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Thailand Home-Office am Traumstrand

Auswanderin in Thailand: Arbeiten am Drehort von "The Beach" Fotos
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Laptop und W-Lan - mehr braucht Patricia Büscher zum Arbeiten nicht. Die Übersetzerin hat ihr Büro an den Strand von Ko Phi Phi verlegt, wo Leonardo DiCaprio für "The Beach" vor der Kamera stand. Reich wird sie nicht, aber das ist der 37-Jährigen egal.

"Eigentlich wollte ich nur ein halbes Jahr ins Ausland gehen und schauen, was passiert - mich einfach ins Leben reinstürzen. Und dann bin ich auf Ko Phi Phi im Südwesten Thailands hängengeblieben. Ich hatte mit meiner Mutter zwei Wochen Urlaub auf der Insel gemacht. Und als ich wieder in Deutschland war, habe ich gespürt, dass ich zurückgehen muss. Ich bin freie Übersetzerin für Englisch und Spanisch und brauche für die Arbeit nur einen Laptop und W-Lan. Also bin ich sechs Wochen später wieder auf die Insel gekommen. Das war vor mehr als einem Jahr.

Auf Ko Phi Phi findet das Leben draußen statt. Jeder läuft mit Flip-Flops herum. Die ersten drei Monate habe ich in einem winzigen Bambusbungalow gelebt - einfach nur mit einer Matratze auf dem Boden, einem Ventilator, kalter Dusche und Blick aufs Meer. Dann habe ich auf der anderen Seite der Insel ein Zimmer gefunden. Meine Toilette hat nicht einmal eine Spülung. Aber das ist normal hier, es macht mir nichts aus.

Wenn man länger hier lebt, wird man irgendwann zu einem 'Local'. Die Inselbewohner fangen an, einen zu grüßen und man bekommt bessere Preise in Bars und Restaurants. Auch die Mieten werden etwas günstiger. In der Nebensaison, zwischen Mai und Oktober, kostet ein einfaches Zimmer 150 bis 200 Euro im Monat. In der Hochsaison sind es 300 Euro.

Eine Strandbar als Büro

Meine Vermieterin kommt aus Frankreich, mit ihr musste ich nicht über den Preis verhandeln. Normalerweise feilscht man aber schon. Ich habe gelernt, bei welchen Dingen das geht. Es ist zum Beispiel respektlos, in jedem Restaurant nach einem Discount zu fragen. Man sollte warten, bis die Thailänder selbst den 'local price' anbieten. Und man muss mit einem Lächeln handeln - mit Gefühl und auch mit Humor.

Seitdem ich hier bin, habe ich einen Tauchkurs nach dem anderen gemacht und im Dezember meinen Divemaster erworben. Jetzt kann ich als Tauchlehrerin arbeiten. Zurzeit verdiene ich meinen Lebensunterhalt aber noch als Übersetzerin, meine Tauchschule hat schon genügend Lehrer.

Die meisten meiner Auftraggeber kenne ich schon seit Jahren. Wenn ich neue Kunden suche, maile ich meinen Lebenslauf einfach an internationale Übersetzungsagenturen oder suche in speziellen Internet-Netzwerken.

Zum Übersetzen gehe ich meistens in die 'Sunflower Bar', weil ich dort gutes W-Lan habe und direkt am Meer arbeiten kann. Die Bar ist wie mein Wohnzimmer - und in den Pausen kann ich Billard spielen. Einen richtigen Arbeitsalltag habe ich aber nicht. Wenn ich gerade nichts übersetzen muss, dann stehe ich auf, meditiere eine halbe Stunde, lese, gehe an den Strand und verbringe viel Zeit mit Freunden. So kann ich den Tag sehr intensiv erleben - ohne Stress.

Ich habe kein schlechtes Gewissen, ein solches Leben zu führen. Ich weiß, was mich glücklich macht - Geld ist es nicht. Mir ist es auch nicht wichtig, Karriere zu machen oder irgendwann ein Haus zu kaufen. Das Wichtigste im Leben ist es, glücklich zu sein.

Wenn ich zu einem guten Arzt möchte, dann muss ich nach Phuket, Krabi oder Bangkok fahren. Aber wenn ich nur erkältet bin, dann gehe ich einfach zur Apotheke. Die Apotheker wissen meistens genau so viel wie Ärzte und geben einem Medikamente, die passen.

Unterwegs beim Visa-Run

Die ersten Wochen auf der Insel waren etwas einsam. Aber durch das Tauchen habe ich Freunde aus Ungarn, Spanien, England, Russland, Australien und Israel gefunden. Ich liebe die Internationalität und den Freigeist hier. Aber ich habe auch thailändische Freunde. Mit denjenigen, die nicht so gut Englisch sprechen, kann ich leider keine tiefgründigen Gespräche führen. Das fehlt mir manchmal.

Die Hauptsaison ist sehr stressig: Überall besoffene junge Leute, die mit kleinen Plastikeimern voller Alkohol herumlaufen und die Wege blockieren. Viele Thailänder sind darüber genervt, aber eigentlich lächeln sie immer. Manchmal weiß ich nicht, was sie denken. Wenn ich mal diskutieren oder über Gefühle reden will, dann kommt oft nur ein schüchternes Lächeln. Das ist gewöhnungsbedürftig, man möchte sich ja auch mal über etwas auseinandersetzen. Aber wenn man einen Thailänder anschreien würde, wäre das sehr schlimm. Das kann man nicht machen. Sie schreien auch nicht zurück, dann würden sie ihr Gesicht verlieren. Gleichzeitig habe ich von den Thailändern viel Geduld und Respekt gelernt. Alles kommt schon zum richtigen Zeitpunkt.

Alle zwei bis drei Monate muss ich in ein anderes Land reisen, um ein neues Visum zu beantragen. Nach Laos, Malaysia, Indonesien, Vietnam oder Singapur. Visa-Run heißt das. Das Touristenvisum gilt nur für 60 Tage. Man kann es um 30 Tage verlängern, aber dann braucht man ein neues. Jeder Ausländer hier macht Visa-Runs. Es gibt hier sogar Agenturen, die sie organisieren, inklusive Fahrt und Unterkunft. Die Reisen tun mir auch sehr gut. Denn ab und zu brauche ich Abstand von der Insel. Aber ich freue mich, immer wieder zurückzukommen."

Kulturschock

Aufgezeichnet von Kristin Haug

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 206 Beiträge
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    Seite 1    
1. Bewundernswert
abominog 11.07.2012
Also ich freue mich über jeden, der den Ausstieg geschafft hat. Aus Erfahrung weiss ich, dass man im Laufe der Zeit den einen oder anderen Komfort vermisst, auch der Visa-Run nervt auf Dauer. Viele halten das ein paar Jahre durch, kommen aber irgendwann zurück in die Heimat. Immerhin hat man dann wunderbare exotische Geschichten auf Lager, andere Kulturen kennengelernt und endlich wieder Pommes-Currywurst auf dem Speiseplan ^^
2. Schmarotzerleben
aramcoy 11.07.2012
Und das ist jetzt toll? Zahlt hier und dort keine Steuern, trägt hier und dort nicht zu den Sozalabgaben oder zue Rente bei. Lebt in einer Umgebung in der sie die Preise der Übersetzer hier problemlos unterbieten kann, da sie ja keine Abgaben zahlt und kommt dann irgenwann zurück und wir müssen für sie zahlen - ich nenne das Schmarotzertum.
3.
DerSchlaueKommentar 11.07.2012
Viel Spaß im Paradies!
4. Die Dame
inx_1 11.07.2012
Lebt gefährlich. Hoffentlich recherchiert aufgrund des Berichtes nicht die thail. Immigration - denn mit einer Work Permit schaut es wohl eher mau aus. Und da die Dame ja dort arbeitet, droht dann sehr schnell die Ausweisung wegen Verstosses gegen geltende Gesetze. Davon abgesehen sollte mittlerweile jeder mitbekommen haben das Touristen in Thailand sehr willkommen sind, aber jemand der dort leben möchte ganz und gar nicht. PS: und man wird NIE local, wie im Bericht dargestellt.
5. Schöner Artikel
mcghee 11.07.2012
Ich weiß, was mich glücklich macht - Geld ist es nicht. Mir ist es auch nicht wichtig, Karriere zu machen oder irgendwann ein Haus zu kaufen. Das Wichtigste im Leben ist es, glücklich zu sein. Da hat sie recht.
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