Von Steve Przybilla
Die braungetönte Ray-Ban-Sonnenbrille steckt lässig im Poloshirt. "Wenn wir schon keine Piloten sind, dann wollen wir wenigstens so aussehen", sagt Fabian Hoffritz. Der Flugschüler lacht: Ein bisschen Selbstironie gehört bei seiner Ausbildung dazu. Genau wie die wüstenhaften Temperaturen auf der Landebahn. "40 Grad sind hier ganz normal", sagt Hoffritz, bevor er ins Cockpit seiner Beechcraft F33A klettert.
Der 26-Jährige gehört zu den 300 jungen Frauen und Männern, die bei der Lufthansa jedes Jahr eine Pilotenausbildung machen. Ihre viermonatige Praxisphase absolvieren die deutschen Flugschüler im sommerlichen Arizona. "Hier scheint an 355 Tagen die Sonne", sagt Flugschulleiter Matthias Kippenberg. "Das bedeutet, dass wir an 355 Tagen auf Sicht fliegen können."
Das "Lufthansa Flight Training" ist die spannendste und zugleich anstrengendste Zeit der 22-monatigen Ausbildung zum Piloten. Auf einem idyllischen Regionalflughafen in Goodyear, direkt neben der Metropole Phoenix, brüten die künftigen Piloten in einem von Palmen gesäumten Gebäudekomplex über Flugplänen, Luftraumkarten und Taschenrechnern.
Am Boden herrscht Internatatmosphäre: Die künftigen Piloten tragen Einheitskluft - blaue Poloshirts und beige Stoffhosen - und essen gemeinsam in der Kantine. Geschlafen wird in Einzelzimmern, die sich ebenfalls auf dem Campus befinden. Zwei Schwimmbäder, vier Tennisplätze, ein Basketballplatz und ein Fitnessstudio sollen dafür sorgen, dass es auch nach Feierabend nicht langweilig wird. Sogar eine Bar gibt es für die künftigen Kapitäne. In der ist allerdings um Mitternacht Zapfenstreich. "Wir wollen schließlich, dass sich hier alle aufs Lernen konzentrieren", sagt Schulleiter Kippenberg, dessen eigene Karriere ebenfalls in Goodyear begann.
Wenn der Vogel das Cockpit durchschlägt
Doch so ganz wollen sich die Flieger ihren Spaß nicht nehmen lassen. "Wir haben zusammengelegt und uns ein eigenes Auto gekauft", erzählt Fabian Hoffritz. "Wenn mal Zeit ist, fahren wir damit durch die Gegend." Ansonsten sei der Pool der ideale Ort, um abzuschalten - oder es zumindest zu versuchen."So viel Stoff in so kurzer Zeit pauken, das ist hart", sagt Hoffritz.
Sein Tagesprogramm ist stramm: Während der Frühschicht steht der angehende Pilot um fünf Uhr auf. Eine Stunde später bereitet er das Flugzeug vor, danach geht es zum Briefing. "Das Flugtraining dauert dann bis zum Mittag." Nach der Abschlussbesprechung folgt am Nachmittag die Lernphase. "Den Druck macht sich jeder selbst. Wer es bis hierhin geschafft hat, möchte die Ausbildung unbedingt durchziehen", sagt Hoffritz.
Ganz ungefährlich sind die ersten Flugversuche nicht: Vor einigen Jahren durchschlug ein Vogel das Cockpit eines Übungsfliegers. Die beschädigte Scheibe hängt als Mahnmal in der Flugschulen-Kneipe. 2006 verunglückte eine Flugschülerin bei ihrem ersten eigenen Flug tödlich. Die Ursache wurde nie vollständig geklärt.
Rechts ranfahren? Geht nicht!
"Anders als in der Fahrschule kann man in der Luft nicht mal eben rechts ranfahren", sagt Kippenberg. Um die Gefahr von Unfällen von Anfang an zu minimieren, werde daher schon in Deutschland gnadenlos gesiebt. Von 8000 Interessenten, die sich jedes Jahr für die Pilotenausbildung bewerben, fielen schon 90 Prozent in der ersten Phase durch.
Richtig ernst wird es beim zweitägigen Assessment Center, in dem die Persönlichkeit der Kandidaten auf den Prüfstand kommt. "Im Cockpit stehen eine hohe Teamfähigkeit und eine geringe Risikobereitschaft an erster Stelle", so Kippenberg. Daneben seien die Psychomotorik sowie Englisch-, Mathe- und Physikkenntnisse besonders wichtig. "Eine Aufgabe", sagt Kippenberg, "könnte zum Beispiel darin bestehen, einen Simulator zu fliegen und gleichzeitig im Kopf zu rechnen." Durchstarten, abheben, funken und die Instrumente im Auge behalten: "Die größte Hürde ist es, alles gleichzeitig zu erledigen", sagt David Howard, der in Goodyear als Fluglehrer arbeitet.
Nach der erfolgreichen Flugprüfung in der amerikanischen Wüste können die Absolventen direkt in den Job einsteigen. Die Lufthansa übernimmt die Absolventen bei Bedarf. Dann gibt es einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Bis der beginnt, kann es allerdings dauern: Aufgrund von Sparmaßnahmen stellt die Airline in diesem Jahr keine neuen Flugschüler ein. Auch die ausgebildeten Piloten müssen sich auf Wartezeiten gefasst machen. Immerhin: Wer nach fünf Jahren noch kein Lufthansa-Pilot ist, muss die 60.000 Euro Eigenanteil der Ausbildungskosten nicht zurückzahlen. Ansonsten beginnt die Tilgung der Ausbildungsschulden, sobald die Piloten aktiv im Dienst sind. Bei einem Einstiegsgehalt, das zumindest bei der Lufthansa bei gut 60.000 Euro liegt, dürften sie das verschmerzen.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Arbeiten im Ausland - KarriereSPIEGEL | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH