Taxifahrerinnen in Istanbul Frau am Steuer? Ungeheuer!
Wer in Istanbul ins Taxi steigt, wird fast immer von einem Mann gefahren. Nur etwa 20 Fahrerinnen sitzen in der ganzen Stadt hinterm Steuer. Eine davon ist Fatma Ayten. Um zwischen Diesel-Gestank und Macho-Ritualen zu überleben, muss sie Stärke zeigen. Und im richtigen Moment mitweinen.
"Ach, Sie werden uns fahren?" Erstaunt blickt der Fahrgast vor dem Istanbuler Hotel auf die energiegeladene Frau mit roten Nägeln und klirrenden Ohrringen, die sich hinter das Steuer des Taxis setzt. "Ich wußte gar nicht, dass es Frauen wie Sie in Istanbul gibt."
Sprüche wie diese hört Fatma Ayten, 51, täglich. Pausenlos erntet die Taxifahrerin Blicke von Passanten, manche klatschen sogar, rufen Bravo. Denn sie ist eine Exotin: Von 35.000 Taxifahrern in Istanbul sind höchsten 20 Frauen. "Ich wollte einen Beruf, in dem ich frei bin", sagt sie, "und was sich für Frauen oder Männer gehört, das war mir schon immer egal."
Der Verkehr ist höllisch. Drängeln, hupen, kilometerlange Staus - der alltägliche Wahnsinn auf Istanbuls Straßen. Nervös trommelt Fatma Ayten auf das Lenkrad, raucht eine Zigarette nach der anderen. Um 5 Uhr morgens hat ihr Dienst begonnen. Jetzt brennt die Mittagshitze, die Klimaanlage ist kaputt und im Portemonnaie zu wenig Geld. Umgerechnet 60 Euro muss sie täglich als Wagenmiete an den Taxistand zahlen, dazu kommen Spritkosten. Erst danach verdient sie für sich. Manchmal nur 30 Euro am Tag. Der Druck sitzt allen Fahrern im Nacken.
An einem belebten Taxistand bricht ein Kollege einen Streit vom Zaun. Sie kontert energisch, doch irgendwann hat sie genug und braust davon. "Eigentlich könnte jeder in diesem Beruf arbeiten", sagt sie, "aber die Männer machen ihn so anstrengend - durch ihren aggressiven Fahrstil, das Fluchen, die Streitereien."
Früher besaß die Türkin mit ihrem Ex-Mann eine Importfirma für Vitaminpräparate. Als Ehe und Geschäft nicht mehr funktionierten, zog sie mit ihren beiden Kindern vor acht Jahren nach New Jersey, USA. Doch sie durfte nicht bleiben. 2011 kehrte sie zurück nach Istanbul. Nun will sie einen Neuanfang wagen - und fährt seit vier Monaten Taxi.
Bisher liebt sie ihren Beruf, vor allem wegen der Fahrgäste. Die meisten erzählen Ayten spontan ihr Leben, nicht immer sind das schöne Geschichten. "Heute früh stieg ein älteres Paar ein. Ihre erwachsene Enkeltochter wurde vor zehn Tagen ermordet. Sie waren vollkommen verzweifelt. Und gestern fuhr ich eine frisch geschiedene Frau in die Klinik, zu ihrer Abtreibung. Wir haben zusammen geweint." Zuhören, Ratschläge erteilen oder einfach nur Beistand leisten - Fatma Aytens mütterliche Seite ist oft gefragt.
Viele Chefärztinnen, wenige Taxifahrerinnen
Sie kennt nur wenige Kolleginnen. Das hat vor allem soziale Gründe. Besonders in wenig gebildeten, konservativen Familien sieht man es nicht gerne, wenn die Frauen an fremden Orten arbeiten, gar noch mit fremden Männern Umgang haben. Und so sind fast alle Handwerker, Kellner oder Taxifahrer der Türkei männlich.
Dabei gibt es in der Türkei so viele Frauen in Spitzenpositionen wie in wenigen Ländern Europas: Professorinnen, Ärztinnen, weibliche Vorstandsvorsitzende von Konzernen - alles türkische Normalität. Doch je niedriger der Bildungsstand, desto größer die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Die Frauenerwerbsquote liegt in der Türkei bei unter 30 Prozent. In Deutschland sind es fast 72 Prozent.
Dabei würde die Istanbuler Taxi-Gewerbekammer gerne mehr Taxifahrerinnen sehen, so Pressesprecherin Nigar Ayyildiz: "Wenn eine Frau am Steuer sitzt, sind die Wagen sauberer und der Fahrstil vorsichtiger. Wir würden uns wünschen, dass das auf die Männer abfärbt." Doch in der Realität passiert das Gegenteil: "Die Taxifahrerinnen, die im Beruf bestehen, werden wie Männer. Anders halten die das gar nicht durch." Die meisten Frauen hängen den Beruf spätestens nach einem Jahr an den Nagel - zu gefährlich, zu männerdominiert, zu anstrengend.
"Gott entscheidet, wann wir sterben"
So lang wie Taxifahrerin Nebahat Koctemiz, 59, hat es kaum eine Frau in dem Job ausgehalten. Neun Jahre lang fuhr sie Taxi, bis sie wegen Rückenproblemen im letzten Jahr aufhören musste. Die energische Frau mit der tiefen Stimme ist stadtbekannt, trat sogar schon in Fernsehshows auf. Sie fuhr Nachtschichten im Istanbuler Partyviertel Beyoglu, kutschierte Betrunkene, Transvestiten und Mädchen in Feierlaune. Ihr erwachsener Sohn war immer gegen ihren Beruf, aus Sorge.
Nicht unbegründet: Drohungen, versuchte Raubüberfälle, unberechenbare Jugendliche, die Klebstoff schnüffeln - all das hat sie in ihrem Taxi erlebt. "Aber Angst hatte ich nie", sagt sie, "denn es liegt in Gottes Hand, wann wir sterben sollen." Das meiste ließe sich ohnehin mit ruhigen Worten lösen. Bloß hätten nicht alle Frauen das nötige Selbstbewusstsein dafür.
Am Nachmittag sitzt Fahrerin Fatma Ayten müde, aber zufrieden, vor einem Becher schwarzen Kaffees im Küchenhäuschen ihres Taxistandes. Nach einer Zehn-Stunden-Schicht hat sie endlich Feierabend. Sie ist umringt von Männern, einer lauter als der andere, unrasierte Jünglinge neben Herren in gebügeltem Hemd. Es herrscht raue Herzlichkeit. Unter den 90 Fahrern am Taxistand Cinaryolu ist Ayten die einzige Frau.
"Mein Chef unterstützt mich sehr, die Kollegen auch," sagt sie. "Aber so einige von ihnen sehen herab auf mich. Sie wissen einfach alles besser." Während Fatma Ayten erzählt, versucht ein Kollege permanent das Wort zu ergreifen. Mit ein paar resoluten Worten bringt sie ihn zum Schweigen. Ayten seufzt: "Die denken alle, sie wären die perfekten Fahrer." Das allerdings ist kein türkisches Phänomen.
- KarriereSPIEGEL-Autorin Kristina Karasu (Jahrgang 1983) studierte angewandte Kulturwissenschaften und arbeitet als freie Journalistin und Dokumentarfilmerin in Essen und Istanbul.
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