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Unbezahlte Arbeit in Genf Warum ein Uno-Praktikant im Zelt schlief

  Camper David Hyde: Tagsüber versteckte er das Zelt unterm Schreibtisch  Zur Großansicht
Patrick Gilliéron Lopreno

Camper David Hyde: Tagsüber versteckte er das Zelt unterm Schreibtisch

Ein Zimmer im teuren Genf konnte Uno-Praktikant David Hyde sich nicht leisten. Also zeltete er an der Rhône. Jetzt hat der junge Neuseeländer genug und ruft zur Revolte gegen unbezahlte Praktika auf.

"Hiermit gebe ich meinen Rücktritt als Praktikant der Uno bekannt." Um diesen Satz zu sagen, hat David Hyde, 22, eine Art Pressekonferenz anberaumt, auf dem belebten Place des Nations mitten in Genf. Im Hintergrund fahren Autos durchs Bild, Hydes Hemd ist unten knittrig, als habe er es eben erst aus der Hose gezogen. Nervös fährt er sich durch die Haare und beißt sich auf die Lippe: "Im Moment ist es zu schwierig, mich auf meine Aufgaben als Praktikant zu konzentrieren."

Noch vor einer Woche saß der junge Neuseeländer an einem Schreibtisch im Völkerbundpalast, nur einen Steinwurf von hier entfernt. Sechs Monate sollte sein Praktikum bei den Vereinten Nationen in Genf dauern, erst vor zwei Wochen hatte er es begonnen. Es passte perfekt in seinen Lebenslauf: abgeschlossenes Studium der Internationalen Beziehungen, davon ein Semester an der Sciences Po, einem Pariser Institut für politische Studien. Der einzige Haken: Das Praktikum war unbezahlt - aber Genf ist eine der teuersten Städte der Welt und neben Brüssel Europas Hauptstadt für Arbeitsnomaden.

Eine bezahlbare Wohnung findet David Hyde nicht. Also geht er die Sache pragmatisch an: Er kauft ein Zelt und campt in der Stadt. Nachts schläft er auf einer Grünfläche an der Rhône, tagsüber geht er im Business-Outfit ins Büro. Seine Kollegen ahnen davon nichts, das Zelt versteckt er unter dem Schreibtisch.

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Arbeitsnomaden: Die teuersten Städte der Welt
"Niemand hat mich gezwungen, im Zelt zu schlafen", stellt Hyde auf seiner improvisierten Pressekonferenz klar. "Aber aufgrund der Rahmenbedingungen des Praktikums habe ich keine andere Möglichkeit gesehen." Das Zelt-Leben mitten in der Großstadt ist härter als gedacht, vor allem bei Regen.

"Worst. Internship. Ever"

Nach einigen Tagen wird ein Journalist auf den jungen Camper aufmerksam. Sein Artikel in der "Tribune de Genève" löst eine mediale Kettenreaktion aus: Binnen weniger Stunden erhält Hyde zig Medienanfragen, selbst in seiner Heimat am anderen Ende der Welt wird über das "Worst. Internship. Ever" berichtet.

Es ist peinlich für die Vereinten Nationen, schließlich fordern sie in ihrer Menschenrechts-Charta gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Die Kritik ist indes nicht neu: In den Praktikantenstädten Genf und Brüssel, wo Uno, EU und viele Nichtregierungsorganisationen (NGO) sitzen, geht nichts ohne schlecht bis gar nicht bezahlte Studenten und Berufsanfänger. Wie viele es genau sind, hat niemand gezählt - es dürften Tausende sein. Sie bleiben nur für wenige Wochen oder Monate, die Metropolen werden so zu Umschlagplätzen für billige Arbeitskräfte auf Zeit.

"Einige Unternehmen nutzen die angespannte Lage auf dem Arbeitsmarkt aus, indem sie Praktikanten einstellen, statt Jobs für Berufseinsteiger zu schaffen", sagt Nicholas Wenzel vom Portal InternsGoPro, wo Praktikanten Arbeitgeber bewerten können. In Deutschland habe das Mindestlohngesetz viel verändert: Seit 1. Januar haben Absolventen das Recht auf einen Mindestlohn von 8,50 Euro; den erhalten auch Studenten, die ein freiwilliges Praktikum von mindestens drei Monaten machen. Für Unternehmen gebe es aber noch viele Schlupflöcher, so Wenzel.

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Berufsanfänger in Brüssel: Wo bin ich denn hier gelandet?
Doch das junge Prekariat begehrt auf: In den vergangenen Jahren sind einige informelle Praktikanten-Gewerkschaften wie die Geneva Interns Association (GIA) und Pay Your Interns entstanden. Sie organisieren Treffen und Protestaktionen oder führen ein Gütesiegel für Firmen ein, wie Wenzel und seine Mitstreiter. "Dadurch können Praktikanten auf einen Blick sehen, was sie von dem Unternehmen erwarten können."

Mangelnde Transparenz lässt sich der Genfer Uno nicht vorwerfen. Auf ihrer Website macht die Organisation klar: "Praktika werden nicht bezahlt. Kosten für Visa, Reisen und Unterbringung haben die Praktikanten zu tragen bzw. ihre Sponsoren" - was größtenteils die Eltern sein dürften.

Wohnungsangebote von netten Genfern

Die Bedingungen werden von den Praktikanten in der Regel stillschweigend geduldet. Arbeitgeber wie Uno und EU machen sich gut im Lebenslauf, und wegen der hohen Fluktuation können Praktikanten sich kaum organisieren. Kommt doch einmal Kritik auf, wie im Fall von Hyde, reagiert die Uno umgehend: Die Uno bezahle ihre Praktikanten nicht, weil eine Resolution der Generalversammlung ihr das verbiete, heißt es in einer Pressemitteilung am Tag nach Erscheinen des Artikels. "Die Mitgliedstaaten erlauben nicht, Praktikanten zu bezahlen, auch wenn die Uno das gern wollte."

Nicht an der Uno selbst soll es also liegen, sondern an den Mitgliedern - also sieht sich niemand verantwortlich. Entsprechend deftig sind die Kommentare auf der Facebook-Seite der Uno: "Sklaven, die nicht essen oder schlafen, werden bei der Uno in Genf ihr Glück finden", schreibt ein User. Ein anderer fasst es kürzer: "Schäm dich, Uno!"

David Hyde hat es offenbar nicht darauf angelegt, zur Galionsfigur rebellierender Praktikanten zu werden. Öffentlich Aufmerksamkeit für ihre Lage erregen wollte er aber schon: "Weltweit sollten sich Praktikanten zusammentun, um für ihre Werte und Rechte einzustehen", fordert er in seinem Statement. Warum er sein Praktikum geschmissen hat, verrät Hyde nicht und war auch für SPIEGEL ONLINE nicht zu erreichen. Er sagt nur: "Die Uno hat mich nicht gebeten zu gehen und in keiner Weise Druck auf mich ausgeübt." Vielleicht wurde ihm der Medienrummel zu viel. Im Zelt hätte er jedenfalls nicht mehr schlafen müssen: Nach Erscheinen des Artikels bekam Hyde Wohnungsangebote von hilfsbereiten Genfern.

Ob er die annimmt oder nach Neuseeland zurückgeht - auch das behält Hyde für sich. "Egal was er vorhat, wir werden versuchen, ihm zu helfen", zitiert die britische "Daily Mail" seine Mutter. Von den Lebensumständen ihres Sohns in der Schweiz habe sie aus der Zeitung erfahren. Den Sinn fürs Pragmatische scheint Hyde demnach von ihr zu haben: "Ich hoffe nur, dass er genug isst und sich warm anzieht", sagte sie der Zeitung. "Wenigstens ist gerade Sommer."

  • Anja Tiedge (Jahrgang 1980) arbeitet als freie Journalistin in Hamburg.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 72 Beiträge
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1.
blurps11 13.08.2015
Solche internships, um den Lebenslauf aufzubessern, sind halt nur für Sprösslinge aus wohlhabenden Familien gedacht. Was bildet sich dieser Nichtleister denn eigentlich ein ? Hätte er sich doch reiche Eltern ausgesucht. Selbst Schuld.
2. Der allgegenwärtige Praktikantenmissbrauch
Georg_Alexander 13.08.2015
führt zu Chancenungleichheit. Wenn Papi oder Mami sich das Praktikum der Kinder leisten kann, dann stehen diese letztlich mit den interessanteren Lebensläufen in ihrer Bewerbung da. Klassengesellschaft - nein danke!
3. Differenzieren ist besser als reflexhaft solidarisieren
kalle blomquist 13.08.2015
Man muss das nach meiner Erfahrung differenziert sehen und behutsam beschreiben. Praktikanten sind meist noch sehr unbeholfen im täglichen Arbeitsprozess; sie haben oft gute Ideen und können auch bie kleinen Ausarbeitungen gut helfen, aber es fehlt ihnen einfach die Erfahrung. Daher müssen "gestandene" Mitarbeiter alles genau begleiten und kontrollieren und der "Input" (was ich in den Praktikanten an eigener Arbeitszeit investiere) und der "Output" (was der Praktikant produktiv liefert) hält sich ungefähr die Waage. Daher kann ich Praktikanten nicht "richtig" bezahlen; ich sollte als faierer Unternehmer aber wenigstens ein kleines Geld zahlen, um soziale Schieflagen zu mildern. Wenn gesetzlich vorgeschrieben wird, dass ich sie als Arbeitnehmer voll bezahlen muss, nehme ich natürlich keine mehr und suche mir dann fürs gleiche Geld lieber produktive Arbeitnehmer. Das würde aber niemandem nutzen und allen schaden, denn in den Unis lernen die Youngsters zwar die Theorie, aber nicht die Praxis; sie brauchen daher Praktika und können dafür sowenig ein "richtiges" Gehalt erwarten, wie sie ein solches durch das Lernen im Hörsaal erhalten. Aber fair muss es zugehen und ausbeuten darf man die ´jungen Leute nicht! (Das wäre der Fall, wenn man nichts in sie investiert, viel aus ihnen herauszuholen bestrebt ist und trotzdem nichts zahlt).
4. Veto
tailspin 13.08.2015
Wer braucht die UNO ueberhaupt? Ich glaube nicht, dass man da etwas gescheites lernen kann, was die Menschheit weiterbringt.
5. Hmm...
chb_74 13.08.2015
Ohne Frage ist es kaum verständlich, wenn qualifizierte junge Leute "für umsonst" in solchen Organisationen tätig sein sollten. Ein ordentliches Gehalt ist zwar kaum zu fordern, aber freie Logis (es reicht ein einfaches Zimmerchen an der Peripherie der Stadt) und "Taschengeld" je nach Lebenshaltungskosten des Ortes sollte auf jeden Fall inklusive sein in der Praktikumszusage! Auf der anderen Seite ist der gute Mann aber auch hoffnungslos naiv: a) steht klipp und klar auf der Webseite, dass es keine Bezahlung gibt und b) ist es nicht allzu schwer herauszufinden, dass Genf unfassbar teuer ist. Wenn er also unbedingt dort Lebenslaufpolitur betreiben will, dann muss er eben Geld mitbringen, viel Geld. So what? Er wird ja nicht betrogen, die Bedingungen sind nur einfach völliger Mist. Ich habe mal wieder das Gefühl, dass hier ein Einzelschicksal pars pro toto stehen soll, nur ist das Einzelschicksal ziemlich ungünstig gewählt, weil es sehr exotisch ist und eben nicht "pro toto" spricht. Der Mann würde, von der Sciences Po kommend, auch ohne UNO-Praktikum einen guten Job finden können...
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