"Wenn ich eine Tasche auf dem Boden stehen sehe, werde ich mittlerweile wirklich nervös. Meine eigene Tasche stelle ich nicht mehr auf dem Boden ab. Das habe ich von den Russen übernommen: Hier glaubt man, dass das Unglück bringt. Ich pfeife auch nicht mehr in der Wohnung. Angeblich pfeift man sonst sein Geld weg.
Russland war eigentlich nicht meine erste Wahl, als ich mich für das Lektorenprogramm der Robert Bosch Stiftung beworben habe. In meinem Masterstudiengang Osteuropastudien war Rumänien mein Schwerpunkt. Aber während meiner Bewerbungsphase ist Rumänien aus dem Programm gestrichen worden. Russland erschien den Organisatoren als passende Alternative, und nach ein paar Tagen Bedenkzeit konnte ich mich auch mit dem Gedanken anfreunden.
Mittlerweile lebe ich seit knapp zwei Jahren in Russland und arbeite als Regionalkoordinatorin, kurz: als Kulturmittlerin. Ziel ist es, den kulturellen und sprachlichen Austausch zu fördern. Ich leite Workshops und knüpfe Kontakte mit Kulturschaffenden, Botschaftsmitarbeitern und anderen Kulturmittlern. Außerdem unterrichte ich russische Studenten in deutscher Politik und Geschichte. Das war ein echter Fall von 'learning by doing'. Finanziert wird das Ganze über ein Stipendium der Stiftung.
Verlaufen im eigenen Wohnblock
Das erste Jahr habe ich in Perm verbracht, einer russischen Provinzstadt im Ural. Meine Studenten dort waren sehr jung, teilweise nur 16, 17 Jahre alt. Da übernimmt man als Dozentin schon mal eine Art Mutterrolle. Und man ist eine absolute Respektperson. Ging ich zu freundschaftlich auf die Studenten zu, waren sie irritiert. Es war insgesamt eine spannende Zeit mit tollen Erfahrungen, dennoch wollte ich gern nach Moskau wechseln. Ich kannte die Stadt schon von kurzen Besuchen und hatte einfach Lust auf eine echte Metropole.
Die ersten Tage in Moskau waren befremdlich und anstrengend. An meinem ersten Wochenende wollte ich nur mal kurz um den Block gehen. Nach zwei Stunden habe ich gemerkt, dass ich falsch abgebogen bin und musste weitere zwei Stunden zurücklaufen. Der Unterschied zu Perm ist krass: Dort hatte ich ständig das Gefühl, unter Beobachtung zu stehen, trotz knapp einer Millionen Einwohner. In Moskau geht man in der Zwölf-Millionen-Masse einfach unter.
Ich wohne etwas außerhalb des U-Bahnrings und damit noch relativ zentral. Eigentlich könnte ich mir die Wohnung niemals leisten, denn die Mieten sind sagenhaft teuer. Aber die Vermieterin mag Deutsche und will, wie sie sagt, den deutschen Geist der Wohnung erhalten. Deswegen reicht sie sie zu günstigen Konditionen von einem Neuankömmling an den nächsten weiter.
Schachspielen mit Veteranen
Irritierend sind auch die krassen Gegensätze Moskaus. Auf der einen Seite zeigt es sich als weltgewandte, moderne, bunte Metropole mit vielen jungen Leuten, die den Dialog suchen, sich politisch engagieren. Und die Partys hier sind wirklich legendär - und teuer. Auf der anderen Seite steht der rückwärtsgewandte, traditionelle Teil der Gesellschaft.
Ein Beispiel ist der extreme Militärkult. Etwa zum Tag des Sieges, der mit großer Hingabe am 9. Mai gefeiert wird. Schon Wochen zuvor wurde der Rote Platz abgeriegelt, um für die große Militärparade zu proben. Überall hingen Plakate mit Gedenksprüchen. Und auf den Kinderspielplätzen gab es sogar entsprechende Betreuungsangebote, 'Schachspielen mit Veteranen' etwa. Auch das Problem der eingeschränkten Pressefreiheit ist sehr präsent. Eine Studentin erzählte mir, dass sogar die Studentenzeitung vom russischen Geheimdienst FSB geprüft wird, bevor sie publiziert werden darf.
Freundschaften mit Russen zu schließen ist nicht ganz einfach. Das liegt einerseits daran, dass sie so wenig Zeit haben. Fast jeder hier hat zwei oder drei Jobs, sonst reicht das Geld nicht. Auch in den russischen Unis sind die Lehrpläne sehr straff, es gibt deutlich mehr Druck als in Deutschland. Zum anderen habe ich durch meine Arbeit viel mit anderen Deutschen zu tun, und die gemeinsamen Erfahrungen schweißen natürlich zusammen. Mit meinen russischen Kollegen an der Uni verstehe ich mich aber gut.
Fiese Vorurteile: Akkurat, pünktlich, schlampig angezogen
Eine Kollegin hat mich kürzlich zu ihrem Geburtstag eingeladen. Es war eine wirklich nette, typisch russische Feier mit Schaschlik und gemeinsamem Singen. Aber für eine wirklich tiefgehende Konversation mit den Gästen haben meine Sprachkenntnisse noch nicht gereicht. Auch, wenn ich mich nach mehreren Sprachkursen mittlerweile gut verständigen kann.
Zu uns Deutschen haben viele Russen eine klare Meinung. Immer wieder höre ich diese langweiligen Klischees: Wir seien zuverlässig, akkurat, pünktlich. Gar nicht schmeichelhaft ist die verbreitete Meinung, deutsche Frauen seien so nachlässig gekleidet. Eine junge Russin sagte mal zu einem Kollegen von mir: 'Deutsche Frauen sehen immer so aus, als würden sie gleich in den Wald gehen.'
Grundsätzlich habe ich schon das Gefühl, in Moskau angekommen zu sein. Außerdem verreise ich viel, mal privat, mal im Auftrag der Stiftung. In den letzten Monaten war ich unter anderem in China und Aserbaidschan. Schön ist auch, dass ich viel Besuch aus Deutschland bekomme. Trotzdem vermisse ich oft meine Freunde und Familie. Und ich merke immer wieder, dass ich in einer anderen Gesellschaft sozialisiert wurde. Ende Juni beende ich das Stipendium, werde nach Berlin ziehen und mich nach neuen Jobmöglichkeiten umsehen. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass ich irgendwann wieder ins Ausland gehe."
Aufgezeichnet von Isabel Ehrlich
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