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Unter Wall-Street-Bankern Ihr seid ja alle krank

Studie über Banker: Die Kehrseite der Wall Street Fotos
DPA

Nach ein paar Jahren im Job sind Investmentbanker körperlich ruiniert. Und dann? Dann machen sie einfach so weiter, für den Kick und die fetten Boni. Eine deutsche Ex-Bankerin hat hinter die Fassaden der Wall Street geschaut - und tourt jetzt als Uni-Dozentin durchs amerikanische Fernsehen.

Unter dem Schreibtisch stapeln sich dreckige Hemden. Frisch gewaschene hängen auf Bügeln über der Sichtschutzwand. In der Ecke steht ein Mini-Kühlschrank, daneben ein CD-Spieler und ein Regal mit CDs. Auf die Wand sind Schnappschüsse gepinnt. Willkommen an der Wall Street.

"Ich habe hier wahrscheinlich mehr Zeug als daheim", sagt Joe zu einem Kollegen. "Wenn man die ganze Zeit hier verbringt, kann man es sich ja auch gemütlich machen." Und die deutsche Ex-Bankerin Alexandra Michel schreibt mit.

Jüngst hat sie eine Studie über das Leben und Arbeiten an der Wall Street veröffentlicht. Joe ist einer von mehr als zwei Dutzend Bankern, die Alexandra Michel dafür neun Jahre lang begleitet hat. Sie zog in leerstehende Büroboxen ein, beobachtete die Leute um sich herum, machte sich Notizen, führte viele Interviews. Das Ergebnis ist einer der intimsten Einblicke in die Welt der Hochfinanz, die es bislang gab.

"Die ersten drei Jahre arbeiten sich die Banker die Seele aus dem Leib", sagt Michel. "Die Leute prahlen damit, dass sie zwei Nächte nicht geschlafen haben. Ein Blutfleck auf dem Hemd gilt als Ausweis, dass man es nicht nach Hause geschafft hat und sich auf der Bürotoilette rasieren musste." Ab dem vierten Jahr gehe es dann jedoch steil abwärts mit der Gesundheit: "Viele haben Zusammenbrüche, werden krank oder entwickeln nervöse Ticks wie Nasebohren oder Nägelkauen. Ich habe von einem gehört, der seine Meetings liegend auf dem Tisch abgehalten hat, weil seine Rückenschmerzen so stark waren."

Von Grevenbroich an die Wall Street, dann an die Uni

Alexandra Michel weiß aus eigener Erfahrung, wovon sie schreibt. Nach einer Banklehre in Grevenbroich nahe Düsseldorf verschlug es sie an die Wall Street. Drei Jahre lang arbeitete sie bei der Investmentbank Goldman Sachs an Fusionen und Übernahmen mit, untersuchte später im Auftrag der Firma die Arbeitsweisen ihrer Kollegen. "Ich war einer dieser Jungbanker, die 80 oder manchmal auch 100 Stunden die Woche arbeiten", sagt sie. "Mein Mann und ich haben uns kaum gesehen. Es war einfach nicht vorauszusagen, wann man aus dem Büro kommt." 2003 zog sie die Notbremse, nahm einen Job als Dozentin an der University of Southern California an.

"Die Kontakte aus meiner Zeit als Bankerin haben mir viele Türen geöffnet", so Michel. "Ich wurde wie eine Kollegin behandelt, durfte überall dabei sein." Manchmal erledigte sie sogar kleinere Arbeitsaufträge für ihre Probanden. Zu Beginn ihrer Studie waren die Banker im Schnitt 28 Jahre alt, alle hatten einen Master of Business Administration (MBA).

Trotz Schlafstörungen oder Allergien, Alkohol oder Pillen - 60 Prozent der Banker machten trotz gesundheitlicher Probleme einfach weiter wie bisher, schreibt Michel in ihrer Studie. "Die übrigen 40 Prozent hören auf ihren Körper und schrauben die Arbeit zurück, weil sie es einfach nicht mehr schaffen." Ironischerweise seien diese Leute am Ende die wertvolleren Mitarbeiter für die Bank. "Sie sind ausgeruhter und damit kreativer und besitzen ein schärferes Urteilsvermögen."

Work-Life-Balance? Ist doch eh alles eins

Das Interesse an Michels Studie ist riesig. Die Wissenschaftlerin tourt derzeit durch US-Fernsehsender und gibt ein Zeitungsinterview nach dem anderen. Viele in der Branche sehen sich in ihren eigenen Erfahrungen bestätigt, wenngleich kaum ein Banker sich öffentlich äußern möchte. Nach all ihren Verfehlungen, in Zeiten der Krise und grassierender Armut, sind Investmentbanker nicht beliebt. Wer sich doch über sein Einkommen und die gekappten Boni äußert, dem könnte es so gehen wie Andrew Schiff. Der Manager einer Investmentfirma beschwerte sich jüngst im Gespräch mit einem Reporter des Wirtschaftsdienstes Bloomberg über sein mickriges Grundgehalt von 350.000 Dollar und wurde binnen eines Tages zum Gespött der USA.

Eine Bank sei wie "ein sozialer Kokon", sagt Michel. Mit Annehmlichkeiten wie freiem Essen oder einem Fitnessstudio im Haus würden die Mitarbeiter im Büro gehalten; die Grenzen zwischen Job und Privatem verschwimmen. "Je mehr man über Work-Life-Balance redet, desto mehr macht man ein Problem daraus. Warum soll man überhaupt zwischen Leben und Arbeiten unterscheiden?", hat Michel einen Banker in Führungsposition protokolliert. Sein Fazit: "Je mehr man beides vermischt, desto mehr kriegt man aus den Leuten heraus."

In den ersten vier Jahren sagten alle Banker, die Michel für ihre Studie beobachtete, sie würden Hobbys und Freizeitaktivitäten vernachlässigen; mehr als 90 Prozent gaben an, das gelte auch für Freunde und Familie. "Ich weiß von einem Inder, dessen Familie extra für einen Tag eingeflogen kam, um mit ihm Mittag zu essen, und er hatte keine Zeit, weil er arbeiten musste", sagt Michel.

Viel länger als bis zum Alter von 35 Jahren hielten die meisten Banker diesen Stress aber nicht aus, dann suchten sie sich einen neuen Job, etwa bei einem Finanzinvestoren oder in der Politik. "Die Banker wollen so viel verdienen, dass sie sich damit ihren Traum verwirklichen können", sagt Michel. "Die Wahrheit ist aber: Nach all den Jahren in der Bank wissen sie gar nichts mehr mit ihrer freien Zeit anzufangen."

Daniel Schnettler, dpa/vet

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