Neue Vergütung an Krankenhäusern Was Azubis in den Heilberufen jetzt zusteht

Für manche Auszubildende an Krankenhäusern ist es ein echter Gewinn: Ab 1. Januar erhalten sie erstmals Geld für ihre Arbeit. Die Neuregelung betrifft rund 3500 Azubis an Kliniken. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Ergotherapeutin bei der Arbeit in einem Pflegeheim in Bremen (Archivbild)
picture alliance/ dpa

Ergotherapeutin bei der Arbeit in einem Pflegeheim in Bremen (Archivbild)

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Wer Ergotherapeut werden wollte, musste neben dem Interesse an der Arbeit mit körperlich und psychisch beeinträchtigen Menschen bisher noch etwas mitbringen: Geld. Denn eine Vergütung erhalten die meisten angehenden Ergotherapeuten nicht.

Und nicht nur das: Die Ausbildung ist an den Besuch einer Fachschule gekoppelt - und weil die meisten dieser Schulen private Einrichtungen sind, fällt pro Monat ein Schulgeld von bis zu 500 Euro an.

All das soll sich zum Jahreswechsel ändern - jedenfalls für viele Betroffene. Hier kommen die wichtigsten Informationen.

Azubis ohne Gehalt - gibt es das wirklich?

Ja. Die betroffenen Heilberufe gehören, wie beispielsweise auch der Journalismus, zu den freien Berufen. Die Mehrzahl der Auszubildenden wird nicht in einem Betrieb, sondern an einer von bundesweit 370 privaten Schulen ausgebildet. Im Normalfall müssen diese Azubis nicht nur ihren Lebensunterhalt sichern, sondern auch noch Schulgeld zahlen.

Um welche Berufe geht es konkret?

Es handelt sich um Ausbildungen, die fast ausschließlich von Frauen absolviert werden: zur Diätassistentin, Ergotherapeutin, Logopädin, medizinisch-technische Assistentin sowie zur Orthoptistin. Nicht betroffen sind dagegen angehende Krankenschwestern und -pfleger; sie erhalten schon jetzt während ihrer Ausbildung ein Gehalt.

Wie hoch ist die neue Ausbildungsvergütung?

"Jetzt haben die Auszubildenden einen Sprung gemacht von null auf 965 Euro im ersten Ausbildungsjahr, 1025 im zweiten Jahr und 1122 im dritten Jahr", sagt Frank Bsirske, Vorsitzender der Gewerkschaft Verdi. Die hatte mit der Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) und der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) verhandelt. Der neue Abschluss gilt für Krankenhäuser der Kommunen und der Länder - nicht aber für die privaten Krankenhäuser.

Wie kam es dazu, dass jetzt ein Gehalt bezahlt wird?

Vor gut zwei Jahren schlossen sich einige Hundert Auszubildende an Unikliniken zusammen, gründeten eine Tarifkommission und traten der Gewerkschaft Verdi bei. "Die haben wirklich tolle Arbeit geleistet", sagt Bsirske. Im März 2017 wurde in der Verhandlungsrunde mit den kommunalen Trägern zum ersten Mal die Forderung nach dem neuen Azubi-Gehalt erhoben. Im November 2018 wurde schließlich der neue Abschluss unterzeichnet.

Warum hat die Gewerkschaft vorher nichts für die Azubis getan?

Gewerkschaften können keine Tarifverträge für Arbeitnehmer abschließen, die sich nicht organisieren. Voraussetzung für Tarifverhandlungen ist, dass eine Gewerkschaft in dem betreffenden Bereich auch eine ausreichende Anzahl von Mitgliedern vertritt.

Alten- und Krankenpflege: Was gegen den Notstand in der Pflege hilft

Müsste die Bundesregierung solche Ausbildungen ohne Bezahlung nicht verbieten?

Union und SPD haben das Problem im Koalitionsvertrag behandelt, um den Fachkräftemangel in der Pflege und im Gesundheitssektor entgegenzuwirken. Dort heißt es: "Wir werden die Ausbildung der Gesundheitsfachberufe im Rahmen eines Gesamtkonzeptes neu ordnen und stärken. Wir wollen das Schulgeld für die Ausbildung in den Gesundheitsfachberufen abschaffen, so wie es in den Pflegeberufen bereits beschlossen wurde. Wir werden die Hebammenausbildung nach den EU-Vorgaben als akademischen Beruf umsetzen."

Können andere, ebenfalls noch unbezahlte Azubis jetzt auch auf ein Gehalt hoffen?

Sie müssten sich, wie es ihre Kollegen im Gesundheitsbereich vorgemacht haben, gewerkschaftlich organisieren und dann in entsprechende Tarifverhandlungen eintreten. Eine automatische Übernahme der Neuregelungen für andere Berufe wird es nicht geben.

insgesamt 4 Beiträge
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Kurti23 18.12.2018
1. Physiotherapeuten?
Für Physiotherapeuten gilt der Abschluss nicht?
blödbacke 19.12.2018
2. Gewerkschaften
Das Azubis in Gewerkschaften eintreten sollten, finde ich gut. Aber gerecht ist das Ausbildungssystem nicht. Fragt einmal bei Studenten nach - ohne wirklich richtig Arme oder richtig reiche Eltern geht es denen ähnlich. Immerhin wurden Studiengebühren vielerorts abgeschafft.
hazelhoff78 19.12.2018
3. Denen geht es um Welten besser!
Zitat von blödbackeDas Azubis in Gewerkschaften eintreten sollten, finde ich gut. Aber gerecht ist das Ausbildungssystem nicht. Fragt einmal bei Studenten nach - ohne wirklich richtig Arme oder richtig reiche Eltern geht es denen ähnlich. Immerhin wurden Studiengebühren vielerorts abgeschafft.
Glauben Sie mir: Ich war als einziger Azubi in einer Studenten WG. Keiner hatte so zu kämpfen wie ich. Ausbildungs Bafög ist ein urbaner Mythos, in der Realität nicht zu erreichen. Kannte auch keinen meiner Azubi Kollegen, der dies bewilligt bekommen hat. Meine Studi-Freunde: Durch Bafög die Bude for free, Weltenbummeln, Parties und Nahverkehr umsonst! Ich und meine Kollegen bekamen 0,0 an Zuschuss. Nichts. Und dann noch schön 80 Euro fürs Monatsticket, 400 Euro fürs WG Zimmer, Nahrung... bei 600 netto können Sie sich ja ausreichen, was zum überleben bleibt: nichts. Nicht jeder hat den Luxus daheim wohnen zu können....leider. Ich gönne es meinen Studentenfreunden wirklich, wirklich sehr. Hätte mir nur gewünscht, dass die zweite (größere!) Hälfte der jungen Leute auch eine Möglichkeit auf Hilfe hat. Viele von uns haben sich in der Zeit sehr verschuldet, nur um eine Berufsausbildung zu haben. Und letztendlich sind in der Summe die Berufe, die auf Ausbildung basieren, die die unser Land stützen. Aber Wertschätzung ist hier oft gleich 0... leider.
tillernmor 21.12.2018
4. Ergänzungen
Der Tarif gilt für ErgotherapeutInnen, LogopädInnen, PhysiotherapeutInnen, OrthoptistInnen, DiätassistentInnen und MTA's. Natürlich nur wenn sie an einer Schule ausgebildet werden, die im Tarifbereich liegt. Nach derzeitigem Stand scheint es in der nächsten Zeit ein nebeneinander von Schulen zu geben, die Geld kosten, kostenlos sind oder als dritte Variante Gehalt bezahlen. Ob diese Konkurrenzsituation von allen Schulen überlebt wird oder die Politik rechtzeitig gegensteuert wird spannend zu beobachten sein.
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