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11. April 2012, 06:40 Uhr

Was ist Heimat?

Ein Brot geht um die Welt

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Auf der Parkbank sitzen? Kaffee trinken? Zu Hause vor dem Fernseher hocken? Das ist nichts für Dieter Peterscheck. Der pensionierte Bäcker reist um den Globus, schult Menschen in Nepal, Mosambik oder Kasachstan in deutscher Brotbackkunst - und exportiert so ein Stück Heimat in die weite Welt.

Dieter Peterscheck, 66, kann in neun Sprachen Mehl, Wasser, Hefe und Salz sagen. Er hat die Wörter in den vergangenen vier Jahren gelernt, so lange ist er jetzt schon im Ruhestand. Ruhe hat er in dieser Zeit wenig gehabt. In den vier Jahren hat er mehr Länder bereist als in den 62 Jahren davor. Er war in Nepal, in Lettland, in Kasachstan, Moldau und Mosambik. In Rumänien, Kirgisien, Aserbaidschan und Syrien. Und überall hat man ihn nach Mehl, Wasser, Hefe und Salz gefragt - den Zutaten für deutsches Brot.

Peterscheck hat Bäcker und Konditor gelernt, in den sechziger Jahren in Westberlin. Es war ein umkämpfter Markt, irgendwann hatte er keinen Job mehr. Auf Fehmarn fand er eine Stelle in einer Bäckerei, seine Frau in einem Friseursalon. Er lebt gern auf der Insel, sie ist sein Zuhause geworden. Am Strand in der Sonne sitzen, den Wellen zuschauen, Vögel beobachten - Peterscheck weiß das zu schätzen, ein Unbehauster ist er nicht, ein Stubenhocker aber auch nicht. Und so wandelte sich der Rentner zum Weltenwanderer.

"Überleg dir, was du später mal machen willst, zu Hause 'rumsitzen, das ist nichts für dich." Peterscheck war noch nicht einmal 60, als seine Frau das sagte. Er überlegte - und fand die Lösung im Fernsehen. Es war ein Bericht über den Senior Experten Service, kurz SES, eine Stiftung der Deutschen Wirtschaft, die Senioren an kleine und mittlere Betriebe im Ausland vermittelt, damit sie dort ihr Wissen weitergeben. Malawi statt Mallorca, Hütte statt Hotel, Wassereimer statt Whirlpool - das überzeugte Peterscheck. Er meldete sich sofort an. Mit 62 ging er in Rente, wenige Wochen später saß er im Flieger nach Moldau.

Die Heimat als Prädikat

"Ich dachte, das wäre so ein Schnellschuss, um mir zu zeigen, dass ich 'was machen darf", sagt Peterscheck. Heute weiß er: pensionierte deutsche Bäcker werden weltweit händeringend gesucht, die Heimat gilt geradezu als Prädikat: "Ich könnte das ganze Jahr unterwegs sein, wenn ich wollte."

In Moldau holte ihn ein junger Mann am Flughafen ab, er hatte in Deutschland studiert und wollte nun sein Heimatdorf mit deutschem Brot versorgen. Peterscheck zog bei der Familie des Mannes ein. Er inspizierte die Geräte in der Backstube und die Regale im Verkaufsraum, studierte Einkaufslisten und Preise, erkundigte sich nach Kunden und Lieferanten. "Zuhören ist am Anfang das Wichtigste", sagt er. "Einfach das Modell der eigenen, deutschen Bäckerei übertragen, das geht nicht."

2000 Rezepte hat Peterscheck seit seiner Lehrzeit gesammelt. Er brauchte Monate, um sie in den Computer einzutippen. Jetzt hat er sie auf Festplatte und schleppt sie mit in alle Welt. Ein kleiner Schatz, ein Stück Deutschland. Vor Ort tüftelt er an Variationen, ersetzt helles Mehl durch dunkles - oder Marmelade durch Hackfleisch. Sein Berliner mit Hack wurde in Kirgisien zum Verkaufsschlager.

In der kleinen moldauischen Bäckerei steigerte der Rentner die tägliche Brotproduktion innerhalb von nur 30 Tagen um 1900 Prozent: von 20 auf 400 Brote. Dann fuhr er wieder nach Hause.

Drei Euro Taschengeld

Vier bis sechs Wochen dauern die Einsätze der Pensionäre im Schnitt, maximal sechs Monate dürfen sie im Auftrag des SES unterwegs sein, dann müssen sie zurück in die deutsche Heimat. Mehr als 10.000 Rentner hat die Stiftung in ihrer Datenbank, darunter 62 Bäcker - von denen im vergangenen Jahr 48 auf Reise waren.

Aktuell sind insgesamt 162 Pensionäre unterwegs. "Das hört sich nach wenig an, aber für eine Anfrage müssen wir auch drei bis vier Experten ansprechen", sagt Julia Haun vom SES. Manchmal haben die Rentner in der angefragten Zeit gerade die Enkel zu Besuch oder sind im Urlaub. Oder die Anforderungen erscheinen ihnen zu speziell. Bis der passende Experte gefunden ist, kann bis zu ein halbes Jahr vergehen - oder auch nur drei Wochen.

Um Visum, Versicherungen und Impfungen für die Pensionäre kümmert sich der SES. Die Auftraggeber zahlen die Reisekosten, stellen eine Unterkunft zur Verfügung, kochen und waschen für ihren Senioren und geben ihm ein Taschengeld in Landeswährung, umgerechnet meist zwischen drei und zehn Euro pro Woche, "damit man sich vor Ort auch mal eine Cola kaufen kann", so Haun.

Wenn mal etwas schiefläuft, ist in den meisten Ländern ein ehrenamtlicher Repräsentant des SES zur Stelle, häufig ein Deutscher, der vor Ort lebt und arbeitet, etwa für die Auslandshandelskammern oder die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit.

"Du bist schon wieder so unruhig"

Peterscheck hat bei seinen Reisen bisher immer draufgezahlt, aber das sieht er locker, schließlich ist jeder Einsatz ja auch eine Art Urlaub - mit einheimischem Reiseführer. In Kasachstan kutschierte ihn sein Gastgeber drei Stunden lang zum nächsten Salzsee, in Nepal holperte er auf dem Beifahrersitz bis zu einer Ziegenalm in 3000 Metern Höhe, in Kirgisien bekam er Golfen beigebracht.

"Was ich da alles erlebe, das erlebt kein Tourist", sagt Peterscheck. Er sei fast schon süchtig nach seinen Einsätzen. "Du bist schon wieder so unruhig", hat seine Frau gerade erst wieder zu ihm gesagt. Das sagt sie immer, wenn er länger als ein paar Wochen am Stück zu Hause ist. Doch die nächsten Reiseziele stehen schon fest: Kasachstan, Kirgisien, Bolivien. "Mein Arzt sagt, auf Fehmarn hat niemand so viele Impfungen wie ich", sagt Peterscheck.

Wer ihn am Flughafen abholt, wo er wohnen wird, das erfährt er immer erst vor Ort. Vor der Reise bekommt er nur die wichtigsten Infos: Wer ist der Auftraggeber, wie groß ist die Bäckerei? "Und darauf kann man sich auch nur bedingt verlassen", sagt Peterscheck.

Seine Gastgeberin aus Damaskus sagte ihm, sie habe ein Geschäft "mit vielen Leuten". Es waren drei. In Kasachstan hieß es, es handele sich um "einen mittleren Betrieb". Angestellt waren 600 Menschen. In Rumänien sagte der Bäcker, seine Bäckerei sei "fast modern". Sie hatte Hightech-Standard.

Nur auf eines könne er sich immer verlassen, sagt der Senior: die internationale Bäckersprache: "Bäcker verständigen sich mit den Händen - und Teig knetet man überall gleich."

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