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Gorillaforscherin in Uganda Bitte Abstand halten!

Gorillaforschung: Das Affen-Rennen Fotos
Anne Ackermann

Es gibt nur noch 800 Berggorillas auf der Welt. Die Pfälzerin Nicole Seiler erforscht sie im Regenwald von Uganda; oft ist ihre einjährige Tochter dabei. Fast jeden Tag rennt die Biologin den Affen hinterher und darf ihnen doch nicht zu nahe kommen. Denn das kann tödlich sein.

Um sieben Uhr steht sie aufbruchbereit an der Nkuringo Ranger Station. Wanderschuhe, Regenhose, Schirmmütze - ihre Arbeitskleidung. Sie ist müde. Die Nacht mit ihrer einjährigen Tochter Mia war schlecht. Und sie ist genervt. Sie hat ihre Tochter extra zum Stillen geweckt, um rechtzeitig am Treffpunkt mit den Fährtensuchern zu sein. Und jetzt geht es nicht los, weil noch nicht alle da sind. Hier, auf knapp 2000 Metern Höhe in Ugandas Nationalpark Bwindi, ist es unter zehn Grad um diese Tageszeit. Später, wenn die Äquatorsonne über dem Blätterdach des Regenwalds steht, wird das Thermometer auf bis zu 30 Grad klettern. Und die warme Feuchtigkeit wird in die Kleidung kriechen.

Nicole Seiler, 31, blonder Pferdeschwanz, blaue Augen, blickt über die Baumwipfel im Nebel. Der Wald dehnt sich auf zahllosen Hügeln aus. Ein intaktes Ökosystem, in dem Affen, Elefanten und andere Großwildtiere leben. "Wenn ich das sehe, weiß ich jedes Mal, warum ich hier bin", sagt die Diplombiologin aus der Pfalz. Ihr Ärger scheint verflogen. Seit zwei Jahren erforscht sie für ihre Doktorarbeit im Fachbereich evolutionäre Anthropologie am renommierten Leipziger Max-Planck-Institut, Abteilung Primatologie, die Berggorillas im Südwesten von Uganda. Nur noch rund 800 Tiere gibt es auf der Welt, die Hälfte davon lebt in dem rund 300 Quadratkilometer großen Gebiet von Bwindi.

"Ich renne jeden Tag stundenlang den Gorillas im Wald hinterher", sagt Nicole Seiler und lacht. Mit einem GPS-Gerät markiert sie die täglichen Wanderrouten der Tiere. Sie untersucht, welche Pflanzen und Früchte sie essen, und versucht herauszufinden, was einige Gruppen dazu bewegt, nur 50 Meter am Tag zu wandern, andere zwei Kilometer. Und warum einige Tiere immer wieder aus dem Park ausbrechen und sich über die Felder der Bauern hermachen. Liegt es am Futter? Oder daran, dass der eine Anführer einer Gruppe eher ein fauler Typ ist, der andere ein Abenteurer?

Schon ein Schnupfen gefährdet die Riesenaffen

"Jedes der Tiere hat eine eigene Persönlichkeit", so Seiler. Darin ähneln sie dem Menschen, mit dem sie 97 Prozent ihres Erbguts teilen. Es ist unmöglich, die Gorillas zu beschreiben, ohne "schamlos zu anthropomorphisieren", das sagt auch ihre Chefin, die US-Anthropologin Martha Robbins.

Doch in einem Punkt sind die Wissenschaftler heute rigoros: Abstand halten! Nie würden sie den Menschenaffen so nahe kommen wie die berühmte Gorillaforscherin Dian Fossey, deren Fotos von innigen Umarmungen mit den Tieren um die Welt gingen. Heute weiß man, wie wichtig es ist, die Tiere vor menschlichen Keimen zu schützen. Schon ein gewöhnlicher Schnupfen kann für die Riesenaffen tödlich sein.

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Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten
Nicole Seiler ist zuvor schon in Südafrika für ihre Diplomarbeit ein halbes Jahr lang allein durch den Busch gezogen und hat Daten über Braunhyänen gesammelt. Nach dem Studium wollte sie im Artenschutz arbeiten und war zunächst Assistentin von Martha Robbins im Nationalpark, daraus ergab sich die Doktorarbeit im Dschungel.

Sie hat sich hier einen Kindheitstraum erfüllt. Und wenn man hört, wie sie von Dschungelnächten im Forschungscamp schwärmt und nebenbei die gefährlichen Stechmücken erwähnt, die hier die Flussblindheit übertragen, klingt das Ganze auch nach Pfadfinderromantik und Indiana-Jones-Abenteuer. "Draußen in der Natur sein, zu wissen, dass all diese wilden Tiere um einen sind, ist einfach großartig", sagt sie und hält einen Moment inne. Denn inzwischen hat sich der Tross der Fährtensucher und Forscher losbewegt. Erst einen steilen Abgang hinunter, dann quer durch den sumpfigen Regenwald.

Der Supermann in der Salatschüssel

Manchmal brauchen sie einen halben Tag, um eine der zehn habituierten Gorillagruppen im dichten Regenwald zu finden. Dann geht es die Berge rauf und runter, erzählt die Pfälzerin, die Lunge drückt, das Gesicht ist zerkratzt von den dornigen Büschen. Und wenn es dann noch schüttet, man stolpert, auf den Boden fällt und die Treiberameisen im Nu auf einem sind, in solchen Momenten, sagt sie, frage sie sich schon mal: Was mache ich hier? "Aber dann kommt man bei den Gorillas an, und alles ist in Ordnung."

Die Gorillas müssen jetzt ganz nah sein. Am Boden liegen an mehreren Stellen plattgewalzte Blätter. "Hier hat die Gruppe ihre Schlafnester gebaut", erklärt die junge Forscherin. Riesige Kothaufen markieren den Weg der Tiere. Ein Stück weiter hängt ein schwerer, aufdringlicher Geruch zwischen den Bäumen. "Die Silberrücken", flüstert Nicole Seiler jetzt. Denn da sind sie. Auf einer grünen Lichtung hat die Gorillafamilie es sich bequem gemacht. Der muskelbepackte Anführer sitzt in einem Mimulopsis-Beet und kaut Blätter. Ein Supermann in einer Salatschüssel. Nur kurz nimmt er Notiz von dem Menschenbesuch, dann mampft er weiter.

Nicole Seiler sieht eine Weile schweigend zu. Sie wirkt entspannt, fast andächtig: "Ich empfinde eine große Ruhe und Dankbarkeit, wenn ich die Gorillas sehe. Für kurze Zeit lassen sie uns teilhaben an ihrem Familienleben." Zugleich werde einem bewusst, wie fragil das alles sei. Seit vielen Millionen Jahren leben die Berggorillas auf der Erde. "Doch wenn wir nicht aufpassen, könnten sie bald verschwunden sein."

Mia, 1, kennt sich mit Gorillas schon ein bisschen aus

Nachdem die Forscher ihre Daten notiert haben, gehen sie zurück. Mittlerweile gießt es. Nicole Seiler hat es eilig, zu ihrer Tochter zu kommen, die mit der Nanny in einer Pension wartet. Einmal im Monat macht sie im Landcruiser eine Rundfahrt zu den verschiedenen Gorilla-Gruppen in Bwindi, Mia muss dann mit. Dann kehrt sie für drei Wochen zurück nach Ruhija, wo sie mit dem Vater ihrer Tochter wohnt.

Nicole Seiler hat ihren Mann in Bwindi kennengelernt, er arbeitet als Forstwissenschaftler und kennt jeden Baum des Waldes: Strombosia, Teclea Nobilis, Parinari. Sie leben in einem kleinen Haus mitten im Regenwald. Ohne fließendes warmes Wasser, ohne Waschmaschine.

"Ich gehe mit den Geräuschen des Urwalds ins Bett, dafür nehme ich vieles in Kauf", erzählt Nicole Seiler. Mia sitzt auf ihrem Schoß. Nur etwas macht ihr Sorge, sagt Seiler: Dass Mia im Dschungel aufwächst, ohne andere Kinder zum Spielen zu haben. Wie wird es sein, wenn sie einmal in den Kindergarten kommt, wird sie Gleichaltrige überhaupt verstehen?

Mit den Tieren dagegen kennt sich die Einjährige schon aus. Als ihre Mutter fragt: Wie macht ein Gorilla, trommelt sich die Kleine mit ihren Minifäusten auf die Brust und ruft entzückt: Uh, uh, uh!

Kulturschock

  • Ariane Heimbach (Jahrgang 1965) war Redakteurin beim "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt" und "Chrismon". Seit 2005 schreibt sie Reportagen und Porträts für "Brigitte", "mare", "ZEIT-Wissen" und andere Magazine. Sie lebt in Hamburg und reist immer wieder für ihre Geschichten nach Afrika, dessen Wandel sie fasziniert.

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insgesamt 35 Beiträge
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    Seite 1    
1. Aktionismus
frank_w._abagnale 18.05.2013
Was die Dame dort im Dschungel macht, ist eher sinnlos. Das Verhalten der Berggorillas ist bereits erschöpfend erforscht. Die Wanderrouten lassen sich mittels GPS und Satellit besser überwachen. Sinnvoller wäre es, wenn statt dieser übereifrigen Dame ein paar bewaffnete Parkranger mehr durch den Wald stolpern würden, um die Gorillas vor Wilderern oder einheimischen Bauern zu schützen, deren Felder zerstört wurden.
2.
psychologiestudent 18.05.2013
Zitat von frank_w._abagnaleWas die Dame dort im Dschungel macht, ist eher sinnlos. Das Verhalten der Berggorillas ist bereits erschöpfend erforscht. Die Wanderrouten lassen sich mittels GPS und Satellit besser überwachen. Sinnvoller wäre es, wenn statt dieser übereifrigen Dame ein paar bewaffnete Parkranger mehr durch den Wald stolpern würden, um die Gorillas vor Wilderern oder einheimischen Bauern zu schützen, deren Felder zerstört wurden.
Wenn Sie den Artikel gelesen hätten, wüssten Sie, dass die Dame GPS benutzt. Davon abgesehen: Woher wissen Sie so genau, dass das Verhalten "erschöpfend erforscht" ist? Ich kenne kein GEbiet in der Wissenschaft, das "erschöpfend erforscht" ist. Und schon gar nicht in der Primatenforschung...
3. Vielleicht hätte der Herr Student...
be1ua 18.05.2013
Zitat von psychologiestudentWenn Sie den Artikel gelesen hätten, wüssten Sie, dass die Dame GPS benutzt. Davon abgesehen: Woher wissen Sie so genau, dass das Verhalten "erschöpfend erforscht" ist? Ich kenne kein GEbiet in der Wissenschaft, das "erschöpfend erforscht" ist. Und schon gar nicht in der Primatenforschung...
in Erwägung ziehen sollen, dass der Umfang an wissenschaftlicher Literatur über die Berggorillas immens ist und man sich durchaus fragen darf, was denn eigentlich noch alles an dieser Spezies erforscht werden soll. Vielleicht sollte ihn eher interessieren, warum es gerade Frauen sind, die in ihrer Feldarbeit eine so innige Bekanntschaft mit diesen Tieren suchen. Mir ist jedenfalls von männlichen Feldforschern nichts bekannt.
4.
lecker_Spargel_essen 18.05.2013
Zitat von psychologiestudentWenn Sie den Artikel gelesen hätten, wüssten Sie, dass die Dame GPS benutzt. Davon abgesehen: Woher wissen Sie so genau, dass das Verhalten "erschöpfend erforscht" ist? Ich kenne kein GEbiet in der Wissenschaft, das "erschöpfend erforscht" ist. Und schon gar nicht in der Primatenforschung...
Das verhalten von Legehennen dürfte inzwischen auch erschöpfend erforscht sein, denke ich mal, also irgendwann darf's dann auch genug sein. Allerdings tatsächlich noch unerforscht ist, warum immer gerade Frauen sich dieses Gorilla Themas annehmen (müssen), wie ein anderer Forist hier schon richtig nachgefragt hat ?
5. Traumwelt in Pink
spontifex 18.05.2013
Zitat von lecker_Spargel_essenDas verhalten von Legehennen dürfte inzwischen auch erschöpfend erforscht sein, denke ich mal, also irgendwann darf's dann auch genug sein. Allerdings tatsächlich noch unerforscht ist, warum immer gerade Frauen sich dieses Gorilla Themas annehmen (müssen), wie ein anderer Forist hier schon richtig nachgefragt hat ?
1. Die Silberrücken bestehen auf Frischfleisch. 2. Die sind auch schon ganz verrückt nach rosa. (http://forum.spiegel.de/f22/eroeffnung-des-barbie-hauses-berliner-puppenkiste-90575-7.html#post12752296)
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