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Globetrotter mit Festanstellung "Mein Job reist immer mit"

Ungewöhnliche Weltreise: In der ganzen Welt zu Hause Fotos
privat

Zwölf Kilo wiegt Alicia Limas Koffer - darin steckt alles, was sie besitzt. Das ganze Jahr über reist sie um die Welt. Ihren 40-Stunden-Job erledigt sie an Bistrotischen: wahlweise am Bosporus, unterm Eiffelturm oder am Nil.

Die Nachricht kommt aus den Niederlanden, morgens um 9 Uhr: "Heute bin ich in Skek, einem süßen Café in Amsterdam", schreibt Alicia Lima, 34. Es ist keine E-Mail aus dem Urlaub. Nein, in zwei Stunden beginnt ihre Schicht. Nicht in einem tristen Büro, nicht an einem Schreibtisch, sondern hinter einer großen Fensterfront mit Blick auf eine Gracht.

Alicia wird heute mit ihrem Laptop an einem Bistrotisch sitzen. Mittags wird sie eine Quiche, einen Burger oder Eintopf bestellen, anschließend vielleicht mit anderen Gästen einen Espresso trinken. Die Kundenbetreuerin arbeitet für ein israelisches Start-up. Sie hat keine Kantine, keine Kollegen. "Ich brauche nur eine gute Internetverbindung", erklärt Alicia. Und das WLAN in dem Amsterdamer Studentencafé ist top.

Wie lange sie in den Niederlanden bleibt? Das weiß Alicia nicht. Spätestens in ein, höchstens zwei Wochen wird sie ihre Sachen packen, sich aufmachen. Zwölf Kilo in einem Koffer, das ist alles, was sie besitzt. Und natürlich reist ihr Büro immer mit - ein Notebook mit Aufladegerät und verschiedenen Adaptern.

Bequeme Stühle, keine aufdringlichen Kellner

Heute Europa, nach Feierabend vielleicht mit dem Flieger nach Asien. Alicias Heimat ist die Welt. Am neuen Ort sucht sie sich dann wieder ein Café, holt den Laptop raus. Acht Stunden Dienst, da muss das Ambiente stimmen. "Die Kellnerin darf nicht alle fünf Minuten kommen, die Stühle sollten bequem sein", sagt Alicia. Vor einer Woche war Alicia noch in Portugal, davor in Israel, Budapest, Berlin. Weil ihr Job online ist, merken die Kunden nicht, dass Alicia immer woanders sitzt.

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Traum vom anderen Leben: Ich schmeiße hin
Juni 2013, das Vorstellungsgespräch war genauso ungewöhnlich wie ihr Leben jetzt: "Es war in Paris", erzählt die Globetrotterin. Und korrigiert sich. "Nein, ich selber war gerade in Paris." Ihr zukünftiger Chef saß an einem Laptop in Israel, in der Nähe von Tel Aviv. Sie haben geskypt. Sie fragte: "Kann ich reisend arbeiten?" Er antwortete: "Solange du den Job richtig machst." Zwei Wochen später fing sie an.

40 Stunden die Woche arbeitet Alicia als Online-Jobvermittlerin, führt Dolmetscher, Webdesigner, Dateningenieure aus aller Welt mit möglichen Arbeitgebern zusammen. Braucht etwa eine Firma ein neues Logo, können Unternehmer über Fiverr.com eine Anfrage starten und in der Datenbank einen Webdesigner aus dem entsprechenden Land, mit der verlangten Qualifikationen finden, der zum vorgegebenen Stundenlohn arbeitet. Wer Fragen oder Extrawünsche hat, wendet sich an Alicia.

"Mein Chef sieht genau, wann und wie viel ich arbeite"

Früher Feierabend, ein Bummel auf den Champs Elysées, ein Tag am Strand? Auch wenn ihre Firma mehr als 5000 Kilometer weit entfernt liegt, kann Alicia niemals früher in den Feierabend gehen. "Mein Chef sieht genau, wann ich mich in unser System einlogge und wie viele Kunden ich betreue", erklärt Alicia. Wenn sich ein Kunde per E-Mail an den Customer Support wendet, ploppt eine Ticketnummer mit der Anfrage auf, sie arbeitet die Tickets nacheinander ab. Auch Fragen aus Deutschland kommen rein. Die leitet Alicia an deutschsprachige Kollegen in Tel Aviv, Florida, Miami, New York weiter.

Ihr Computer ist auf israelische Zeit eingestellt. Deshalb fangen Alicias Schichten je nach Zeitverschiebung auch mal zu ungemütlichen Uhrzeiten an. Das bremst jedoch nicht ihr Reisefieber. In Florenz ist sie gestartet, dann ging es weiter nach Bologna, Istanbul, Florida, New York, Barcelona, Prag, Amsterdam, weiter nach Polen, Berlin, Holland, Israel, Griechenland, Spanien, Portugal und wieder Amsterdam.

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Arbeitsnomaden: Wie man in den USA an einen Job kommt
Für Alicia ist die Arbeit als Kundenbetreuerin nicht nur ein Job, der ihr das Reisen ermöglicht. "Ich mache Karriere", betont sie. Zunächst hat sie nur Kunden betreut, jetzt organisiert sie schon Projekte. Wie viel sie verdient, will Alicia nicht sagen. Es ist weniger als der Mindestlohn in Deutschland, aber sie ist sehr zufrieden.

Neuer Arbeitsplatz - und neue Unterkunft, beides gehört für Alicia zum Alltag. Ihr ganzes Leben organisiert sie online: Sucht sich an jedem neuen Ort eine kleine Wohnung über Airbnb, bucht ein Hostel- oder Hotelzimmer, insgesamt für rund 600 US-Dollar im Monat. Selten schläft sie bei Freunden, auch Couchsurfing ist nicht so ihre Sache. "Ich kann ja schlecht sagen, oh, vielen Dank, dass ich hier schlafen darf. Kann ich mich jetzt für acht Stunden in euer WLAN einloggen?"

Sehen, arbeiten, noch mehr sehen, weiterfliegen: Wer so lebt, dem geht es nicht nur ums Geldverdienen. "Früher habe ich mehr verdient, aber auch jetzt kann ich jeden Monat noch etwas sparen", sagt die studierte Ingenieurin. Sie hat schon viele Jobs ausprobiert: Nach ihrem Studium war sie zunächst Lehrerin, dann Managerin in verschiedenen Hostels. Auch als Kundenbetreuerin für eine Fluggesellschaft und Mitarbeiterin der italienischen Botschaft in Guatemala City hat sie schon gearbeitet.

Immer auf Reise, kaum Urlaub

Aber etwas fehlte. Also packte Alicia im Februar 2012 ihren Koffer. 18 Monate reiste sie und lebte vom Ersparten. Als das aufgebraucht war, heuerte sie bei Fiverr an. Und reiste weiter. "Wenn etwas besonders schön ist, nehme ich ein kurzes Video auf und schicke es über WhatsApp, so bleibe ich mit meinen beiden Brüdern, Eltern und Freunden in Kontakt", erklärt sie.

In der nächsten Woche fliegt Alicia nach Asien. "Europa war toll, aber jetzt brauche ich eine neue Herausforderung", erklärt sie. Erster Stopp ist Hongkong, dann Singapur, Laos, Vietnam. Was für andere nach Urlaubsroute klingt, ist für Alicia Alltagsplanung. Doch natürlich hat sie auch freie Tage, insgesamt 15 pro Jahr. Genommen hat sie im vergangenen Jahr aber nur fünf Tage, zum Geburtstagfeiern mit Freunden in Istanbul.

Ob sie nicht auch mal Ferien machen will? Alicia muss lachen. "Vielleicht fliege ich im Dezember zur Familie nach Guatemala."

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insgesamt 74 Beiträge
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1. Arme Frau.
CT.Bauer 22.04.2015
Tausende von Bekannten, aber letztlich heimatlos. Freunde sind Menschen, bei denen man nicht nur mal eben aufkreuzt, sondern die wollen auch mal was von einem selber. Und dann nie dasein??
2. Schöne, neue Arbeitswelt?
tipaac 22.04.2015
Für weniger als den deutschen Mindestlohn? Also für ca. 7-8 € die Stunde? Und dann von Karriere machen reden? Bei ner 40 Stunden Woche macht das schlappe 1100-1300 € im Monat, davon 600€ für Unterkunft, mehrere 100€ für diverse Flüge? Und dann noch jeden Tag 8 Stunden im Kaffee sitzen und Espresso trinken und Quiche essen? Wie soll das denn bitte funktionieren? Kein Wunder, das alles was sie besitzt nur 12kg wiegt......und wo bleiben Freunde, Familie, soziales Leben etc. Digital Nomad ohne Anhang, alle Fäden abgeschnitten, was bleibt wiegt 12kg und begleitet einen in der Einsamkeit. Aber hey! Schließlich mal die Welt gesehen...."Wenn etwas besonders schön ist, nehme ich ein kurzes Video auf und schicke es über WhatsApp, so bleibe ich mit meinen beiden Brüdern, Eltern und Freunden in Kontakt"
3.
mickk 22.04.2015
Ich habe 15 Jahre als Berater gearbeitet. Vorteil war, dass man gut verdient hat, der Nachteil war, dass man keine große Auswahl hatte, wohin es einem verschlägt. Ich war in Miami, Orlando, New York, Washington, Singapur, Hong Kong, Sydney, London, Istanbul und auf den Cayman Islands. Für ne Zeit ist das auch ok. Mir wurde es dann irgendwann lästig. Man hat viel Erfahrung aber man kann meist nur einen kleinen Freundeskreis aufrecht erhalten. Andererseits würde ich die Zeit nicht gerne missen. Empfehlen kann ich ein solches Leben Leuten unter - sagen wir - 35 Jahren. Das ist auch gut, weil man seinen Horizont erweitert. Dann sollte man sich entscheiden, wo man sein Leben verbringen will. Das muss nicht Deutschland sein. Aber letztlich hat es mir hier am besten gefallen. Das mit dem Mindestlohn hört sich für mich nach Ausbeutung an. Ich habe schon mit Israelis gearbeitet. Das sind Opportunisten. Man kann da gut verdienen. Ich würde mich nicht so ausnutzen lassen. Also entweder fordernder werden oder sich weiter umsehen. Wenn das Spielfeld die Welt ist, findet man immer was.
4. Eigentlich bin ich kein Bedenkenträger,
michlauslöneberga 22.04.2015
aber was macht die Dame bei einer Krankheit ab einer Woche Bett aufwärts? Hört sich alles ganz toll an, viele Bekannte, frei und ungebunden, aber wahrscheinlich doch ziemlich einsam.
5.
brooklyner 22.04.2015
Habe ich auch einige Zeit gemacht und so Südostasien, das Baltikum, Nordamerika und Skandinavien gründlich erkundet, gearbeitet wurde vor Ort an Laptop und Grafiktablett. Das Beste was man machen kann, wenn und solange einem so etwas möglich ist. Und unterwegs kamen immer mehr Business- und Sozialkontakte zusammen, die schon viele Jahre halten und den Schritt in die Selbständigkeit sehr erleichterten.
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