Prämien für Azubis Wer jetzt kommt, kriegt doppeltes Gehalt

Deutsche Firmen buhlen mit Dienstwagen und Geldprämien um Azubis. Groß sind der Mangel an passenden Bewerbern und die Verzweiflung der Unternehmen. Doch nur mit Lockmitteln ist es auf die Dauer nicht getan.

Von Pauline Schinkels

Angehende Konditorin Jessica Ricken mit Firmenwagen: Kosten übernimmt der Ausbildungsbetrieb
Goeken backen

Angehende Konditorin Jessica Ricken mit Firmenwagen: Kosten übernimmt der Ausbildungsbetrieb


Wir übernehmen deine Führerscheinkosten! Mit dem Slogan wirbt das Thüringer Bauunternehmen Krieger und Schramm. Wer hier seine Ausbildung als Maurer erfolgreich absolviert, der bekommt die Kosten rückerstattet. "Mit dem Angebot können wir im Vorstellungsgespräch noch einen drauflegen", sagt Michael Fuhlrott, Personaler.

Das Beispiel zeigt, wie hart umkämpft derzeit der deutsche Ausbildungsmarkt ist. Lehrstellen bleiben unbesetzt, die Zahl passender Bewerber ist weiter rückläufig. "Die Situation spitzt sich zu", urteilt Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammerstags. 80.000 Lehrstellen blieben allein im IHK-Bereich 2013 offen. "Wir fürchten, dass die Zahl der unbesetzten Plätze in diesem Jahr nicht niedriger sein wird", schätzt Schweitzer.

In diesem Jahr hätten 53.000 junge Leute weniger die Schulen verlassen als 2013, erklärte Schweitzer: "2025 werden wir nochmals 120.000 weniger Schulabgänger haben als 2014." Hinzu kommt: Immer öfter möchten Schulabgänger, die dem teils hohen Anforderungsprofil der Ausbilder entsprechen, lieber studieren, als eine Ausbildung beginnen.

Um der Entwicklung entgegenzusteuern, werben Ausbilderfirmen jetzt verstärkt mit Prämien - das können Auslandsaufenthalte, Geld oder Weiterbildungsmöglichkeiten sein. Darunter auch einige, die laut DIHK ihren Nachwuchskräften Smartphones oder Dienstwagen anbieten.

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Gerade im Bäckerhandwerk werden Azubis händeringend gesucht, die Konkurrenz zwischen den Ausbildungsbetrieben ist hoch. Um sich im Wettbewerb um die jungen Nachwuchskräfte abzuheben, lässt man sich einiges einfallen. Wer beispielsweise bei der Bäckerei Goeken Azubi des Monats wird, darf den Firmenwagen fahren, einen weißen Ford Ka. Ob zur Berufsschule, nach Hause, zu Freunden: für vier Wochen übernimmt das Unternehmen aus Bad Driburg bei Paderborn komplett die Kosten. Der Erfolg ist immer gut sichtbar mit unterwegs: "Azubi des Monats" steht prominent auf den Wagentüren.

Wer noch keine Fahrerlaubnis, der bekommt einen 300 Euro Zuschuss zum Führerschein. Bei den Lehrlingen kommt die Aktion bisher gut an. Unfälle gab es nicht. "Toi, toi, toi - es waren nur ein paar Kratzer dabei", sagt Personalleiterin Anne Goeken-Schmidt.

Doppeltes Gehalt - Los! Bewirb! Dich!

Beim Berliner Restaurant Tauro fand man im vergangenen Jahr gar keine Azubis. Dieses Jahr gingen 200 Bewerbungen ein. Um die drohende Flaute für das aktuelle Ausbildungsjahr zu umgehen, verdoppelte man öffentlichkeitswirksam einfach das Azubi-Gehalt. Statt 480 gibt es im ersten Lehrjahr jetzt 960 Euro. "Wir wollten Anreize schaffen, um Azubis anzulocken", erklärt Sandra Märker, Assistenz der Geschäftsleitung. Mit Erfolg - dieses Jahr fangen 24 Berufsstarter bei Tauro an.

Aber ob das alles reicht, um weiterhin genügend Lehrlinge zu rekrutieren, bleibt offen. "Langfristig müssen wir auch die Jugendlichen ansprechen, die sonst gar keinen Ausbildungsplatz gefunden hätten", schätzt Goeken-Schmidt. Auch bei den Maurern ist man sich nicht sicher, ob es mit der Übernahme der Führerscheinkosten getan ist. "Damit erreichen wir eher die, die sowieso schon eine Ausbildung als Maurer machen wollten", sagt Fuhlrott. Man müsse viel näher ran an die Schüler und schon hier das Interesse am Beruf wecken, schätzt er.

Deshalb lud die Bäckerei Goeken letztens zu einer Party mit lokalen DJs ein, Titel der Veranstaltung: "Beat und Brötchen". Doch trotz Werbung - es hat nicht gereicht, um die Bewerberlücken zu schließen. In diesem Jahr beginnen erstmals auch spanische und bulgarische Jugendliche eine Ausbildung bei Goeken.

Mit Material von Reuters



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insgesamt 143 Beiträge
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spon-facebook-10000470256 25.08.2014
1.
Wo findet man nun solche Firmen? Ich hab' in einem Bereich mit Fachkräftemangel studiert und sofort einen Platz bekommen. Leider gabs keinen Firmenwagen zur Begrüßung.
cherrypicker 25.08.2014
2. Wolkenkuckucksheim!
"Immer öfter möchten Schulabgänger, die dem teils hohen Anforderungsprofil der Ausbilder entsprechen, lieber studieren, als eine Ausbildung beginnen." Das heißt, die Ausbilder suchen Leute mit Abitur. Kein Wunder, dass diese lieber studieren, wenn man weiß wie mies die Bezahlung in vielen Lehrberufen zu Beginn der Berufstätigkeit ist. Vielleicht sollten die Damen und Herren Ausbilder mal ihre Ansprüche auf ein Normalniveau schrauben? Bäcker oder Maurer geht immer noch ohne Abitur -- und auch wenn man Yussuf heißt! Es gibt genug arbeitslose Jugendliche. Nur gibt es wohl nicht mehr genug hellhäutige Mittelschichtskinder mit guten Noten, die akzentfrei deutsch sprechen, was? Liebe Ausbilder: Lebt damit! Oder macht eure Butze zu!
kdshp 25.08.2014
3.
Nach dem Fachkräftemangel jetzt der Azubimangel! Da lese ich die tage in unserem wochenblättchen das hier im kreis auf eine (1) ausbildungsstätte 2 bewerber kommen. Also die hälfte KEINE ausbildungstätte findet/bekommt. Auch sind hier viele facharbeiter arbeitslos bzw. schaut man via jobsuche werden keine fachkräfte gesucht. Irgendwie paßt das alles mit den meldungen aus der wirtschaft nicht zusammen und unser kreis ist kein kleiner bzw. liegt in einer Metropolregion!!!
zehwa 25.08.2014
4. Alles schoen
Alles schoen und gut und im Prinzip zu begruessen. Die geschilderten Massnahmen belegen allerdings auch die "Unsitte", Lehrlinge vom ersten Tag an fest in die betrieblichen Ablaeufe einzubinden und zu verplanen. Ob das einer guten Ausbildung immer zugute kommt, kann disskutiert werden. Ich erinnere mich an Berufsschulkollegen, die regelrecht verheizt wurden und durch die Pruefung fielen. Das war vor 30 Jahren mit Lehrstellenmangel. Sieht es heute besser aus? Mir scheint, die Betriebe sollten nicht nur in Goodies, sondern auch in sorgfaeltige Ausbildung inverstieren. 1 Geselle mehr entlastet den Meister.
Ein_Vater 25.08.2014
5. Wenn doch mal die Regierung ...
... und die Konzerne soviel Fantasie zeigen würden wie das Handwerk in Deutschland ... Doch die Regierung macht lieber weiterhin Konzern- statt Unternehmenspolitik (wahrscheinlich zahlen die besser ;-) ). Mal sehen, wann das den kleinen und mittleren sowie den Handwerksunternehmen endlich mal auffällt ;-)
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