Auslandstrips für Berufstätige Azubis auf der Walz

Stipendien für ein Austauschjahr in den USA gibt es viele - wenn man Schüler oder Student ist. Lehrlinge und Berufsanfänger mussten bisher länger suchen. Doch die Unterstützung für sie wächst. Die wichtigsten Förderprogramme im Überblick.

Ein Jahr in St. Louis leben? Ein Stipendium des Bundestags macht's möglich
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Ein Jahr in St. Louis leben? Ein Stipendium des Bundestags macht's möglich


In St. Louis gibt es zwei Sehenswürdigkeiten: den riesigen Bogen "Gateway Arch" und die Anheuser-Busch-Brauerei. Dort wird das in den USA beliebte "Budweiser"-Bier gebraut, manche nennen es "Amerika in der Flasche". Für Susanne Weber, 23, war deshalb klar, wohin nach der Ausbildung die Reise geht. Ein Jahr lang lebte und arbeitete die junge Brauerin aus Bayern in St. Louis, finanziert vom Deutschen Bundestag und dem Kongress der USA.

Das Parlamentarische Patenschafts-Programms (PPP) ist eines der ältesten Austauschprogramme für junge Berufstätige mit abgeschlossener Ausbildung. Jedes Jahr reisen mit dem Stipendium rund 300 Deutsche in die USA und 300 Amerikaner nach Deutschland. Die deutschen Teilnehmer studieren ein Semester lang an einem College in den USA und arbeiten ein halbes Jahr vor Ort in ihrem Beruf. Den Praktikumsplatz müssen sie sich selbst suchen. Für Susanne Weber war das kein Problem: "Die haben sich in St. Louis total gefreut, mal einen bayerischen Bierbrauer bei sich zu haben."

Dass es nicht nur für Schüler und Studenten sinnvoll ist, eine Zeit lang im Ausland zu leben, spricht sich langsam auch in den Ausbildungsbetrieben herum. Die Zahl der Azubis, die einen Teil ihrer Ausbildung im Ausland verbringt, habe sich in den vergangenen fünf Jahren mehr als verdoppelt, sagt Jacqueline März, Leiterin der Mobilitätsberatung beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag. So einfach wie Schüler oder Studenten haben es die Azubis aber noch lange nicht: Nur für rund vier Prozent steht ein Trip ins Ausland auf dem Lehrplan.

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Auslands-Azubis: Sofas gurten in Irland
"Berufliche Auslandsaufenthalte sind für viele Menschen persönliche Bereicherung und Karrieresprungbrett zugleich", sagt Markus Fels vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Azubis rät er, zunächst beim eigenen Ausbildungsbetrieb oder bei der Berufsschule nachzufragen, ob es Angebote für Auslandsaufenthalte gibt.

Die Handwerks- und die Industrie- und Handelskammern, der Bund und die Europäische Union stecken viel Geld in Beratungsprojekte und Förderprogramme. Das bekannteste war bislang "Leonardo da Vinci", mit dem Azubis für drei Wochen bis neun Monate ins europäische Ausland gehen konnten. Das Programm lief Ende Dezember aus, unter der Dachmarke "Erasmus+" werden Auslandsaufenthalte von Azubis aber weiterhin gefördert.

Insgesamt 14,7 Milliarden Euro beträgt das Gesamtbudget von "Erasmus+". Stipendien werden an Studenten, Lehrer, Ausbilder und Azubis vergeben. Einen Überblick über die Azubi-Förderprogramme bietet die Homepage der Nationalen Agentur Bildung für Europa. Dort werden sogenannte "Leonardo da Vinci Pool-Projekte" in allen Ländern der EU, in Island, Liechtenstein, Norwegen und der Türkei vorgestellt. Junge Kaufmänner können sich etwa auf einen 13 Wochen langen Online-Marketing-Workshop auf Teneriffa bewerben, Gastronomen auf ein Praktikum in Großbritannien oder Handwerker auf eine Weiterbildung in Italien.

Anderes Land, gleiches Gehalt

Was die Azubis im Ausland lernen sollen, wird bei allen Programmen vor der Reise mit ihnen, ihren deutschen Chefs und den ausländischen Partnern genau festgelegt. Laut Berufsbildungsgesetz dürfen Azubis bis zu neun Monate der Ausbildung im Ausland absolvieren. Den Lehrstoff, den sie währenddessen in der Berufsschule versäumen, müssen sie eigenständig nachholen. Das Ausbildungsverhältnis besteht weiter, die Azubis erhalten also auch im Ausland ihr deutsches Gehalt.

"Die Unternehmen sehen das als eine Investition in die Zukunft", sagt Handelskammer-Beraterin März. Zwar müssten sie eine Weile auf ihren Azubi verzichten, doch sie erhöhten ihre internationale Kompetenz und fänden für ihre Ausbildungsplätze auch bessere Bewerber. Allerdings gebe es noch viel Informationsbedarf: "Bisher wussten viele Unternehmen einfach nichts davon, vor allem kleinere und mittelständische Firmen."

Nils Klersy, 24, zog es nach seiner Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann wie Susanne Weber in die USA. Beide haben nicht nur viele englische Vokabeln mit nach Hause gebracht, sondern auch Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten. "Dort gab es keine langen Schulungen, da hieß es training on the job", sagt Klersky. Was er dadurch gelernt habe: "Wenn man sich reinkniet, dann kann man sich auch etwas aufbauen."

Susanne Weber sagt, sie sei jetzt "noch weltoffener" und "viel, viel selbständiger". Im letzten Monat des Aufenthalts reiste sie durch die Vereinigten Staaten. Aus jeder Stadt brachte sie ihrer Mutter einen Magneten mit, sie kleben nun am heimischen Kühlschrank. "Ich war die erste aus unserer Familie, die in den Staaten war", sagt sie stolz.

Doreen Fiedler/dpa/vet

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insgesamt 7 Beiträge
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trevi 12.01.2014
1. Diese gute Sache mehr propagieren !
Eine gute Sache, nur leider nicht genügend bekannt, vor allem in mittelständischen Betrieben. Hier sollten die IHK+HWK mehr tätig werden. Zudem wäre damit auch ein wenig mehr Gerechtigkeit gegenüber den mit Geld gesegneten Unis/+Studenten gegeben. Bitte auch SP-Redaktion "am Ball bleiben" - das D-Ausbildungssystem hätte es verdient
notorischernörgler 12.01.2014
2. Handwerk?
Traditionell werden in Deutschland die sog. Akademischen Eliten grob bevorteilt. Wenn ich bedenke, dass ich vor 15 Jahren für den einjährigen Besuch einer Meisterschule im Handwerk 8.000 DM bezahlt habe. Das war damals, und ist es heute noch, eine Selbstverständlichkeit über die gar nicht diskutiert wird. Dafür hatten Die Grünen damals die blendende Idee, den Meisterzwang im Handwerk abzuschaffen. Das muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen: anstatt finanzielle Hürden bei der Aus – und Weiterbildung im Handwerk zu beseitigen sollten qualifizierende Maßnahmen einfach abgeschafft werden. Was mögen diese Experten, denen das eingefallen ist, wohl studiert haben?
sitiwati 12.01.2014
3. tja.
Zitat von notorischernörglerTraditionell werden in Deutschland die sog. Akademischen Eliten grob bevorteilt. Wenn ich bedenke, dass ich vor 15 Jahren für den einjährigen Besuch einer Meisterschule im Handwerk 8.000 DM bezahlt habe. Das war damals, und ist es heute noch, eine Selbstverständlichkeit über die gar nicht diskutiert wird. Dafür hatten Die Grünen damals die blendende Idee, den Meisterzwang im Handwerk abzuschaffen. Das muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen: anstatt finanzielle Hürden bei der Aus – und Weiterbildung im Handwerk zu beseitigen sollten qualifizierende Maßnahmen einfach abgeschafft werden. Was mögen diese Experten, denen das eingefallen ist, wohl studiert haben?
ich wollte meinen Sohn 1 Jahr, soziales Jahr ? oder Weiterbildung ins Ausland schicken.aber nachdem ich die ungefähen Kosten durchgerechnet habe-bleibt er in D !
schlaumonster 12.01.2014
4. Warum gibt es in Deutschland keine Lehrlinge mehr?
Die Lehre als duale Berufsausbildung junger Menschen, also praktische Arbeit und Wissensvermittlung, ist eine auf der ganzen Welt einzigartige Form der Qualifizierung Jugendlicher und Jungerwachsener. Eine Spezialität des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation über 1000 Jahre und meines Wissens nur in den Nachfolgestaaten Deutschland, Österreich und der Schweiz zu finden. Warum gibt es in Deutschland plötzlich keine "Lehrlinge" mehr, die einer Lehre absolvieren, sondern nur mehr "Azubis" (Auszubildende?), die sich in einer Azube (?) befinden? Was ist am schönen deutschen Wort "Lehrling", welches für Manderln und Weiberln gleichermaßen verwendbar ist, so schrecklich und/oder politsisch unkorrekt, daß ihr Deutschen unbedingt das Neusprechwort "Azubi" erfinden mußtest. Wir in Österreich begnügen uns gotttsseidank mit dem Original! Lehre gibt es übrigens auch auf der Universität. Wollt ihr nicht den Hochschullehrer, der leider oft ein Hörsaalleerer ist, in Azubi-Abi (Auszubildenden-Ausbildende(r)) umbenennen?
christiannickel98 12.01.2014
5. Klasse Program
Ich bin 15 Jahre alt und mache ebenfalls ein Austauschjahr in St. Louis und ich kann es wirklich sehr empfehlen, um Kultur und Sprachkenntnisse zu verbessern.
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