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Taxifahrerinnen in Istanbul Frau am Steuer? Ungeheuer!

Taxifahrerin in Istanbul: Allein unter Männern Fotos
Kristina Karasu

Wer in Istanbul ins Taxi steigt, wird fast immer von einem Mann gefahren. Nur etwa 20 Fahrerinnen sitzen in der ganzen Stadt hinterm Steuer. Eine davon ist Fatma Ayten. Um zwischen Diesel-Gestank und Macho-Ritualen zu überleben, muss sie Stärke zeigen. Und im richtigen Moment mitweinen.

"Ach, Sie werden uns fahren?" Erstaunt blickt der Fahrgast vor dem Istanbuler Hotel auf die energiegeladene Frau mit roten Nägeln und klirrenden Ohrringen, die sich hinter das Steuer des Taxis setzt. "Ich wußte gar nicht, dass es Frauen wie Sie in Istanbul gibt."

Sprüche wie diese hört Fatma Ayten, 51, täglich. Pausenlos erntet die Taxifahrerin Blicke von Passanten, manche klatschen sogar, rufen Bravo. Denn sie ist eine Exotin: Von 35.000 Taxifahrern in Istanbul sind höchsten 20 Frauen. "Ich wollte einen Beruf, in dem ich frei bin", sagt sie, "und was sich für Frauen oder Männer gehört, das war mir schon immer egal."

Der Verkehr ist höllisch. Drängeln, hupen, kilometerlange Staus - der alltägliche Wahnsinn auf Istanbuls Straßen. Nervös trommelt Fatma Ayten auf das Lenkrad, raucht eine Zigarette nach der anderen. Um 5 Uhr morgens hat ihr Dienst begonnen. Jetzt brennt die Mittagshitze, die Klimaanlage ist kaputt und im Portemonnaie zu wenig Geld. Umgerechnet 60 Euro muss sie täglich als Wagenmiete an den Taxistand zahlen, dazu kommen Spritkosten. Erst danach verdient sie für sich. Manchmal nur 30 Euro am Tag. Der Druck sitzt allen Fahrern im Nacken.

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An einem belebten Taxistand bricht ein Kollege einen Streit vom Zaun. Sie kontert energisch, doch irgendwann hat sie genug und braust davon. "Eigentlich könnte jeder in diesem Beruf arbeiten", sagt sie, "aber die Männer machen ihn so anstrengend - durch ihren aggressiven Fahrstil, das Fluchen, die Streitereien."

Früher besaß die Türkin mit ihrem Ex-Mann eine Importfirma für Vitaminpräparate. Als Ehe und Geschäft nicht mehr funktionierten, zog sie mit ihren beiden Kindern vor acht Jahren nach New Jersey, USA. Doch sie durfte nicht bleiben. 2011 kehrte sie zurück nach Istanbul. Nun will sie einen Neuanfang wagen - und fährt seit vier Monaten Taxi.

Bisher liebt sie ihren Beruf, vor allem wegen der Fahrgäste. Die meisten erzählen Ayten spontan ihr Leben, nicht immer sind das schöne Geschichten. "Heute früh stieg ein älteres Paar ein. Ihre erwachsene Enkeltochter wurde vor zehn Tagen ermordet. Sie waren vollkommen verzweifelt. Und gestern fuhr ich eine frisch geschiedene Frau in die Klinik, zu ihrer Abtreibung. Wir haben zusammen geweint." Zuhören, Ratschläge erteilen oder einfach nur Beistand leisten - Fatma Aytens mütterliche Seite ist oft gefragt.

Viele Chefärztinnen, wenige Taxifahrerinnen

Sie kennt nur wenige Kolleginnen. Das hat vor allem soziale Gründe. Besonders in wenig gebildeten, konservativen Familien sieht man es nicht gerne, wenn die Frauen an fremden Orten arbeiten, gar noch mit fremden Männern Umgang haben. Und so sind fast alle Handwerker, Kellner oder Taxifahrer der Türkei männlich.

Dabei gibt es in der Türkei so viele Frauen in Spitzenpositionen wie in wenigen Ländern Europas: Professorinnen, Ärztinnen, weibliche Vorstandsvorsitzende von Konzernen - alles türkische Normalität. Doch je niedriger der Bildungsstand, desto größer die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Die Frauenerwerbsquote liegt in der Türkei bei unter 30 Prozent. In Deutschland sind es fast 72 Prozent.

Dabei würde die Istanbuler Taxi-Gewerbekammer gerne mehr Taxifahrerinnen sehen, so Pressesprecherin Nigar Ayyildiz: "Wenn eine Frau am Steuer sitzt, sind die Wagen sauberer und der Fahrstil vorsichtiger. Wir würden uns wünschen, dass das auf die Männer abfärbt." Doch in der Realität passiert das Gegenteil: "Die Taxifahrerinnen, die im Beruf bestehen, werden wie Männer. Anders halten die das gar nicht durch." Die meisten Frauen hängen den Beruf spätestens nach einem Jahr an den Nagel - zu gefährlich, zu männerdominiert, zu anstrengend.

"Gott entscheidet, wann wir sterben"

So lang wie Taxifahrerin Nebahat Koctemiz, 59, hat es kaum eine Frau in dem Job ausgehalten. Neun Jahre lang fuhr sie Taxi, bis sie wegen Rückenproblemen im letzten Jahr aufhören musste. Die energische Frau mit der tiefen Stimme ist stadtbekannt, trat sogar schon in Fernsehshows auf. Sie fuhr Nachtschichten im Istanbuler Partyviertel Beyoglu, kutschierte Betrunkene, Transvestiten und Mädchen in Feierlaune. Ihr erwachsener Sohn war immer gegen ihren Beruf, aus Sorge.

Nicht unbegründet: Drohungen, versuchte Raubüberfälle, unberechenbare Jugendliche, die Klebstoff schnüffeln - all das hat sie in ihrem Taxi erlebt. "Aber Angst hatte ich nie", sagt sie, "denn es liegt in Gottes Hand, wann wir sterben sollen." Das meiste ließe sich ohnehin mit ruhigen Worten lösen. Bloß hätten nicht alle Frauen das nötige Selbstbewusstsein dafür.

Am Nachmittag sitzt Fahrerin Fatma Ayten müde, aber zufrieden, vor einem Becher schwarzen Kaffees im Küchenhäuschen ihres Taxistandes. Nach einer Zehn-Stunden-Schicht hat sie endlich Feierabend. Sie ist umringt von Männern, einer lauter als der andere, unrasierte Jünglinge neben Herren in gebügeltem Hemd. Es herrscht raue Herzlichkeit. Unter den 90 Fahrern am Taxistand Cinaryolu ist Ayten die einzige Frau.

"Mein Chef unterstützt mich sehr, die Kollegen auch," sagt sie. "Aber so einige von ihnen sehen herab auf mich. Sie wissen einfach alles besser." Während Fatma Ayten erzählt, versucht ein Kollege permanent das Wort zu ergreifen. Mit ein paar resoluten Worten bringt sie ihn zum Schweigen. Ayten seufzt: "Die denken alle, sie wären die perfekten Fahrer." Das allerdings ist kein türkisches Phänomen.

  • privat
    KarriereSPIEGEL-Autorin Kristina Karasu (Jahrgang 1983) studierte angewandte Kulturwissenschaften und arbeitet als freie Journalistin und Dokumentarfilmerin in Essen und Istanbul.

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insgesamt 11 Beiträge
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    Seite 1    
1. in Istanbul nie wieder
earl grey 19.09.2013
Zitat von sysopWer in Istanbul ins Taxi steigt, ..
Das werde ich in Istanbul nie wieder machen. Egal ob da ein Mann oder eine Frau am Steuer sitzt. Ich bin beruflich seit vielen Jahren weltweit unterwegs und fahre überall Taxi... nur in Istanbul halte ich den einsamen Rekord, bei JEDER Fahrt massiv von den Fahrern betrogen worden zu sein. Da gab es Taschenspielertricks mit schnellem Austausch von Geldscheinen ("das ist leider zu wenig") bis zu Androhung von körperlicher Gewalt, was ich schon als Raub werte. Ein sicheres Zeichen ist, wenn der Fahrer nicht beim Hotel direkt vorfährt ("da ist gerade eine Baustelle"), sondern auf einem Hinterhof des Hotels hält... hatte ich fast immer. Da wusste ich dann schon, das wird jetzt eine härtere Nummer. Egal wo auf der Welt, ob in Sao Paulo, Bangkok oder Manila oder sonstwo; da wird mal ein kleiner Umweg gefahren, aber meist hatte ich nie Probleme.
2. optional
mayazi 19.09.2013
Ich bin nach einem Beinbruch eine Weile täglich mit dem Taxi gefahren, und mir haben so einige der Fahrer erzählt, dass sie ihre Kolleginnen für die besseren Autofahrer halten.
3. Schwarzmalerei
nano6868 19.09.2013
Ein Beispiel für Schwarzmalerei und Beweis dafür, dass die Autorin den Kultur des Landes nicht verstanden hat außer alles nur aus europäischer sich zu betrachten. Die Welt besteht halt nicht nur aus Europa. Ich sehe gerade zwei Artikeln auf SPON Seite, die fast untereinander stehen, eine über Syrien (http://www.spiegel.de/reise/fernweh/palmyra-aleppo-bosra-abschied-von-syrien-als-reiseland-a-922858.html) und der andere über Istanbul (http://www.spiegel.de/karriere/ausland/taxifahrerin-in-istanbul-als-frau-die-exotin-unter-lauter-maennern-a-923043.html. Über Syrien werden paradiesische Reise-Erinnerungen geschildert, aber wenn es um Türkei geht bekommt man nur grausame Schilderungen zu hören, als ob das dort das der Alltag wäre. Aus kulturellem Hintergrund her gesehen kann ich mir nicht vorstellen, dass in Syrien Taxifahrerinnen besser haben als in Istanbul, wenn sie überhaupt existieren sollten. Das ist aber typisch für die deutsche Presse und hätte aber auch nichts anderes erwartet vor allem nach den unzähligen Falschmeldungen über die Proteste in der Türkei. Die Hetzkampagne der deutschen Medien gegen die Türkei geht also weiter.
4. optional
mczeljk 19.09.2013
Ich kann hier jedenfalls keine Hetzkampagne sehen. Ist doch ein schöner Artikel, dem ich mich eigentlich seit vorgestern anschließen kann: Ich war von Sonntag bis Dienstag dort, bin vom Flughafen zum Hotel und wieder zurück mit dem Taxi gefahren. Mörderisch. Aber auch nicht ausgeraubt oder abgerippt, wie der erste Kommentar schreibt
5. Eine Heldin, eine Heldin ...
quark@mailinator.com 19.09.2013
Gäh. Mach' was Normales und gib ordentlich damit an. Was soll diese dauernde weibliche Selbstbeweihräucherung ? Im Taxi bekommen es alle Fahrer mit diesen Unannehmlichkeiten zu tun. Mancher ist Frauen gegenüber höflicher, andere nehmen sich mehr raus. Bedroht sind beide Geschlechter in diesem Job. Genau deshalb wird er auch vorwiegend von Männern erledigt. Denn was persönliches Risiko angeht, da stellen sich die lieben Frauen dann doch oft lieber hinten an.
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