Rettungsschwimmer in Sydney Vor der Arbeit noch schnell an den Strand

Wenn sich Pia Singer um 9 Uhr an den Schreibtisch setzt, ist sie schon gerannt, geschwommen und Fahrrad gefahren. Die Münchnerin arbeitet in Sydney als Projektmanagerin. Ihr Nebenjob: Sie zieht Touristen aus dem Meer.

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Vor einer halben Stunde hat niemand am Strand Pia Singer beachtet, jetzt trägt sie ein gelb-rotes T-Shirt von DHL und wird umringt wie ein Popstar. Eine zierliche Asiatin wagt sich vor: "Darf ich ein Foto mit Ihnen machen?" Klar, gerne. Die Frau schiebt sich rechts an sie heran, der Mann friemelt an der Spiegelreflexkamera. Lächeln, bitte!

Am berühmten Bondi Beach in Sydney ist die Kluft der deutschen Paketboten die Uniform der freiwilligen Rettungsschwimmer. Viel Haut ist nicht zu sehen. In keinem anderen Land erkranken so viele Menschen an Hautkrebs, die Sonne brennt durchs Ozonloch. "Slip, slop, slap", predigt die Regierung schon seit den Achtzigerjahren: Schlüpf in ein Hemd, schmier dich ein, stülp dir einen Hut über! Nur die Rettungsschwimmer halten sich daran: Sie tragen lange Ärmel, hochgestellte Kragen und altmodische Stoff-Badekappen. "Baywatch" sieht anders aus. Pia Singer ist das egal. Nur Touristen kommen mit Lippenstift und Mascara an den Strand.

Die 33-jährige Deutsche lebt seit vier Jahren in Sydney, sie arbeitet hier als Projektmanagerin bei einem Finanzdienstleister. Rettungsschwimmerin ist sie vor und nach der Arbeit. Wann sie das letzte Mal an einem Freitagabend unterwegs war, weiß sie nicht. Wenn in den Bars und Clubs der Stadt gefeiert und getanzt wird, liegt sie schon im Bett. Bei Sonnenaufgang ist sie am Strand. Jeden Tag.

Gesponsert von DHL: Pia Singer in ihrer Rettungsschwimmer-Uniform
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Gesponsert von DHL: Pia Singer in ihrer Rettungsschwimmer-Uniform

"Wenn ich die vielen schlecht gelaunten Menschen sehe, die direkt aus dem Bett ins Büro kommen, weiß ich, dass sich das frühe Aufstehen lohnt", sagt Singer. "Am Strand sind alle gut drauf, das ist so eine tolle Art, in den Tag zu starten. Ein anderes Leben könnte ich mir gar nicht mehr vorstellen."

Sie kommt aus München, hat dort eine Banklehre gemacht, nach Feierabend an der Fernuni VWL studiert. In Australien ist sie verliebt, seit sie 2006 mit dem Working-Holiday-Visum durchs Land reiste. Sie blieb ein Jahr, verlängerte um ein weiteres. Und hielt es daheim in Deutschland nicht mehr aus. Mit einem Touristenvisum machte sie sich in Sydney auf Jobsuche. "Das war ganz schön naiv", sagt sie heute. Mehrere Tausend Dollar müssen australische Arbeitgeber zahlen, wenn sie eine Arbeitserlaubnis für einen ausländischen Mitarbeiter beantragen wollen. "Das macht natürlich niemand für einen Unbekannten", sagt Singer.

Sie stellte ihren Lebenslauf auf alle möglichen Jobportale. Es kam: ein Jobangebot in Neuseeland. Wellington statt Sydney. Aber immerhin der richtige Teil der Erdkugel. Ein Jahr später schrieb die Firma eine Stelle im Büro in Sydney aus. Singer hatte ihr Ziel erreicht. Und es kam nur ein Stadtteil für sie in Frage: Bondi. Rund acht Kilometer sind es von hier bis ins Finanzviertel der Stadt. Singer fährt die Strecke mit dem Rad, manchmal joggt sie auch.

Zum Bondi Surf Bather's Life Saving Club kam sie vor drei Jahren, weil sie eine neue sportliche Herausforderung suchte. Damals hatte sie gerade ihren ersten Ocean Swim geschafft, einen Kilometer quer durchs offene Meer. Zwölf Wochen hatte sie dafür trainiert, abends, nach der Arbeit. "Danach wusste ich gar nicht, was ich mit der vielen freien Zeit machen soll", sagt sie. Da kam der Ausbildungskurs zum Rettungsschwimmer gerade recht.

Surfen ohne Surfbrett: Rettungsschwimmer trainieren auch Bodyboarding
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Er dauert zehn Wochen, dienstagabends wird zwei Stunden Theorie gepaukt, samstagmorgens vier Stunden am Strand trainiert. Wer will, kann zusätzlich jeden Tag von sechs bis sieben Uhr üben, die meisten Rettungsschwimmer sind um diese Zeit ohnehin am Strand. 440 australische Dollar (rund 315 Euro) kostet der Kurs, zwei Jahre Mitgliedschaft im Verein inklusive. Mitmachen darf jeder, der 400 Meter in maximal neun Minuten schwimmen kann.

Pia Singer ist nun selbst Ausbilderin, zusammen mit vier anderen trainiert sie eine Nachwuchsgruppe, und deshalb beginnt dieser Samstag für sie vergleichsweise gemütlich: Es ist 7 Uhr morgens und sie steht mit einem Pappbecher Kaffee in der einen und ihrem Smartphone in der anderen Hand am Beckenrand des mit Meerwasser gefüllten Iceberg-Schwimmbads in Bondi. Sie stoppt die Zeit, die die Kandidaten brauchen, um acht Bahnen zu schwimmen.

Fünf Männer und sieben Frauen haben sich angemeldet für den sogenannten Bronze-Medaillen-Kurs. Fünf Minuten und 35 Sekunden braucht an diesem Morgen der Schnellste der angehenden Lifesaver für die 400 Meter.

Ausgerechnet der Bewerber mit der professionellsten Ausrüstung - Sonnenschutzhemd, getönte Taucherbrille, Nasenklammer - strauchelt schon nach einer Bahn. Er paddelt und schnauft, versucht es abwechselnd mit Kraulen und Brustschwimmen. "Ich glaube, den müssen wir gleich retten", sagt Singers Kollege leise.

Samstagmorgen, 7 Uhr: Der Nachwuchs tritt zum Schwimmtest an
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Samstagmorgen, 7 Uhr: Der Nachwuchs tritt zum Schwimmtest an

"Mit Brustschwimmen hat man es schwer, die Zeit zu schaffen", sagt sie. Aber nur die wenigsten kommen auf die Idee, es mit Brustschwimmen zu versuchen - wer nicht kraulen kann, wird von Australiern als Nichtschwimmer bemitleidet. Singer hat das selbst erlebt. Sie hat erst in Australien das Freistil-Schwimmen gelernt, allerdings vor ihrem Schwimm-Marathon.

Für den Mann mit der Nasenklammer und eine Frau um die 50 endet der Traum vom Job als Lebensretter schon im Schwimmbadbecken. Eine dritte Bewerberin war nur knapp zu langsam, sie darf es in drei Tagen noch einmal probieren.

Für die anderen geht es sofort los mit dem Kurs. Vom Eingang des Schwimmbads aus lässt sich der ganze Strand überblicken, ein guter Ort für die erste Lektion: Strömungen im Wasser erkennen - an Farbe und Form der Wellen. "Das hier vorne ist das sogenannte Backpacker-Rip", sagt Singer.

An sonnigen Feiertagen fischen die Lifesaver dort zusammen mit den hauptberuflichen Rettungsschwimmern, den Lifeguards, schon mal bis zu einem Dutzend Menschen aus dem Wasser: Der den Hostels nächstgelegene Strandzugang endet direkt vor einer gefährlichen Unterströmung.

Singer wird hier nachher zusammen mit einem Kollegen patrouillieren und unvorsichtige Schwimmer aus dem Wasser pfeifen. Jedes Mitglied des Vereins ist verpflichtet, mindestens 50 Stunden im Jahr am Strand Wache zu schieben, ohne Bezahlung. "Als ich mich für den Kurs angemeldet habe, war mir das ehrlich gesagt gar nicht bewusst", sagt Singer. "Ich habe viele Freunde im Surf Club, und man ist ja immer als Team unterwegs. Oft kommen mich Freunde besuchen, wenn ich Dienst habe, und außerdem kann man jederzeit eine Runde schwimmen."

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C. V. Neuves 13.03.2015
1.
Und ansonsten patrouilliert die mittlerweile recht martialisch, paramilitärisch bekleidete Polizei die Strände Sydneys in Dreier- und Sechsergruppen und macht Inspektionen ob man zufällig ein Bier in der Strandtasche versteckt hat. Wenn ja, dann kostet das $ 200, was etwa 150 Euros sind. Wenn man am Strand fotografiert wird man blöd angemacht, denn man könnte ja ein Pädophiler oder sonst ein Perverser sein. In der Stadt kann man nach 22 Uhr in keine Kneipe mehr rein. Ganz toll, dieses Sydney. Das richtige Arshende der Welt.
redback01, 13.03.2015
2. Genau so ist es.....
Leider hat sich OZ in den letzten 15 jahren in einen polizei-nanny staat entwickelt. Weiter weg von den metropolen und im outback läßt es sich aber noch immer besser als in D leben.... Grüße aus cairns
ozoli 13.03.2015
3. Toller Artikel
Toller Artikel, vielen Dank dafuer. Die Rettungsschwimmer und Lifesaver in Australien machen einen super Job, insbesondere an Sydney's Straenden, wo die Stroemungen und der short-break sehr gefaehrlich sind. Wer in Bronte schon mal surfen war, weiss wovon ich rede. Viele Touris unterschaetzen den Sog und freuen sich, wenn die Lifesaver zur Hilfe kommen. Ich bin viel auf diesem Planeten rumgekommen und bin vor etlichen Jahren in Sydney haengengeblieben ... nothing can beat this!
phoenix68 14.03.2015
4. Fotografieren verboten?
Zitat von C. V. NeuvesUnd ansonsten patrouilliert die mittlerweile recht martialisch, paramilitärisch bekleidete Polizei die Strände Sydneys in Dreier- und Sechsergruppen und macht Inspektionen ob man zufällig ein Bier in der Strandtasche versteckt hat. Wenn ja, dann kostet das $ 200, was etwa 150 Euros sind. Wenn man am Strand fotografiert wird man blöd angemacht, denn man könnte ja ein Pädophiler oder sonst ein Perverser sein. In der Stadt kann man nach 22 Uhr in keine Kneipe mehr rein. Ganz toll, dieses Sydney. Das richtige Arshende der Welt.
Ist ja wohl ein Teil der Wahrheit ... man wird "dumm angemacht", wenn man fremde Kinder fotografiert.. Wenn eine Mutter (Familienangehoerige/r) feststellt ihr Kind wird von wildfremden Menschen am pool oder am Strand fotografiert, meldet sie das (hoffentlich). Erst gestern ist auf diese Art ein Paedophiler ins Netz gegangen. Alkohol in der Oeffentlichkeit zu konsummieren ist nun einmal untersagt; pub ausgeshlossen. Schliesslich gibt es genuegend Verletzte und auch Tote, bei Schlaegereien; kein gutes Vorbild fuer Kinder und Jugendliche, die sich auch am Strand aufhalten. Stimmt, die Polizei patroulliert die Straende, aber kaum UM ein zufaelliges Bier zu entdecken. Man muss schon anderweitig und ziemlich grob auffallen, wenn die Polizei sich interessiert.
C. V. Neuves 14.03.2015
5.
Zitat von phoenix68Ist ja wohl ein Teil der Wahrheit ... man wird "dumm angemacht", wenn man fremde Kinder fotografiert.. Wenn eine Mutter (Familienangehoerige/r) feststellt ihr Kind wird von wildfremden Menschen am pool oder am Strand fotografiert, meldet sie das (hoffentlich). Erst gestern ist auf diese Art ein Paedophiler ins Netz gegangen. Alkohol in der Oeffentlichkeit zu konsummieren ist nun einmal untersagt; pub ausgeshlossen. Schliesslich gibt es genuegend Verletzte und auch Tote, bei Schlaegereien; kein gutes Vorbild fuer Kinder und Jugendliche, die sich auch am Strand aufhalten. Stimmt, die Polizei patroulliert die Straende, aber kaum UM ein zufaelliges Bier zu entdecken. Man muss schon anderweitig und ziemlich grob auffallen, wenn die Polizei sich interessiert.
1.) Man wird blöd angemacht auch wenn man keine Kinder fotografiert. Die Idee ist mittlerweile, man könnte ja Kinder fotografieren. Unterlassen sie hier bitte jegliche Unterstellungen. 2.) Die Polizei ist ausdrücklich instruiert auch ohne konkrete Anhaltspunkte Stichproben vorzunehmen. 3.) Dass die Polizei in Sydney zudem Hunde ansetzt um ebenso stichprobenartig ganz normale Passanten auf ganz normalen Bürgersteigen und ganz normalen Bahnstationen (entsprechend deutschen S-Bahnen) auf irgendwelche Drogen abzuschnuppern habe ich noch nicht erwähnt, kommt aber auch dazu. Meine werte Gemahlin, gut doppelzwanzigjährig, musste sich umringt von fünf Beamten, vor einem halben Jahr gar vier mal von einem Polizei-WauWau umrunden lassen. Da der Artikel ein hübsches Strandthema hat, belasse ich es dabei und berichte nicht über bspw. die Gewaltausbrüche die zur relativ frühen von mir bereits erwähnten Kneipenschliessung geführt haben, Schusswaffengebrauch in den Vororten, No-Go-Zones, etc.
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