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Junge Japaner in Jobnot Warum soll ich mich so anstrengen?

Junge Japaner im Konflikt: Familie und Beruf? Das passt nicht Fotos
REUTERS

Sie macht den Haushalt, er verdient das Geld: für viele junge Japanerinnen die ideale Rollenverteilung. Doch oft verdienen Männer nicht genug, um eine Familie zu ernähren. Schuld ist die Wirtschaftskrise - und die grassierende Apathie.

Honami Okouchi, 22, streift ihren Arbeitskittel über und stellt sich hinter die Supermarktkasse. Zehn Stunden wird sie hier heute verbringen. Von ihrem Lohn gibt sie ein Viertel ihren Eltern, bei denen sie noch immer wohnt. "Viele meiner Freunde haben versucht, allein zu leben, sind aber zu den Eltern zurückgekehrt, weil das Geld zum Leben nicht reicht", erzählt die Japanerin. In zehn Jahren will sie verheiratet sein und Kinder haben. "Ich möchte einen Mann, der gut verdient, damit ich Hausfrau sein kann."

So wie Okouchi streben viele junge Japaner nach der traditionellen Rollenverteilung: Der Mann soll Geld verdienen, die Frau sich um Haus und Kinder kümmern. Wegen der Wirtschaftskrise Japans ist ein solches Leben jedoch immer seltener möglich.

Während der Boomjahre bis Anfang der neunziger Jahre war es für junge Japanerinnen leichter, einen gut verdienenden Mann zu finden. Doch damals träumten sie von Gleichberechtigung, wollten Karriere machen und Familie haben. Heute sind viele junge Japaner angesichts der jahrelangen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krise des Landes desillusioniert. Junge Japanerinnen wie Honami Okouchi haben gesehen, wie ältere Frauen mit ihren Träumen gescheitert sind.

Selbstverwirklichung im Beruf? Vergiss es

Frauen müssen sich oft mit deutlich niedrigeren Gehältern abfinden als Männer. "Auch bei der Beförderung werden Frauen immer noch diskriminiert", sagt Masahiro Yamada, Professor an der Chuo-Universität in Tokio. Der berufliche Aufstieg gelingt nur mit langen Arbeitszeiten, flexible Modelle sucht man in den meisten japanischen Firmen vergeblich. Und Kindergartenplätze sind rar. "Auch mit Hochschulabschluss wollen immer mehr Hausfrauen werden, weil sie die hohen Hürden sehen", sagt Yamada.

Er hat ein Buch geschrieben mit dem Titel "Warum werden junge Leute konservativ?". Seine Erkenntnis: Immer weniger Japanerinnen streben nach Selbstverwirklichung im Beruf. Laut einer Regierungsumfrage liegt der Anteil junger Frauen in ihren Zwanzigern, die dem Mann die Rolle des Alleinverdieners zuschreiben, bei 44 Prozent. Das sind 16 Prozentpunkte mehr als noch vor vier Jahren.

Dazu trage auch die Wirtschaftskrise bei, sagt Yasuko Muramatsu von der Universität Tokio Gakugei. "Die Wirtschaftslage verbessert sich nicht, und die Frauen haben keine Hoffnung mehr, gut zu verdienen." Es breite sich eine apathische Stimmung aus, nach dem Motto: "Es bringt nichts, warum soll ich mich so anstrengen?"

Heirat abgelehnt: "So kannst du keine Familie ernähren"

Allerdings ist es heute nicht mehr so einfach, einen Mann zu finden, der genug für zwei verdient. Vielen Männern ergeht es wie Shota Tadakara, 31: Er jobbt fünf bis sechs Tage in einem 24-Stunden-Supermarkt und wohnt immer noch bei seinen Eltern. Auch er träumt davon, eines Tages zu heiraten und Kinder zu haben. "Aber das wird schwierig sein, da ich finanziell nicht stabil bin."

Tadakara spricht aus Erfahrung. Als er bei den Eltern seiner früheren Freundin um deren Hand anhielt, bekam er wegen seines geringen Einkommens vom Vater eine Abfuhr. Auch seine eigenen Eltern machten sich Sorgen um ihn: "So kannst du keine Familie ernähren."

So gehe es vielen jungen Japanern, sagt Professor Yamada: Zwar gebe es mehr Universitäten als in den achtziger Jahren und auch mehr Absolventen, aber es würden weniger junge Leute eingestellt als früher. Abgänger ohne Festanstellung begnügten sich mit Nebenjobs, blieben bei den Eltern und heirateten nicht.

Das System müsse sich wandeln, doch weder die Regierung noch die Betroffenen selbst bemühten sich, die gesellschaftlichen Bedingungen zu ändern, kritisiert Yamada. Heute interessierten sich die jungen Japaner kaum für Politik: "Sie glauben nicht, dass man die Gesellschaft ändern kann, sondern denken nur daran, wie sie im jetzigen System möglichst vorteilhaft leben."

Lars Nicolaysen/dpa/ant

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insgesamt 80 Beiträge
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1. Weltweit hat die jetzige Politik abgewirtschaftet
ofelas 11.08.2013
in Grossbritannien und Japan sehen wir was auf uns in Europa zukommt, maximal 5 Jahre noch und wir haben die gleichen Verhaeltnisse. Die junge Generation hat keine Chance ein stabiles Leben aufzubauen, Immobilienpreise steigen ins unbegreifliche, Kinderbetreuung ist ein Luxusgut, Rente wird komplet aus dem monatlichen Einkommen erspart werden muessen.
2. Nicht viel anders als bei uns
kumi-ori 11.08.2013
Bei den meisten Paaren möchten beide arbeiten, aber es scheitert eben an der hohen Arbeitslosigkeit oder an den Möglichkeiten, nebenher eine Familie aufzuziehen. Das war selbst in den Zeiten, als das Arbeitsleben in Japan noch klassisch-feudal organisiert war, einfacher, als jetzt wo in japanischen Unternehmen die Amerikanisierung eingesetzt hat, mit dem Ziel die Arbeitnehmer soweit auszuquetschen wie es irgend möglich ist.
3. optional
sudiso 11.08.2013
es liegt nicht nur an der Amerikanisierung. Es liegt generell daran, dass nur noch geld unser leben bestimmt. wenn man sich mal ein bisschen spon durchliest, merkt man, unternehmen machen mehr umsatz als letztes jahr, finanzblase bläht sich wieder auf, irgendein unternehmen will an die Börse, irgendein unternehmen kauft sich ein anderes unternehmen, um in einer sparte verkaufen zu können, um noch mehr geld zu verdienen,es werden preise z.b. von Strom ständig erhöht, nur damit die unternehmen noch mehr verdienen bei gleichzeitigem milliardengeschäft z.b. im energieexport. es geht nur noch ums geld, und um nichts anderes mehr.
4. Lob für den SPON
tylerdurdenvolland 11.08.2013
Man muss den SPON auch mal loben wenn er einen Artikel über Japan schreibt, derv tatsächlich von Japan handelt. Meistens wiederholen Artikel, und zwar in allen Medien nichts als KLischees und einer schreibt vom anderen ab. Das tatsächliche Japan sieht völlig anders aus als man in Deutschland meint, weil man keine wahren Informationen bekommt. Dieser Artikel beschreibt ein Stück Realität
5. Wandel
der-denker 11.08.2013
Das ist nicht nur in Japan so, sondern unser aller Schicksal (außer dem berühmten 1% natürlich). Mit verkniffenem Enthusiasmus zu erklären man werde "Wachstum" schaffen, Vollbeschäftigung sei möglich, usw., ist nur die billige Eigenwerbung bestimmter Parteien, allen voran FDP und CDU. Mangels Alternativen wollen das aber viele glauben, und machen ergeben ihr Kreuzerl. Hoffend dass wenigstens für sie selbst genug abfällt, um mit den alten Rezepten bis zum Exitus gut weiter leben zu können. Aber es muss ein Wandel statt finden der Lebensqualität für alle neu definiert. Aber nach welchen Kriterien? Hier hapert es gewaltig weil unsere Intellektuellen offenbar nicht mehr genug Leidenschaft und Kraft zur Vision aufbringen. Ich könnte mir eine Gesellschaft gut vorstellen in der alle weniger konsumieren (müssen), wo man mehr kooperiert, wo Kultur und Soziales eine größeren Stellenwert haben, wo die Natur mehr Aufmerksamkeit und Schutz erhält. Das Einzige was wir wirklich brauchen ist doch eine moderne Medizin und gute Bildung. Neben Deckung der Grudnbedürfnisse natürlich, wie eine vernünftige Wohnung, Nahrung und Kleidung natürlich. Und zwar für alle. Was wir nicht brauchen ist jedes Jahr ein neues Smartphone oder alle drei Jahre den neuen BMW. Es gibt allerdings zarte Ansätze in dieser Richtung. Leider stemmen sich die konservativen Betonköpfe und die Profiteure des Status Quo, dagegen. Und es fehlt sozusagen die Fahne hinter der sich die Massen versammeln können. Das Brutto-Sozial-Glück ist sicher kein schlechter Ansatz um rationale Konzepte zu entwickeln.
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