Auswärtiges Amt Diplomaten beklagen Karrierestau

Eine Karriere als Diplomat gilt unter Uni-Absolventen als sehr attraktiv. Doch selbst wer es ins Auswärtige Amt schafft, hat kaum Chancen, Botschafter zu werden, beklagt der Personalrat nach SPIEGEL-Informationen.

Auswärtiges Amt in Berlin
imago/ Schöning

Auswärtiges Amt in Berlin

Von


Haben Sie das Zeug zum Diplomaten? Machen Sie hier den Test
Wer eine Karriere als Diplomat anstrebt, findet auf der Internetseite des Auswärtigen Amtes vielversprechende Informationen. "Bei rund 230 Botschaften, Ständigen Vertretungen und Generalkonsulaten der Bundesrepublik Deutschland stehen Ihre Chancen, im Laufe Ihrer Karriere Botschafter/in oder Generalkonsul/in zu werden, nicht schlecht", heißt es dort. Es hänge "im Wesentlichen von Ihrem persönlichen Einsatz- und Leistungsbereitschaft ab, ob Sie später in eine der begehrten Führungspositionen aufsteigen", so wirbt das deutsche Außenministerium um diejenigen, die sich für die Attachéausbildung interessieren. (Diese Meldung stammt aus dem SPIEGEL. Den neuen SPIEGEL finden Sie hier.)

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 29/2017
Geheime Dokumente: Warum der Staat seine Bürger alleinließ

Die Realität sieht allerdings anders aus. Die Chancen, im Laufe der Karriere einmal Botschafter zu werden, sind rapide gesunken. Das beklagt zumindest der Personalrat des Auswärtigen Amtes in einem internen Schreiben, das dem SPIEGEL vorliegt. Demnach könnten die meisten Beamten des so genannten höheren Dienstes in 40 Dienstjahren nur zwei Beförderungen erwarten, bei Besoldungsstufe A15 sei Schluss.

Ob es jemandem gelingt, durch das "Nadelöhr" zu schlüpfen, wie es hausintern heißt, und nach A-16 befördert zu werden, hängt von der jährlichen Auswertungsrunde ab, in der die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von ihren Vorgesetzten benotet werden. Nicht alle werden überhaupt jedes Jahr ausgewertet und auch unter denen, die benotet werden, sieht die Personalvertretung eine Ungleichbehandlung.

Die Karrierechancen hängen stark davon ab, welche Abteilungen ein Beamter in den ersten zehn bis fünfzehn Jahren durchläuft. Die Statistik zeige, so der Personalrat, dass diejenigen, die sich von einer Auslandsstation aus auf eine Führungsposition bewerben, geringere Chancen haben, befördert zu werden als Kandidaten aus der Zentrale. So wurde die Spitzennote "herausragend", die als einzige eine Beförderung garantiert, im Inland 4,5 Mal so häufig vergeben wie im Ausland. "Hier zeigt sich eine mangelnde Wertschätzung der Tätigkeit draußen."

Wer im Leitungsbereich, also beispielsweise dem Büro des Ministers oder dem Planungsstab arbeite, dessen Erfolgsquote liege sogar bei 100 Prozent. Der Personalrat kritisiert, dass die Auserwählten mitunter einseitig qualifiziert seien, manche derjenigen, die ab Herbst 2017 zum ersten Mal eine Auslandsvertretung leiten dürfen, hätten vorher noch nie in einer Visastelle oder einer Zahlstelle gearbeitet.

Ohne Perspektive

Bei einer Personalversammlung Mitte Juni wurde Außenminister Sigmar Gabriel mit dem Vorwurf konfrontiert, dass seine Vorgänger das "Beförderungs-Nadelöhr" jahrelang nicht ernst genommen hätten. Es habe sich bereits vor Jahrzehnten abgezeichnet, dass das Auswärtige Amt zu viele Attachés eingestellt habe.

Gabriel versprach, sich der Probleme anzunehmen, merkte jedoch an, dass sich viele Arbeitnehmer in Deutschland über ein A-15-Gehalt (je nach Alter und Berufsjahren bis zu 6500 Euro brutto monatlich) freuen würden.

Der Personalrat gibt zu, dass es "Schlimmeres im Leben" gebe, argumentiert aber in seinem Schreiben, dass "ein Dienstherr, der Überdurchschnittliches erwartet" auch "überdurchschnittliche Perspektiven" bieten sollte. Es sei "ein Rätsel, wie man von Hunderten Betroffenen über Jahrzehnte dauerhafte Mehrleistung, Kreativität und Zurückstellung persönlicher Interessen verlangen will, ohne ihnen eine Perspektive zu bieten". Die Mehrheit werde "bis zum Ende ihrer Tätigkeit im AA Gesprächsunterlagen fertigen und Sachstände aktualisieren".

Anmerkung: In einer früheren Version hatte es geheißen, dass der Mauerfall und die Übernahme vieler ehemaliger Diplomaten aus dem Auswärtigen Dienst der DDR das Beförderungs-Nadelöhr im Auswärtigen Amt verschärft habe. Tatsächlich gab es nur einzelne DDR-Beamte, die in den diplomatischen Dienst der Bundesrepublik übernommen wurden.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL - ab Samstagmorgen erhältlich.

Was im neuen SPIEGEL steht, erfahren Sie immer samstags in unserem kostenlosen Newsletter DIE LAGE, der sechsmal in der Woche erscheint - kompakt, analytisch, meinungsstark, geschrieben von der Chefredaktion oder den Leitern unseres Hauptstadtbüros in Berlin.

Mehr zum Thema


insgesamt 90 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
srb.armatus 15.07.2017
1. Luxusproblem
Ok, es ist dort also wie überall, es ist nicht fair und Arbeit wird nicht genug wertgeschätzt. Nur das alle um einen herum5000-6000 € verdienen....mein Mitleid hält sich stark in Grenzen/ existiert nicht.
MattKirby 15.07.2017
2. Brutto??
Bei Beamten das Bruttogehalt anzugeben ist wenig aussagekräftig, da keine Sozialabgaben zu zahlen sind. Von den für A 15 angegebenen 6500 € brutto bleiben daher netto bis zu 5000 €, was bei normalen Arbeitnehmern ein Bruttogehalt von ca. 8500 bis 9500 bedeuten würde. Das klingt doch schon anders.
i-moop 15.07.2017
3.
Natürlich ist der Staat auch dafür zuständig, diese "Beförderung" gerecht auszuführen. Ich muss allerdings auch anmerken, dass ich als Physiotherapeut zum Beispiel in meinem Leben nicht mehr als 36.000€ verdienen werde (nach viel zu vielen Fortbildungen, die jedes Mal ein Vermögen kosten) und ich der Meinung bin, dass es genug Berufe gibt, die keine "Sau" interessiert. Vielleicht sollte man sich erstmal um die kümmern. Selbst Erzieher verdienen mehr (Gottseidank), aber wenn ich mir Altenpfleger, Friseure etc. angucke, dann läuft es mir fast kalt den Rücken runter, weil ich da im Vergleich mit meinem Gehalt noch sehr gut dastehe. Deswegen hält sich auch bei mir das Mitleid mit den "armen" Leuten, die mehr als das Doppelte verdienen. Deren Lobby ist aber irgendwie immer ungleich größer.
klima66 15.07.2017
4. Karriere-Stau ?
Och die Armen in A15 gefangenen Diplomaten. Vielleicht sollte dazu mal die Aufstiegschancen von Bäckereifachverkäuferinnen oder Krankenschwestern/Pfleger vergleichen.
pwoer 15.07.2017
5.
Ich will hier gar nicht in den Sozialneid einstimmen. Aber die Begründung, es seien jahrelang zu viele Leute eingestellt worden und jetzt könne nicht jeder Chef werden, ist einfach lächerlich. Was wäre denn bitte los, wenn weniger eingestellt worden? Das Geheule über Überlastung, Überalterung, Kaputtsparen etc. wäre riesig. Am Rande: Im diplomatischen Dienst gibt es im Ausland so hohe Zuschläge, dass sich die genannten Beträge teilweise im mittleren Dienst schon verdienen lassen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.