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Auslandsliebe Ich geh mit dir, wohin du willst

Wo die Liebe hinfliegt: Roberto kommt aus Spanien, für Marike zog er nach Deutschland Zur Großansicht

Wo die Liebe hinfliegt: Roberto kommt aus Spanien, für Marike zog er nach Deutschland

Vikram liebt Sabine, Hanna liebt Clement, Roberto liebt Marike. Klingt simpel und schön. Aber wenn ein Paar aus verschiedenen Ländern stammt und zusammen leben will, muss einer umziehen. Und manchmal im Job ganz von vorn anfangen.

Ein Dorf in der Nähe von Reutlingen, 5849 Einwohner. Als Vikram aus Indien hier ankommt, ist die Lage überschaubar - drei Kirchen, zwei Kleintierzuchtvereine, ein Modellfliegerclub. Kein Kino, kein Gymnasium, kein Supermarkt. Und nur ein einziger Grund, hier zu sein: Sabine.

Sabine ist eine deutsche Studentin, Vikram ein indischer Dokumentarfilmer. Das heißt, er war es, bis vor ein paar Tagen, als er noch in Indien lebte. Dort hatte er einen Masterabschluss von der Uni, er hatte Kontakte in der Branche, er hatte Talent. Das Talent hat er immer noch. Aber sein Abschluss zählt hier in Schwaben kaum etwas, seine Kontakte bringen ihm nichts, und er weiß, dass er noch so gut Deutsch lernen kann: Hier ist er nur Vikram, der Inder.

Auslandserfahrung ist gut für die Karriere, heißt es. Was passiert, wenn man sich dabei verliebt, darüber denkt kaum jemand nach. Dem Statistischen Bundesamt zufolge leben in Deutschland 1,2 Millionen binationale Paare mit Trauschein. Dazu kommen die Unverheirateten - und die vielen Pärchen, die es versuchen und scheitern. Denn während andere Frischverliebte darüber diskutieren, welchen Film sie abends im Kino sehen wollen, müssen binationale Paare schon große Entscheidungen treffen: In welchem Land wollen wir leben? Wer ist bereit umzuziehen? Nach Rio, Tunis oder in ein Kaff in Schwaben?

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Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten
Als Vikram in Deutschland ankam, war er voller Vorfreude. "Ich hatte keine Ahnung, wie hart es werden würde", sagt er. "Ich dachte: Ich bin klug, ich habe eine gute Ausbildung, ich lerne schnell die Sprache und bewerbe mich einfach." Er ahnte nicht, dass man ihn in Deutschland entweder für einen IT-Spezialisten oder einen Hilfsarbeiter halten würde. Ihm war nicht klar, wie lang der deutsche Winter ist und wie kühl die Menschen. Er wusste nicht, dass er in der Sprachschule mit Hochdeutsch eine Sprache lernt, die ihm in Schwaben kaum etwas bringt. "Ich war total verliebt", sagt er heute. "Und total naiv."

Mit der Jobsuche ging es nur langsam voran. Fürs Erste schuftete er in einer Schreinerei, drehte Hochzeitsvideos. Oft saßen er und Sabine zusammen und rechneten, ob das Geld reicht. Doch Sabines Vater spendierte ihm eine neue Kamera, und Vikram knüpfte Kontakte, filmte für deutsche Auftraggeber in Indien, drehte kleine Porträts für einen Spartenkanal. Das Konto füllte sich. "Da habe ich gesehen: Das ändert gar nichts", sagt Vikram. "Ich war immer noch unglücklich." Er wusste, dass er mehr drauf hat. Und dass er das in Deutschland nie würde zeigen können.

Deshalb leben Vikram und Sabine heute in Indien. Er hat gerade einen Spielfilm gedreht, jetzt muss sie zurückstecken. Zuletzt hatte Sabine als Fernsehmoderatorin gearbeitet, nun ist sie Hausfrau. Aber was machen sie, wenn auch Sabine in Indien nicht glücklich wird? Sollen sie in ein ganz anderes Land gehen und dort beide von vorne anfangen?

Hanna und Clement: Nicht einmal das Abitur wird anerkannt

Hanna weiß, wie anstrengend so ein Neuanfang ist. Wenn sie an das letzte Jahr zurück denkt, sagt sie: "Ich habe mich komplett hilflos gefühlt." Dabei lief bei ihr alles nach Plan: Sie schloss das Psychologiestudium ab, fand direkt eine Stelle. Und ihr Mann Clement, Student aus Südafrika, zog zu ihr nach Deutschland. Dass hier nicht alle Prüfungen im Logistikmanagement, die er schon bestanden hatte, zählen würden, damit hatte er gerechnet. "Aber dass noch nicht einmal sein Abitur gültig ist", sagt Hanna, "das hat uns geschockt."

Während Clement als Tellerwäscher arbeitete, telefonierte Hanna sich durch den Behörden-Dschungel. In jedem Bundesland sind andere Stellen für die Anerkennung von Schulabschlüssen zuständig, überall gelten andere Regeln - aber sie nützten Clement nichts.

"Als klar war, dass das mit dem Studium nichts wird, haben wir uns um einen Ausbildungsplatz beworben", sagt Hanna. Sie sagt tatsächlich: "Wir haben uns beworben". Clement ist ihretwegen hier, sie fühlt sich für sein Glück verantwortlich - und versucht, sich die Enttäuschung nicht anmerken zu lassen, wenn sie wieder eine Absage aus dem Briefkasten fischt: "Wir dachten eigentlich, dass er für eine Ausbildung überqualifiziert sei."

Erst nach 70 großen Umschlägen, in denen die Bewerbungsunterlagen zurückkommen, finden Hanna und Clement endlich einen kleinen im Briefkasten: eine Einladung zum Vorstellungsgespräch in einem Logistikunternehmen. Als er die Zusage für einen Ausbildungsplatz hat, gehen die beiden nicht mehr gemeinsam durchs Leben. Sie tanzen.

Roberto und Marike: Umzug als Karrierechance

Wie viele Rückschläge Clement wohl noch hätte ertragen können? Wie viel darf man zurückstecken für die Liebe? Roberto aus Barcelona ist skeptisch: "Ich glaube nicht, dass ich meine Karriere für die Liebe aufgeben würde", sagt er. "Dann wäre ich nicht glücklich, und das wäre auch schlecht für meine Beziehung."

Es ist acht Jahre her, dass er in Stockholm auf einer Erasmus-Party erst viel tanzte und dann viel knutschte: mit einer deutschen Studentin. Roberto ist Medienwissenschaftler, er hatte damals gerade mit seiner Doktorarbeit begonnen. Hals über Kopf zog er zu seiner neuen Freundin Marike nach Deutschland. Er dachte: Mein Schreibtisch kann überall stehen.

Aber stimmte das? Nach der Promotion bekamen seine früheren Kollegen an seiner Heimat-Uni in Barcelona feste Stellen. Ihm bot niemand etwas an. Hatte er sich mit dem Umzug die Karriere verbaut? Dann bewarb er sich für ein renommiertes Forschungsprogramm der EU - und bekam den Zuschlag. An der Uni in Barcelona war man beeindruckt.

Roberto weiß heute, dass Deutschland seiner Karriere sogar genutzt hat: "Für das EU-Programm hätte ich mich wohl nicht beworben, wenn ich bequem in Barcelona geblieben wäre." Aber auch nach acht Jahren in Deutschland hat er noch das Gefühl, von den anderen Forschern nicht zu 100 Prozent akzeptiert zu werden: "Ich werde immer noch eher als Gast in der deutschen Wissenschaft gesehen."

Roberto hat Sprachunterricht genommen, Einzelstunden. Aber solange er nicht Deutsch auf akademischem Niveau spricht, hat er es schwer. Und selbst, wenn er grammatikalisch alles richtig sagt, wird er manchmal nicht richtig verstanden. "Ich musste etwa lernen, dass ich vorsichtiger mit Ankündigungen sein muss", erzählt Roberto. "Wenn ich sage, dass mein Paper 'bald' fertig sein wird, dann erwartet man ein Ergebnis in den nächsten Wochen." Die Deutschen nehmen die Dinge eben wörtlicher.

Heute kennt er die Arbeitskultur seiner neuen Heimat. Er weiß, dass immer alles geplant wird, dass die Mittagspause schnell gehen muss und es am Ende einer Sitzung stets ein Protokoll gibt. Er hat sich ans Strukturieren und Organisieren so gewöhnt, dass man in Spanien über ihn letztens nur noch den Kopf schüttelte.

Als er sich dort an einer Universität um eine Stelle bewarb, schickte er vor Vertragsschluss eine Liste mit Fragen, die er noch klären wollte. Kurz darauf kam die Absage: Man sei von der Ausführlichkeit der Liste schockiert. Er passe nicht ins Team. Seine Arbeitsweise sei einfach zu deutsch.

Kulturschock

  • Roberto Suarez
    Nicole Basel (Jahrgang 1980) ist freie Journalistin und kennt sich aus mit binationalen Beziehungen. Sie selbst liebt einen Mann aus einem anderen Land und hat mit Marike Frick - die mit einem Spanier verheiratet ist - ein Buch darüber geschrieben, wie lustig, skurril und gleichzeitig anstrengend das sein kann: "Tapas zum Abendbrot - wie man eine internationale Beziehung (über-)lebt".

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insgesamt 105 Beiträge
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1. Kaum eine Chance in Deutschland!
addit 23.08.2012
Ich habe in den letzten 27 Jahren erfolgreich in Italien, den USA, England und Costa Rica gelebt und immer gearbeitet, musste aber leider aus persönlichen Gründen letztes Jahr zurück nach Deutschland. Ich wünschte diesen fatalen Schritt nie gegangen zu haben!!! Im Ausland waren meine verschiedenen Fähigkeiten für einen Job relevant, in Deutschland zählt nur das Papier in der Hand (Schule, Ausbildung etc.). Was ein Mensch weiss und kann und an Erfahrung mitbringt scheint völlig uninteressant zu sein. Bin nach einem Jahr immer noch auf Arbeitssuche und fühle mich wie ein Ausländer im eigenen Land. Über unsere Grenzen hinaus wird man wirklichkeitsnaher "bewertet"!
2. Integration in Deutschland
foreverberlin 23.08.2012
Frau muß sich nicht in einen "Ausländer" verlieben, um diese Schwierigkeiten beim Zusammenleben kennen zu lernen: Als ich (54 Jahre jung) mich vor zwei Jahren im Urlaub verliebte - als Deutsche, seit vielen Jahren großstadtgewohnt, in Wien lebend und arbeitend - in einen Deutschen aus dem Rheinland - und uns klar war, daß es "seine" Heimat als Lebensmittelpunkt werden würde ...habe ich nicht geahnt, wie fremd ich mich fühlen würde! Die vermeintlich aufgeschlossenen Rheinländer meiner neuen Heimat (zwischen Köln und Düsseldorf gelegen) entpuppen sich als kleinkarierte, katholisch-konservative (manche nennes das bigott) Ausgrenzer. Ein Jahr schon lebe ich in dieser Kleinstadt. Niemend aus der Nachbarschaft ist an Kontakten interessiert, alles passiert innerhalb von Vereinen - da ich weder am Schützenwesen noch an den üblichen Sportarten interessiert bin - keine Chance. Beim Fußballverein meines Zukünftigen: klassischer Hühnerhof, ich bin offenbar ein exotischer Fremdkörper. Intellektuelle Herausforderungen: Fehlanzeige. Jobsuche: Überqualifiert für die Teilzeittätigkeit, die ich nach einem bereits längeren Leben auf der Schnellbahn suche. Selbst die Sprache hier stellt mich manchmal vor Herausforderungen (als gebürtige Norddeutsche im Kölner Raum). Fazit: Integration setzt Toleranz und Aufgeschlossenheit voraus - und die ist offenbar eher (oder nur?) in Großstädten zu finden.
3.
l3oni 23.08.2012
Zitat von additIch habe in den letzten 27 Jahren erfolgreich in Italien, den USA, England und Costa Rica gelebt und immer gearbeitet, musste aber leider aus persönlichen Gründen letztes Jahr zurück nach Deutschland. Ich wünschte diesen fatalen Schritt nie gegangen zu haben!!! Im Ausland waren meine verschiedenen Fähigkeiten für einen Job relevant, in Deutschland zählt nur das Papier in der Hand (Schule, Ausbildung etc.). Was ein Mensch weiss und kann und an Erfahrung mitbringt scheint völlig uninteressant zu sein. Bin nach einem Jahr immer noch auf Arbeitssuche und fühle mich wie ein Ausländer im eigenen Land. Über unsere Grenzen hinaus wird man wirklichkeitsnaher "bewertet"!
Bin gleicher Meinung, ich habe auch im Ausland gearbeitet und viel Beruferfahrung gesammelt, und niemand hat mich nach Gesellenbrief gefragt, aber hier in D zählt nur ein Fachbrief sonst kommst du nirgendwo rein.
4.
vielleicht_ 23.08.2012
Warum sind Frauen in solchen Paaren immer aus dem Norden und Männer immer aus dem Süden. gab es keine Forschung zu diesem Thema? Ich würde mich von einem Link freuen.
5. Unflexibilität
postmaterialist2011 23.08.2012
Ich lebe selbst eine binationale Beziehung und habe zudem fast 10 Jahre im Ausland gelebt. Die Unflexibilität von Sabine im Artikel ist allerdings erschreckend. Es ist doch klar, dass ein Filmemacher aus Indien in einem Dorf in Schwaben keinen Fuss auf den Boden bekommt, daher hätte man wohl einen Umzug nach Hamburg oder Berlin ins Auge fassen müssen, dort sind Inder alles andere als exotisch und wenn jemand gut ist, findet er auch einen Job. Und zum Foristen addit, Sie haben absolut Recht, dass man hier nur auf Abschlüsse und einen "normierten" Lebenslauf schaut, ich kann Ihnen nur raten sich selbständig zu machen um Ihre Expertise gewinnbringend einzusetzen. Für deutsche Arbeitgeber sind sie ein Exot, den man nicht einschätzen kann und noch immer gilt das Adenauerwort "nur keine Experimente" in den meisten Unternehmen.
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