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13. März 2012, 06:30 Uhr

Portugiesen in Schwäbisch Hall

Auf diese Stellen können sie bauen

Von Maria Huber

Ein kleines Jobwunder hat Schwäbisch Hall überrascht. Seit einem Besuch ausländischer Journalisten fluten vor allem Portugiesen das Städtchen mit Bewerbungen. Über 10.000 haben sich schon gemeldet - sie wollen vor der trostlosen Lage im Heimatland ins vermeintliche Paradies flüchten.

Als Guido Rebstock am 8. Februar im Büro ankam, seinen Rechner hochfuhr und seine E-Mails aufrief, traute er seinen Augen kaum: 2500 Bewerbungen waren in seinem Postfach aufgelaufen. Über Nacht. Alle aus Portugal. Schnell dämmerte dem Leiter der Arbeitsagentur in Schwäbisch Hall aber, was der Grund dafür sein könnte. Kurz zuvor hatte das Städtchen eine Medienoffensive gestartet und sieben Journalisten aus den kriselnden Euro-Staaten Griechenland, Italien, Spanien und eben Portugal für ein paar Tage eingeladen, um über Jobangebote zu informieren.

Nachdem die Texte der griechischen oder spanischen Journalisten veröffentlicht worden waren, passierte wenig. Dagegen hatte die Autorin Madalena Queirós in ihrem Heimatland eine Welle losgetreten - bei Arbeitsagentur und Firmen haben sich inzwischen über 10.000 Portugiesen beworben. Guido Rebstock erklärt das so: "Das war der einzige Artikel, der auch online verfügbar war, und über Facebook hat sich die Nachricht explosionsartig verbreitet."

18.127 Menschen gefällt der Text mittlerweile, die Bewerbungen fluten weiter Rebstocks Postfach. Obwohl durch die Aktion vermehrt Fachkräfte geworben werden sollten, trafen bei der Arbeitsagentur Bewerbungen aller Art ein: Putzfrauen oder Bauarbeiter bewarben sich genauso wie Ingenieure und IT-Spezialisten. "Es sind wirklich alle Berufe dabei, die man sich vorstellen kann", sagte Rebstock SPIEGEL ONLINE.

Doch was schrieb die Journalistin in der Wirtschaftszeitung "Diário Económico", dass so viele Portugiesen sich Schwäbisch Hall als Paradies auf Erden vorstellen? Der Artikel mit der Überschrift "Lernen Sie die deutsche Stadt kennen, die Portugiesen beschäftigen will" verspricht den von hoher Arbeitslosigkeit gequälten Portugiesen eine Stadt, in der Milch und Honig zu fließen scheinen. 2700 Euro könne man dort im Durchschnitt verdienen, die Schule für die Kinder koste nichts, auch Studiengebühren seien erst kürzlich abgeschafft worden, zu verdanken sei das einem grünen Ministerpräsidenten. Außerdem gebe es in Schwäbisch Hall keine Staus, nicht einmal zu den Hauptverkehrszeiten, weiß Madalena Queirós weiter zu berichten.

"Die Arbeitsagentur verspricht, alles zu tun"

Das ist noch nicht alles: Auch mit "gesunder Ernährung" könne die Stadt aufwarten. Und weil sie ihre Landsleute kennt, versäumt die Autorin es auch nicht, einige Bedenken gleich abzuräumen. Ob es nicht bitterkalt ist in Deutschland? Die Häuser seien darauf bestens eingestellt. Aber sind die Deutschen nicht besonders verschlossen? Auch da müsse man sich keine Gedanken machen - hilfsbereit seien sie, freundlich und zugänglich. Wer schließlich überzeugt war, wurde wie in einer Stellenanzeige gebeten: "Wenn Sie interessiert sind, senden Sie bitte Ihren Lebenslauf in englischer Sprache an schwaebischhall.arbeitgeber@arbeitsagentur.de."

Schwäbisch Hall, sonst vor allem durch die gleichnamige Bausparkasse (Slogan: "Auf diese Steine können Sie bauen") bekannt, liegt 60 Kilometer nordöstlich von Stuttgart und hat 37.000 Einwohner, der Landkreis 188.000. Aktuell sind dort knapp 3500 Menschen arbeitslos gemeldet, eine Quote von 3,4 Prozent. In der Stadt gebe es immer ungefähr 2500 offene Stellen, sagt Guido Rebstock von der Arbeitsagentur.

Für die Menschen aus den EU-Krisenstaaten sind das Traum-Verhältnisse, denn dort ist der Arbeitsmarkt in einem schwierigen bis trostlosen Zustand. So meldete Spanien kürzlich ein neues Rekordtief mit 4,7 Millionen Arbeitslosen. In Griechenland gehen immer mehr Menschen wegen katastrophaler Jobaussichten auf die Straße, auch in Portugal hat sich die Lage noch kaum entspannt. Schwäbisch Hall scheint da allemal ein attraktiver Ausweg zu sein.

Einige Tage nach dem Bericht erschien ein neuer Artikel, dass sich bereits über 2000 Menschen in der händeringend nach Arbeitskräften suchenden Stadt gemeldet haben. Nicht nur die Arbeitsagentur erhielt Post, alle Unternehmen in der Stadt fanden Bewerbungen vor. Robert Gruner, Sprecher der Stadt sagte: "Sie haben E-Mails an jede Adresse geschrieben, die sie auf unserer Website finden konnten, es ist unglaublich." Viele Hoffnungen hatte Madalena Queirós den Portugiesen gemacht: "Die Arbeitsagentur der Stadt verspricht, alles zu tun, um eine Stelle für Sie zu finden."

Rund 10.000 Euro kostete die Aktion, also etwa einen Euro pro Bewerber. Bis zu acht Leute musste Rebstock bei der Arbeitsagentur in den folgenden Tagen dafür abstellen, um all die Mails zu sichten, Bewerbungen zu sortieren, passende potentielle Arbeitgeber zu suchen und zu vermitteln. Die Mitarbeiter mussten Überstunden schieben.

Manche kamen direkt aus Portugal angereist

Gut fünf Prozent der Schreiben trafen auf Portugiesisch ein, neun von zehn E-Mails waren auf Englisch verfasst, der Rest auf Deutsch. Doch auch die sind nicht alle chancenreich. "75 Prozent der Bewerber haben noch Arbeit in Portugal, wir konzentrieren uns auf die arbeitslosen Portugiesen", so Rebstock.

Einige Portugiesen schrieben erst gar keine Mails, sondern waren so begeistert, dass sie direkt anreisten, vor Rebstocks Tür standen und ihn nach Arbeit fragten. In einigen Fällen klappte es sogar, direkt einen Termin mit einem passenden Arbeitgeber zu vermitteln. Ein Ehepaar kam gleich vorbei: "Die beiden waren in Garmisch zum Skifahren, hatten von dem Aufruf gehört und dachten, wenn sie schon da sind, geben sie die Bewerbung gleich persönlich ab", sagt Rebstock. Die beiden IT-Spezialisten hatten sogar Arbeit in Portugal - und würden sie für eine Stelle in Schwäbisch Hall aufgeben.

Von "ersten Erfolgen" spricht Rebstock vorsichtig, zwei Fahrer, ein Maler und zwei Mitarbeiter in einem Hotel haben bereits Jobs gefunden. Andere Bewerbungsprozesse laufen, viele Hoffnungen wird er aber enttäuschen müssen.

Angesichts des ausbleibenden großen Erfolgs hält sich selbst die Stadt zurück: "Mit so einer großen Resonanz hatten wir nicht gerechnet", sagt ein Sprecher. "Wenn wir das noch mal machen, dann in einem koordinierteren Rahmen."

Mit Material von dpa

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