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Arbeiten in Skandinavien Das Märchen vom Sechs-Stunden-Tag

Zwei Stunden weniger arbeiten für das gleiche Gehalt, das bieten einige Firmen in Skandinavien an. In den sozialen Medien wird das Experiment gefeiert. Aber wird im Norden jetzt wirklich weniger gearbeitet? Quatsch, schreibt Maddy Savage aus Stockholm.

Zur Person
  • privat
    Maddy Savage stammt aus England und lebt seit 2006 in Schweden. Sie war früher Journalistin bei BBC News und arbeitet seit September 2014 bei "The Local", einem News-Portal von Ausländern für Ausländer. Dort erschien ihr Artikel zuerst.
Kurz vorm Mittagessen bekam ich einen Anruf von einem großen britischen Rundfunksender. Der Redakteur fragte, ob ich ihm etwas über "Schwedens neuen Sechs-Stunden-Tag" erzählen könne. Er habe darüber einen Artikel im "Sydney Morning Herald" gelesen.

Ich habe die Bitte freundlich abgelehnt. Normalerweise teile ich mein Wissen über Schweden und das Leben hier gern mit anderen Journalisten. Diesmal ging das nicht. Weil die Sechs-Stunden-Woche in meiner Wahlheimat schlichtweg kein Massenphänomen ist.

Es mag stimmen, dass Schweden unter den europäischen Länder mit den wenigsten Arbeitsstunden ist, weil den Einwohnern tatsächlich etwas an Work-Life-Balance liegt. Aber ich kenne niemanden, dessen Arbeitgeber verkürzte Arbeitstage anbietet - und ich habe in den vergangenen 13 Monaten in Stockholm bestimmt an die hundert Menschen näher kennengelernt. Von Expats, die in Start-ups arbeiten, bis zu gebürtigen Schweden mit Jobs in Schulen, Medienhäusern oder großen Unternehmen: Nicht einer, der vor der Kaffeepause am Nachmittag nach Hause geht.

13 Jahre alte Beispiele

Man kann es dem britischen Journalisten nicht verübeln, wenn er denkt, ein Großteil der Schweden mache um drei Uhr nachmittags Feierabend. Presseberichte auf der ganzen Welt vermitteln diesen Eindruck.

Dem "Sydney Morning Herald" zufolge "führen Unternehmen im ganzen Land kürzere Arbeitszeiten ein, damit die Angestellten mehr Zeit zu Hause oder mit Dingen verbringen können, die sie gern machen". Die Website "Science Alert" berichtete: "In Schweden wird der Sechs-Stunden-Tag zur Norm." Der britische "Independent" schrieb, das ganze Land "stellt auf Sechs-Stunden-Tag um, weil dadurch die Produktivität erhöht wird und die Menschen glücklicher sind". Und so weiter.

Für uns hier in Schweden sind die in den Artikeln zitierten Beispiele alt. Autohändler in Göteborg, Schwedens zweitgrößter Stadt, haben die Sechs-Stunden-Woche vor 13 Jahren eingeführt. Der Gemeinderat von Kiruna, im äußersten Norden Schwedens, bot seinen 250 Angestellten in den Achtzigerjahren den Sechs-Stunden-Tag an (um ihn 2005 wieder abzuschaffen).

Das aktuellste Beispiel ist ein Seniorenheim in Westschweden, das die Sechs-Stunden-Tage seit Februar testet. Seither haben ein paar Unternehmen verkündet, kürzere Arbeitstage ausprobieren zu wollen, darunter ein Krankenhaus in Göteborg und ein paar Start-ups, die sich von der Aktion offensichtlich Aufmerksamkeit erhoffen.

Fotostrecke

13  Bilder
Top 5 und Flop 5: Work-Life-Balance im Ländervergleich
Die meisten Firmen, die das Konzept getestet haben, berichten über positive Auswirkungen, von effizienteren Mitarbeitern bis hin zu weniger Krankheitstagen. Es wäre also nur logisch, dass andere Unternehmen die Idee bald aufgreifen. Aber die Behauptung, schwedische Firmen würden sich darum reißen, ihren Mitarbeitern kürzere Arbeitstage anzubieten, ist schlicht und einfach falsch. Vom Sechs-Stunden-Tag ist Schweden weit entfernt.

"Ich bin an meiner Grenze angelangt", seufzt ein schwedischer Medienvertreter. "Selbst wenn ich um halb sechs nach Hause gehe, checke ich meine Mails auch abends und am Wochenende."

Und wie sieht es mit den Australiern aus, die hier in Stockholm arbeiten?

"Ich habe den Artikel im 'Sydney Morning Herald' heute Morgen beim Frühstück gelesen und musste lachen", sagt Vertriebsmanagerin Claudia Reiners aus Melbourne. "Ich arbeite wöchentlich ungefähr 50 Stunden - mehr als die meisten Australier, die eine 40-Stunden-Woche haben."

Eine aus Australien stammende Rechtsanwältin konnte über die Berichte nicht wirklich lachen. Sie hat sich erst kürzlich dabei ertappt, wie sie freitags um ein Uhr morgens Akten bearbeitete. "Es kursieren Geschichten über junge Anwälte, die in großen Kanzleien unter ihren Schreibtischen übernachten", sagt sie. "Das ist nicht anders als in London oder Sydney - nur, dass sie hier unter schicken skandinavischen Tischen schlafen."

Dieser Artikel erschien zuerst bei "The Local".Übersetzung: Anja Tiedge

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insgesamt 87 Beiträge
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1. Man darf nur eines nicht vergessen,
pace335 06.10.2015
wenn man einen 6 Stunden Vertrag hat und dann doch 8 Stunden arbeitet bekommt man halt 2 Stunden zusätzlich vergütet.
2.
moneysac123 06.10.2015
Fixe Arbeitszeiten für Menschen die Denkarbeit machen ist doch sowieso Quatsch. Es werden doch immer flexible Mitarbeiter gefordert. 40h/Woche bedeutet, dass die anfallende Arbeit auch 40h verteilt wird, die man in einer 20h Woche auch in 20h erledigen würde. Viel sinnvoller wäre es, keine Zeitvorgabe zu machen, sondern Leistungsziele zu setzen. In Stoßzeiten arbeitet man dann eben mal länger, im Sommerloch weniger. Die meisten Probleme werden sowieso im Schlaf gelöst, nicht im Büro. Gleichzeitig erhöht das die Autonomie der Mitarbeiter, was die Zufriedenheit erhöht. Bisher wird das nur aus Angst vor Sozialschmarotzern nicht gemacht, 95% der Angestellter werden unnötigerweise geknechtet und von ihrer vollen Leistung abgehalten, weil die Chefs die max. 5% fürchten, die offene Systeme missbrauchen (dann müssten sie sich eingestehen, dass sie bei der ach so tollen Personalauswahl fehlbar sind).
3. ich hab das auch vor
tart 06.10.2015
ich arbeite im Schnitt 3 h am Tag. 4,5 h lang surfe ich oder rede mit Kollegen. Trotzdem bin ich (mit Verlaub) extrem erfolgreich in der Forschung und Entwickung tätig. Viele Jobs lassen sich eben in weniger als den üblichen 40 h erledigen.
4. Sehnsuchtsländer
sober 06.10.2015
Wer in Deutschland lebt und den neoliberalen sozialen Kahlschlag seit den Schröder-Jahren miterlebt hat, kann gar nicht anders als in Schweden und Norwegen Sehnsuchtsländer zu erblicken, und zwar ungeachtet der Tatsache, dass natürlich auch dort nicht alles Gold ist was glänzt. Immerhin betrachtet die politische Klasse dort den Sozialstaat noch als ein Ideal und hohes Gut, nicht als bloßes Hemmnis für die Wettbewerbsfähigkeit des Landes.
5. Selbst 6 Stunden Tag noch zu lang !
postmaterialist2011 06.10.2015
Ich habe im BWL-Studium schon Anfang der 90iger Jahre gelernt, dass man spätestens ab der 2000er Jahre maximal 30 Stunden in der Woche bei vollem Lohnausgleich arbeiten würde, weil der Produktivitätszuwachs dies erlaube. Ich habe dann mit 35 Stunden im Arbeitsvertrag angefangen und bin heute wieder bei 40 Stunden die ich in der Woche anwesend zu sein habe. Die meisten Bürojobs sind in 4 bis 5 Stunden am Tag spielend zu machen, den Rest verschwenden die meisten Angestellten mit unnützen Meetings, mit Kollegen zu quatschen, sich einen Kaffee zu holen oder auch im Internet abzuhängen. Das Ergebnis sollte zählen und nicht die Anzahl der abgeleisteten Stunden, leider wird dies bei vielen Führungskräfte auf taube Ohren fallen, da sie meist selbst ausser der Arbeit keine Interessen haben und mit der zusätzlichen Zeit gar nichts anfangen können. Schade eigentlich.
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