bestellungen in der Abteilung", sagt Gemmel. Selbst im restaurantreichen Zentrum von London ist Prett derzeit der Renner. "Ich habe so viel Arbeit auf dem Schreibtisch, da bleibt mittags echt nur Zeit für ein Sandwich", sagt zum Beispiel Sophie Meeson, 36, die bei einer großen Londoner Bank arbeitet. In der Firmenkantine war sie schon seit Jahren nicht mehr. "Ich weiß, es ist ungesund vor dem Computer zu essen, aber was soll ich denn machen?"

Bei der ITF ist wird die Mittagspause in der Kantine ganz offiziell unterstützt: Die Angestellten bekommen Coupons, die sie für Essen und Getränke einsetzen können. "Aber ich finde es schöner, draußen Tennis zu spielen", sagt Gemmel. Dass sie die Mittagspause freitags mit ihren Kollegen in einen Pub verbringen könnte, wie das bei einigen Londoner Firmen üblich ist, scheint ihr undenkbar. "Da gehe ich lieber abends hin."

Mittagspause

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Stéphanie Souron (Jahrgang 1976) arbeitet seit 2006 als Freie Journalistin in Hamburg. Zuvor hat sie an der Universität des Saarlandes Romanistik und Sportwissenschaften studiert und in Hamburg die Henri-Nannen-Journalistenschule besucht.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Voll im Trend...
BettyB. 16.07.2013
Tja... 55% aller Angestellten spielen in der Mittagspause Tennis. Da trended etwas...
2. Aroma-Mix
ulrich-lr. 17.07.2013
Zitat von BettyB.Tja... 55% aller Angestellten spielen in der Mittagspause Tennis. Da trended etwas...
Na, hoffentlich duschen die danach. Eigentlich reicht früh bereits der Schweißgeruch der Radfahrer. Wenn dann noch nach der Mittagspause der Dunst der Tennisspieler hinzu kommt, dann lässt sich das auch nicht mehr mit dem Aroma von Fischgerichten - das alles im Büro! - übertünchen.
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