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Business-Schwitzen in Finnland "In der Sauna kann man gut verhandeln"

Schwatz beim Schwitzen (Symbolbild): "Das Gefühl, vertraulich verhandeln zu können" Zur Großansicht
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Schwatz beim Schwitzen (Symbolbild): "Das Gefühl, vertraulich verhandeln zu können"

Mit dem Chef in die Sauna - in Finnland ist das normal. Mikael Helle von der Deutsch-Finnischen Handelskammer erklärt, welche Themen man beim Business-Schwitzen meiden sollte.

Zur Person
  • Deutsch-Finnische Handelskammer
    Mikael Helle (56) ist seit 2007 stellvertretender Geschäftsführer der Deutsch-Finnischen Handelskammer in Helsinki. Davor arbeitete er unter anderem als Manager und Marketingexperte in der Bank- und Telekommunikationsbranche. Finnland war der Ehrengast der Buchmesse in Frankfurt, die gerade zu Ende gegangen ist.
KarriereSPIEGEL: Herr Helle, Finnen gehen ständig in die Sauna. Auch bei der Arbeit?

Helle: Ja. Egal ob in Banken oder bei Telekommunikationsunternehmen: Es gibt in Finnland kaum größere Firmen ohne Sauna. Es ist einfach die Norm, unser Lifestyle: 90 Prozent der Finnen gehen einmal die Woche in die Sauna. Man sagt, es gebe bei uns sogar mehr Saunas als Autos.

KarriereSPIEGEL: Wenn man in eine finnische Firma kommt, sieht man schon im Eingang, auf welcher Etage die Sauna ist. Geht man da in der Mittagspause mit den Kollegen hin?

Helle: Zum Beispiel nach dem Sport, ja. Aber man nutzt sie auch für Kundengespräche und für repräsentative Zwecke. Gerne auch, wenn man eine Teambesprechung macht, als Motivation für die Mitarbeiter. Das Wichtigste an der Firmensauna: Sie ist für alle da. Alles andere wäre eine Beleidigung. Die Sauna steht für unsere Grundphilosophie von Gleichberechtigung.

KarriereSPIEGEL: Man sitzt da völlig nackt mit Kollegen und Vorgesetzten? Ohne Badeklamotten oder Handtuch?

Helle: Ja.

KarriereSPIEGEL: Aus deutscher Perspektive schwer vorstellbar.

Helle: Bei uns gibt es da keine Hierarchien, alle duzen sich. Und das Nacktsein ist normal: Wir gehen von Geburt an in die Sauna, so ist das halt.

KarriereSPIEGEL: Und beim Kundengespräch? Zu welchem Zeitpunkt einer Verhandlung ist die Sauna der richtige Ort?

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Helle: Gegen Ende hin. Das ist so normal, dass man sonst fragen würde: Wie, gibt's keine Sauna? In die Sauna einzuladen ist eine Höflichkeitsgeste.

KarriereSPIEGEL: In Deutschland würde man eher ins Nobelrestaurant gehen.

Helle: Ja, aber mit einem Treffen in der Sauna schafft man das Gefühl, vertraulich verhandeln zu können, ohne Lauscher. Weil man in einer kleinen Gruppe dort sitzt und alles sehr primitiv ist. Es ist auch ein gutes Gesprächsthema: Na, wie ist eure Sauna, zeig doch mal! Welchen Kamin hast du? Heizt du elektrisch oder mit Holz?

KarriereSPIEGEL: Und? Womit kann man Eindruck schinden?

Helle: Da gibt es drei Millionen Meinungen. Wie modern die Sauna sein darf, ist Geschmackssache. Ich würde ja sagen, je primitiver und je mehr Natur, desto besser. Aber wichtige Punkte sind etwa, ob eine Firma für alle Mitarbeiter genug Platz hat oder gar eigene Sommerhäuser besitzt - und ob es für die Führungsriege einen separaten Raum gibt. Aber wenn es das gibt, dann direkt neben den anderen, es soll keine starke Hierarchie sein.

KarriereSPIEGEL: Vor allem macht man sich voreinander nackig, hat nichts zu verbergen, die Statussymbole fallen weg.

Helle: Ja, eben - gleichberechtigt zu sein, ist eben wichtig bei uns. Die Sauna ist uns so heilig, sie könnte auf die Fahne, da herrscht Fair Play, ohne Tricksereien. Aber das funktioniert so nur mit anderen finnischen Geschäftsleuten. Ausländer lädt man in die Sauna ein, um ihnen ein Erlebnis zu bieten, am besten draußen in der Natur an einem See.

KarriereSPIEGEL: Was, wenn es denen eher peinlich ist, so ohne Klamotten vor Businesspartnern?

Helle: Manche sagen höflich: "Lieber nicht." Aber die Situation ist wirklich sehr natürlich und entspannt, da schaut keiner, wie viele Minuten einer drin bleibt.

KarriereSPIEGEL: Anders als in Deutschland gehört es in finnischen Saunas dazu, sich zu unterhalten. Gibt es Themen, die tabu sind?

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Helle: Über Negatives sollte man nicht reden, auch nicht über andere. Damit macht man nur die Stimmung kaputt.

KarriereSPIEGEL: Und wer gießt das Wasser nach?

Helle: Jeder ist mal dran. Die Rituale in der Firma sind da wie überall sonst auch in der Sauna.

KarriereSPIEGEL: Ein anderes typisches Merkmal Ihrer Saunas: Männer und Frauen schwitzen getrennt.

Helle: Ja klar! Ich war noch nie in meinem Leben in einer gemischten Sauna. Doch, einmal, in einem deutschen Squashcenter.

KarriereSPIEGEL: Als Elisabeth Rehn, die erste Verteidigungsministerin der Welt, 1990 in Finnland ihren Dienst antrat, wurde sie als erstes gefragt, wie sie denn ihren Job machen wolle - weil in der Politik das meiste in der Sauna ausgehandelt würde.

Helle: Das ist meines Wissens kein Thema mehr. Ich habe gehört, dass zur Zeit unserer Staatspräsidentin Tarja Halonen selbst die finnische Botschaft in Berlin deswegen die Sauna umbauen ließ. Von diesen urbanen Saunalegenden gibt es viele.

KarriereSPIEGEL: Aber wie macht man das bei Terminen mit Geschäftspartnern? Es gibt doch auch in Finnland immer mehr Frauen in Führungsjobs.

Helle: Ach, das ist simpel. Man teilt einfach zwei Schichten ein und fragt: Wer geht zuerst? Übers Business redet man dann anschließend gemeinsam beim Kaminfeuer im Ruheraum. Männer und Frauen nebeneinander in der Sauna, das ist eher selten, das wäre vermutlich viel zu intim.

KarriereSPIEGEL: Haben Sie in der Deutsch-Finnischen Handelskammer auch eine?

Helle: Nein, aber ich hätte gerne eine. Um den deutschen Geschäftsleuten zu zeigen, wie Finnland funktioniert. Ohne Sauna wäre unser Land wie eine Party in Bayern ohne Bier.

  • Das Interview führte KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Haeming (Jahrgang 1978), freie Journalistin in Berlin.

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insgesamt 10 Beiträge
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1. Getrennte Saunen
AndreasPr 15.10.2014
Ich wohne schon seit über 9 Jahren in Finnland und die strikte Geschlechtertrennung gibts eigentlich nur in Firmenzirkeln. Privat geht man sehr wohl gemischt rein. Die Mädels gehen nur dann nicht in die Sauna wenn man anschliessend noch in die Stadt will.
2.
Tiananmen 15.10.2014
Jedenfalls kann jeder Geschäftspartner mit Recht von sich sagen, er habe "die Hosen herunter gelassen".
3. Ja sicher...
sebastian.teichert 15.10.2014
Zwischen schlechtem Atmen und Wodka Aufguss werden die Finnen sicher gut mit dir verhandeln können. Und wenn du rauskommst: Was ist grad passiert? Sorry, aber hüten würde ich mich...
4.
AndreasPr 15.10.2014
Die Mehrzahl von mökki ist übrigens mökit :)
5. das Wesentliche vergessen
emporda 15.10.2014
Ich habe das 1970 in Finland erlebt mit der Abnahme eines Tanklagers in der Naantali Raffinerie. Nach Bauprüfung und Druckpobe einer 2,5 km Pipeline bei etwa -20°C und eisigem Wind fand abends im Gästehaus die offizielle Abnahme statt. Drei hohe Entscheidungsträger von Neste Oy und wir 2 von der Firma, alle nackt um einen Tisch, dazu Kartoffelsalt und Würstchen. Zwischendurch öfters kurz in die 120°C Sauna und danach ins Eis der Ostsee. Das ganze für mich überraschende Procedere hatte 2 Effekte 1) Ich hatte nie wieder Respekt vor Titeln und Machtgehabe, ich habe geistig den Typ immer nur nackt vor mir gesehen - mitsamt dem albernen Getue 2) In der üblichen Hotelsaune mit 90°C habe ich immer gefroren
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