News für ausländische Büroarbeiter Erklär mir meine neue Welt
Man spricht die Sprache, versteht aber dennoch kein Wort - so erging es Paul Rapacioli in Stockholm. Also gründete der Auswanderer eine Nachrichtenseite, von Ausländern für Ausländer. Damit erreicht er mehr als drei Millionen Leser.
Die Gründungsgeschichte der Nachrichtenseite "The Local" beginnt wie so viele Geschichten aus Schweden: mit einer blonden Frau. Im Januar 2000 traf Paul Rapacioli, 40, seine zukünftige Gattin in London. "Um 2 Uhr morgens in einer Disco. Total romantisch." Er verfiel ihrem Charme, zog nach Stockholm und kündigte seinen gut bezahlten Job bei einer großen britischen Arbeitsagentur: "Ich wollte was Neues ausprobieren und raus aus dem Firmenzeugs."
Heute betreibt Rapacioli von der schwedischen Hauptstadt aus ein eigenes kleines Medienunternehmen: eine Nachrichten-Website, die auf Englisch Nachrichten über Schweden, Deutschland, die Schweiz, Spanien, Italien, Norwegen und Frankreich verbreitet. Mit inzwischen 24 Mitarbeitern, 17 davon Journalisten, erreicht er monatlich 3,5 Millionen Leser.
Angefangen hat alles mit ein paar E-Mails. Zunächst hielt sich Rapacioli in der neuen Heimat mit englischen Songtexten für schwedische Bands über Wasser. Eines Tages besuchte er eine Dinnerparty, alle sprachen Englisch, aber er verstand trotzdem nicht, worum es ging. Die Einheimischen setzten voraus, dass alle Gäste die Namen von Politikern und anderen schwedischen Promis kannten.
Rapacioli fasste daraufhin schwedische Nachrichten auf Englisch zusammen und mailte sie an Bekannte aus seinem Sprachkurs. Diese leiteten sie wiederum an Freunde weiter. "Plötzlich baten mich wildfremde Leute, sie in den Verteiler aufzunehmen."
"The Local" beschränkt sich heute nicht mehr auf die Vermittlung von Partywissen. Das Portal prägt für viele Leser das Bild von Europa im Ausland mit. Denn die meisten Leser kommen gar nicht aus dem Land, über das die jeweilige "The Local"-Version berichtet, sondern sitzen in den USA, in Großbritannien, Indien oder Russland.
Eine US-Amerikanerin erzählt, dass ihr in Schweden lebender Ehemann ihr immer Nachrichten von "The Local" geschickt hat, um sie auf dem Laufenden zu halten. Englischsprachige Wikipedia-Einträge nutzen die Nachrichtenwebsite oft als Quelle: Bei den Stockholmer Krawallen 2013 sind 13 von 43 Referenzen "The Local"-Artikel. Googelt man in Schweden nach englischsprachigen Informationen zur Wohnungs- oder Jobsuche, landet man ebenfalls schnell bei der Nachrichtenseite.
Damit hatten die Gründer, Rapacioli und sein Kompagnon James Savage, nicht gerechnet, als sie die Seite in einer 25 Quadratmeter großen Einzimmerwohnung konzipierten. "Das Apartment haben wir von meinem Stiefvater gemietet und von dort aus gearbeitet, drei Jahre lang sieben Tage die Woche, ohne einen Tag Urlaub", erinnert sich Rapacioli. Zwei Jahre lang investierte er sein Erspartes in die Firma, dann war "The Local" profitabel. Investoren wurden aufmerksam, darunter der schwedische Investmentfonds Sixth AP Fund, und das kleine Team zog in ein richtiges Büro in Stockholm, stellte Leute ein, expandierte. Im November 2012 starteten die Seiten in Frankreich, Italien und Spanien.
Geschichten, die man am Wasserspender erzählt
Die Mischung der Nachrichten ist bunt. Knapp unter Merkels Äußerung, der griechische Euro-Beitritt könnte ein Fehler gewesen sein, findet sich in gleicher Größe der Gerichtsprozess um einen Sauna-Spanner. "Meistens geht es in der Politik ja nur um Debatten und Vorschläge, und es wird nichts entschieden", erklärt Rapacioli die Auswahl. "Jemand, der hier nur ein, zwei Jahre lebt, interessiert sich nicht für langfristig geplante Infrastrukturprojekte, sondern eher für die Geschichten, die man sich am Wasserspender erzählt."
Die kleinen Geschichten stehen im Vordergrund, die Eigentümlichkeiten eines Landes. Im Schweden-Teil geht es um die buntlackierten Fingernägel der Olympioniken, um die "Nummernsucht" der Schweden und um einen Mann, der einen flotten Elch-Dreier in seinem Vorgarten fotografiert und sagt: "Ich habe sowas nie zuvor gesehen - zumindest nicht mit Elchen."
Geld verdient "The Local" über Anzeigen und von Firmen gesponserte Artikel, die extra gekennzeichnet werden. Derzeit schreibt das Unternehmen allerdings rote Zahlen. 2012 waren es 889.000 Euro Verlust. "Wir befinden uns in der Wachstumsphase und werben immer noch neue Investoren an", sagt Savage. "Außerdem können wir an unseren neuen Stationen nicht sofort Anzeigen verkaufen." Während er mit den Besucherzahlen von Schweden - der beliebtesten Seite im "The Local"-Netzwerk - mit 700.000 bis 800.000 Besuchern pro Monat zufrieden ist, sieht es in den großen Ländern Frankreich, Italien und Spanien noch mau aus.
Keiner der Journalisten von "The Local" ist in dem Land geboren, über das er berichtet. Redakteur David Landes, 39, ist US-Amerikaner und 1999 nach Schweden gezogen (wegen einer Schwedin), Reporter Oliver Gee, 32, ist Australier und kam 2009 (wegen einer Schwedin), der heutige Chefredakteur James Savage, 34, ist Brite und war 2003 eingewandert (wegen eines Schweden).
Ihre Herkunft soll ihnen zu einer ähnlich distanzierten Perspektive verhelfen wie der Leserschaft. Zum Beispiel halten viele Schweden das staatliche Alkoholmonopol für selbstverständlich und hinterfragen es kaum. Touristen und Zugezogene hingegen wundern sich, dass sie sonntags keinen Wein kaufen können. Die Besonderheiten einer Kultur könne man nur verstehen, wenn man aus einer anderen Kultur kommt, sagt Rapacioli.
- KarriereSPIEGEL-Autor Steffen Daniel Meyer (Jahrgang 1986) ist freier Journalist in Dortmund. Derzeit macht er ein Praktikum bei "The Local" in Stockholm.

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
- alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
- RSS
- alles aus der Rubrik Ausland
- RSS
- alles zum Thema Studieren & Arbeiten querweltein - KarriereSPIEGEL
- RSS
© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Lohntransparenz in Schweden: Mal kurz das Gehalt des Nachbarn checken (05.02.2013)
- Deutscher Gastronom in Schweden: Sauerkraut ist gut für euch (22.07.2013)
- Ärzte-Paradies Schweden: Feierabend um halb sechs (03.02.2012)
- Expatriates in Genf: Europas Hauptstadt der Arbeitsnomaden (27.08.2013)
- Jobtour durch Europa: Der Mann mit den 33 Berufen (24.04.2013)
- Fremde Arbeitskulturen: Vergesst den Kultur-Knigge! (05.06.2013)
- "The Local": "Swede shocked by backyard elk 'threesome'"
- "The Local": "Why are Swedes so obsessed with numbers?"
- "The Local": "Sweden clips rainbow nails for Russia Olympics"
für die Inhalte externer Internetseiten.





