Bezahlung in der Lehre Wie viele Azubis von einer Mindestvergütung profitieren können

Einen Mindestlohn für Auszubildende wollen viele: die Bundesregierung, die Gewerkschaften, die Arbeitgeber. Umstritten ist die Höhe. Eine Studie zeigt, welche Unterschiede es zwischen den Modellen gibt.

Auszubildende bei der Arbeit (Archivbild)
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Auszubildende bei der Arbeit (Archivbild)

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721 Euro pro Monat - das erhalten Auszubildende in Deutschland im Schnitt als Lohn. Doch die Abweichungen können in der Realität enorm sein: Je nach Branche und Region kann das Gehalt nur bei knapp über 300 Euro oder auch bei deutlich mehr als 1000 Euro liegen.

Beton- und Stahlbetonbauer gehören mit fast 1100 Euro im Monat zu den Besserverdienenden. Friseurlehrlinge und angehende Fleischer gelten mit einem Verdienst von unter 400 Euro fast schon traditionell als besonders einkommensschwache Azubis.

Überall fehlen Bewerber für Lehrstellen. Von daher ist es nachvollziehbar, dass fast alle Akteure in der Berufsbildung mehr oder weniger offensiv über eine Mindestvergütung nachdenken, um die Attraktivität der betrieblichen Ausbildung zu erhöhen.

So hatte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek im November 2018 auf dem Berufsbildungskongress des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) angekündigt, sie wolle einen Azubi-Mindestlohn einführen. "Auszubildende packen schon im ersten Jahr in den Betrieben mit an", sagte Karliczek. "Deshalb ist eine Mindestvergütung auch eine Frage der Anerkennung dieser Leistung." 504 Euro schlug sie als Einstiegsniveau vor, angelehnt an die Höhe des Schüler-Bafögs.

Spannbreite von 435 bis 660 Euro

Klar, dass der DGB da nicht grundsätzlich widerspricht. Nur mit der Höhe ist er nicht einverstanden: Im vergangenen Jahr hatten die Gewerkschafter bereits 635 Euro im Monat gefordert, mittlerweile verlangen sie - mit Unterstützung der SPD - 660 Euro brutto. Begründet wird das mit der Forderung, die Mindest-Ausbildungsvergütung müsse bei mindestens 80 Prozent des tariflichen Durchschnittsgehalts für Azubis liegen.

Sogar die Arbeitgeber haben sich inzwischen für eine Mindestvergütung ausgesprochen, früher hatten sie das stets abgelehnt. Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) kann sich im ersten Lehrjahr 435 Euro brutto vorstellen. Mehr sei den Betrieben allerdings nicht zuzumuten.

Jetzt hat der DGB erstmals berechnet, wie viele Auszubildende von den verschiedenen Mindestlohn-Höhen profitieren würden. Die noch nicht veröffentlichte Studie liegt dem SPIEGEL exklusiv vor. Sie geht von aktuell 1,196 Millionen Lehrlingen in Deutschland aus, die in einem der offiziellen Ausbildungsberufe beschäftigt sind.

  • Bei einem Mindestlohn von 435 Euro im Monat (Arbeitgebermodell) könnten nach den vorliegenden Daten 3732 Jugendliche mit einer Gehaltserhöhung rechnen - 0,31 Prozent der Auszubildenden insgesamt.
  • Läge der Mindestlohn bei 504 Euro (Karliczek-Modell), kämen 26.190 Azubis in den Genuss von mehr Geld. Das entspräche 2,19 Prozent aller Lehrlinge.
  • Bei 660 Euro Mindestlohn (Gewerkschaftsmodell) würde sich das auf 126.749 Jugendliche auswirken - das wären 10,6 Prozent.

"Die Mindestvergütung für Azubis hilft vor allem dort, wo Arbeitgeber sich weigern, mit Gewerkschaften die Höhe der Vergütung zu verhandeln", sagte Elke Hannack, stellvertretende DGB-Vorsitzende. "Wer dagegen seine Azubis anständig bezahlt, braucht die Einführung einer Mindestvergütung nicht zu fürchten."

Die allgemeine Wertschätzung der dualen Berufsausbildung dürfe sich nicht in Hochglanz-Kampagnen erschöpfen, warnte Hannack. Durch den Mindestlohn im ersten Ausbildungsjahr könne man effektiv Dumpinglöhne verhindern.

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Seite 1
klaus1961 07.03.2019
1. Mindestlohn - Witz
Meine Tochter hat Erzieherin gelernt. 3 Jahre, -80€ je Monat Schulgeld. Und selbst das Mittagessen in den ca 6 Monate Praktika-Kitas musste sie selber bezahlen, bzw. ihre Eltern. Und da wundern sich manche, warum der Beruf so beliebt ist....
glise 07.03.2019
2. 435 Euro brutto, mehr sei den Betrieben nicht zuzumuten?
Gehts noch? Azubis verrichten in der Regel schon nach kurzer Zeit die gleichen Arbeiten wie ein Angestellter. Daher kann man davon ausgehen, dass sie ähnliche Beiträge erwirtschaften wie gelernte Kräfte. Ich hätte jetzt eher gesagt 1000 Euro Mindestlohn. Im Übrigen stimmt mit dem Finanzsystem etwas nicht, wenn Betriebe trotz enormer Produktivität ihre Mitarbeiter nicht mehr bezahlen können. Den ganzen Industrieschrott muss schließelich auch jemand kaufen. Zur Zeit der Sklaverei in Amerika hat man ja ähnlich argumentiert: Man könne die Sklaven nicht freilassen, da ja die Betriebe sonst alle Pleite gehen würden und die Wirtschaft in eine Ression fallen würde. Ja wenn das der Fall ist, sollte sich die arroganten Politiker mal was einfallen lassen
ray8 07.03.2019
3. glise/#2
Unfassbar, was hier für wahnsinnige Kommentare gepostet werden dürfen. Sklaverei...MannoMann
MartinS. 08.03.2019
4. ...
Zitat von gliseGehts noch? Azubis verrichten in der Regel schon nach kurzer Zeit die gleichen Arbeiten wie ein Angestellter. Daher kann man davon ausgehen, dass sie ähnliche Beiträge erwirtschaften wie gelernte Kräfte. Ich hätte jetzt eher gesagt 1000 Euro Mindestlohn. Im Übrigen stimmt mit dem Finanzsystem etwas nicht, wenn Betriebe trotz enormer Produktivität ihre Mitarbeiter nicht mehr bezahlen können. Den ganzen Industrieschrott muss schließelich auch jemand kaufen. Zur Zeit der Sklaverei in Amerika hat man ja ähnlich argumentiert: Man könne die Sklaven nicht freilassen, da ja die Betriebe sonst alle Pleite gehen würden und die Wirtschaft in eine Ression fallen würde. Ja wenn das der Fall ist, sollte sich die arroganten Politiker mal was einfallen lassen
Ihrem ersten Punkt kann ich einfach nur vehement widersprechen - Auszubildende, die schon nach kurzer Zeit die gleichen Arbeiten verrichten wie ein Angestellter, sind eher die absolute Ausnahme, als die Regel. Selbst im letzten Ausbildungsjahr sehe ich nicht wirklich, dass sich das hinsichtlich Arbeitsvolumen und Qualität decken würde. (das ist auch nicht schlimm - immerhin sind es Auszubildende, die einen Beruf erst erlernen müssen und dann über ein Grundlagenwissen verfügen und wie alle anderen erst Berufserfahrung erlangen müssen). Bei dem Unfugsvergleich mit der Sklaverei erspare ich mir einfach mal die Kommentare... man muss nicht über jeden Blödsinn reden. Bewusst sollte ihnen aber sein, dass die Industrie (das sind die mit der Produktivität) gerade diejenigen sind, die ihre Auszubildenden eher deutlich überdurchschnittlich bezahlen. Da liegen die Probleme jetzt nicht unbedingt, die die Einführung eines Mindestlohnes für Auszubildende nötig machen. Wer da die eigentlich typischen Problemkandidaten sind, steht ja sogar im Artikel beschrieben und wurde von ihnen eventuell nur überlesen. Und genau da fällt es auch deutlich schwerer, irgendeine deutliche Produktivitätssteigerung anzuführen.
dachhase 08.03.2019
5. Einfach den Bavög Satz zugrundelegen
Warum müssen Lehrlinge, die heute ähnliche Bedingungen ( Ortsabwesenheit) haben, mit weniger auskommen als Studenten, die über das Studentenwerk noch meist andere Vorteile und auch bessere Zuberdienstmöglichkeiten haben, weil sie zeitlich einfach flexibler sind? Wir stocken das Lehrlingsgehalt unseres Sohnes mit Hilfe des Kindergeldes bis zu dieser Grenze auf und subventionieren somit den Arbeitgeber. Wohnen, Essen, Wäschewaschen -alles kostenlos. Das Problem: Wieder finanzielle Mittel, die uns im Alter fehlen.
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