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25. Februar 2013, 11:44 Uhr

Mittagspause in Kiew

Mal eben die Seele veredeln

Von Jonathan Widder

Wer in der Ukraine Essen kaufen möchte, kommt an pummeligen, alten Männern nicht vorbei. Sie zieren die Verpackungen von Milch, Speck oder Erdnüssen und winken als Pappfiguren von Kneipendächern. Entsprechend reichhaltig, herzhaft und beschwingt sind die Mittagspausen in Kiew.

Um die Bedeutung des Essens in der Ukraine zu verstehen, wirft man am besten einen Blick auf die Verpackungen ukrainischer Nahrungsmittel. Da gibt es etwa "kosakischen Senf" oder Erdnüsse der Marke "kosakisches Vergnügen". Auf beiden Logos lacht einem ein kräftiger Mann entgegen und hebt zustimmend den Daumen.

Von Restaurantdächern winken Pappfiguren mit Knollennasen, und das Logo der Marke "Der fröhliche Milchbauer" schmückt ein pausbäckiger, alter Mann mit großem, weißen Schnurrbart und dickem Bauch, der mit zwei Milchkrügen in der Hand beschwingt auf einer grünen Wiese umherhüpft. Hergestellt wird die Milch zwar in Sibirien. Aber eines ist klar: Wenn es ums Essen in der Ukraine geht, sind Energiezufuhr und Fröhlichkeit die zentralen Werte.

Das bestätigt Anton Hrushetskyj. Der 24-Jährige lebt in Kiew und arbeitet an einem soziologischen Forschungsinstitut. Er plant Projekte, entwirft Fragebögen und wertet Datensätze aus. Mit dem Kosaken und dem Milchbauern verbindet ihn auf den ersten Blick wenig. Er ist groß, glatt rasiert, trägt meistens Schlabber-T-Shirts mit amerikanischem Aufdruck und hört während der Arbeit Punkrock vom MP3-Player. Am Arbeiten hindert ihn das nicht, sogar ältere Kollegen suchen immer wieder bei ihm Rat.

Eine Gemeinsamkeit mit der Werbefigur gibt es aber doch: Wie fast alle Ukrainer zelebriert Anton das Essen. Und wenn er abends mit Freunden in einer Kiewer Bar sitzt, kann er Unmengen von Bier und Essen in sich hineinschaufeln.

Beim Mittagessen geht es gemäßigter zu. Hier trinken die Ukrainer entgegen aller Klischees kaum Alkohol, sondern Tee, Kaffee, Wasser oder Kompott - ein süßer Saft, den viele Ukrainer aus gekochten Früchten selbst herstellen. Das Essen ist herzhaft und gesund. Oft beginnt es mit einer Suppe wie Borschtsch oder Soljanka, danach essen die meisten Hühnchen oder Schweinefleisch mit Reis, Kartoffeln oder Buchweizen. Dazu gibt es einen der typischen Salate wie Kraut- oder Oliviensalat.

Da in der Ukraine fast alle Frauen arbeiten, selbst die Großmütter, findet das Mittagessen selten zu Hause statt. Die meisten essen in einer Kantine, nicht wenige auch in Fast-Food-Restaurants wie denen der Kette Pusata Chata (Gefüllte Hütte). Deren Selbstbedienungs-Filialen bieten traditionelles Essen zu günstigen Preisen und wirken gleichzeitig mit ihrem rustikalen Holzmobiliar und den Trachtenoutfits der Mitarbeiter wie ein Gutshaus aus dem 18. Jahrhundert.

Zu jedem Wodka eine Rede

Bevor er so aussieht wie die pauswangigen Restaurantmaskottchen, hat sich Hrushetskyj nun eine Mini-Diät auferlegt. So kann er sich noch mehr auf das konzentrieren, was ihm in der Mittagspause am wichtigsten ist: "Der zwischenmenschliche Austausch, die Unterhaltung mit Freunden und Kollegen." Das ist der zweite Aspekt, der beim Essen in der Ukraine besonders ausgeprägt ist. Wie der junge Wissenschaftler betont, geht es dort nämlich nicht allein um die maximale Energiezufuhr, sondern auch "um die Veredelung der Seele".

Dass sich die Ukrainer auf die Veredelung der Seele außergewöhnlich gut verstehen, merkt man, wenn man Anton mit seinen Freunden und Kollegen beim Mittagessen beobachtet, wo sie sich laut und angeregt unterhalten und immer wieder Späße machen. Das ist jedoch nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was man in der Ukraine am Wochenende, an Feiertagen und bei Festen erlebt. Auch dann gibt es natürlich Borschtsch, Fleisch, Kartoffeln und Salate. Allerdings kommen dazu noch süßer Wein, Bier und vor allem: Wodka.

Besser noch am Wochenende

Der wird ausschließlich in Shots getrunken, auf jeden Kurzen gibt es einen Toast. Dabei kann es vorkommen, dass die Gäste auch bei kleineren Anlässen zu jedem Schluck lange, euphorische Reden halten. Bei größeren Anlässen lieben es die Ukrainer außerdem, am Tisch zu singen, die Frauen genauso wie die Männer, wobei sie aus einem großen Arsenal temperamentvoller traditioneller Lieder schöpfen.

Wahrscheinlich sind es diese Feste, bei denen der ausgelassene Geist der Kosaken heute noch am besten erhalten ist. Anton Hrushetskyj fasst es so zusammen: "Das ukrainische Mittagessen auszuprobieren, lohnt sich auf jeden Fall. Wer aber auch noch ein paar Feste am Wochenende erlebt, der wird unser Land nicht mehr vergessen."

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