Berufseinstieg mit Bachelor Was ist mein Abschluss wert?

Viele Studenten sind unsicher, ob sie mit sechs Semestern Studium bei Arbeitgebern punkten können. Die meisten Uni-Absolventen streben deshalb noch den Master an. Doch nicht jeder bekommt einen Platz im weiterführenden Studiengang - und viele hätten ihn nicht nötig.

Von Britta Mersch

Eva Schneider

Mit dem Berufseinstieg hatte Sarah Stuberg, 25, keine Probleme. Schon während ihres Bachelor-Studiums an der Uni Köln hatte sie bei Douglas gearbeitet, kurz vor ihrem Abschluss wurde sie gefragt, ob sie nicht als Trainee in der Online-Kommunikation anfangen wolle. Sie schrieb eine Bewerbung, hatte ein Vorstellungsgespräch und konnte direkt nach ihrem Studium mit dem Job beginnen. Bei Douglas kümmert sie sich jetzt um den Auftritt des Unternehmens in den sozialen Medien.

Dass sie nicht sofort eine unbefristete Stelle bekam, sondern als Trainee eingestellt wurde, stört Sarah Stuberg nicht: "Das machen Diplom- oder Master-Studenten ja auch." Außerdem seien die Übernahmechancen gut. Und nur den wenigsten Kommilitonen in ihrem Freundeskreis sei es gelungen, direkt nach dem Bachelor-Studium eine Festanstellung zu bekommen: "Die meisten machen erst ein Praktikum oder ein Trainee, viele schließen auch direkt den Master an."

Stubergs Beobachtungen decken sich mit den Ergebnissen einer aktuellen Studie des Stifterverbands für die deutsche Wissenschaft und des Hochschul-Informations-Systems: Viele Studenten fühlen sich mit dem Bachelor nicht gut auf den Beruf vorbereitet und wollen sich mit einem Master weiterqualifizieren, bevor sie in den Job starten. Die Hochschulen hatten ursprünglich damit gerechnet, dass nur ein Drittel der Bachelor-Absolventen den Master dranhängt. Es sind mehr als doppelt so viele.

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Berufseinstieg mit Bachelor: Sechs Semester bis zur Festanstellung?
Die Unsicherheit darüber, was der Bachelor in der Wirtschaft wert ist, hängt auch damit zusammen, dass der neue Abschluss sehr radikal eingeführt wurde. "Die Universitäten sind sofort auf sechs Semester Regelstudienzeit gegangen, an den Fachhochschulen war man vorsichtiger", sagt Kolja Briedis vom Hochschul-Informations-System. An den Fachhochschulen gebe es auch viele Bachelor-Studiengänge mit sieben Semestern, der Bruch zum alten System sei dort also nicht ganz so heftig verlaufen.

Der Bachelor qualifiziert noch nicht für den Master

Ob der Berufseinstieg gelingt, hängt vor allem von der Fachrichtung ab. Wirtschaftswissenschaftler und Ingenieure kommen in der Regel gut unter. Mathematiker, Informatiker oder Naturwissenschaftler brauchen aber mindestens den Master, wenn nicht sogar eine Promotion, um sich erfolgreich bei Arbeitgebern zu bewerben. Schließlich steigen sie direkt in die Forschung ein und übernehmen seltener Projektaufgaben als ihre Kommilitonen aus anderen Studiengängen.

Studentenvertreter fordern die Hochschulen deshalb auf, noch einmal nachzubessern und den Bachelor-Absolventen den Rücken zu stärken: "Viele Fakultäten haben sich keine Gedanken darüber gemacht, welche Qualifikationen sie den Studierenden vermitteln müssen, damit sie nach sechs Semestern ihr Berufsleben beginnen können", sagt Salome Adam, Vorstandsmitglied des Freien Zusammenschlusses von StudentInnenschaften. "Die Hochschulen sollten einen Mittelweg zwischen Berufsbefähigung und Wissenschaft finden."

Druck entsteht auch, weil der Übergang zum Master noch längst nicht reibungslos funktioniert. Salome Adam hat in Leipzig Biochemie auf Bachelor studiert. Obwohl es in ihrem Fach ohne Master kaum Jobs gibt, müssen viele um einen Platz im weiterführenden Studiengang bangen: Der Bachelor allein qualifiziert nämlich noch nicht für den Master.

Wenn das Profil passt, ist der Abschluss egal

"Die Universitäten legen zum Beispiel fest, wie viele Credit Points, also Leistungspunkte, sie in einem Teilbereich erwarten", sagt Adam. So habe sie nachweisen müssen, dass sie im Bachelor-Studium jeweils 40 Credit Points in Biologie, Biochemie und Chemie erworben hat: "So schließen die Universitäten Studierende aus, die nach einem anderen Modell studiert haben, ganz zu schweigen von FH-Absolventen."

Selbst manchen Uni-Rektoren wird das jetzt zu bunt. Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg, macht sich stark für eine Übergangsquote von 100 Prozent. Und auch die Studenten haben keine Lust mehr, um einen Master-Platz zu bangen: "Vor allem, weil wir wissen, dass wegen der hohen Zugangshürden auch viele Plätze frei bleiben", sagt Salome Adam.

Die Sorgen der Studenten können viele Personalchefs nicht nachvollziehen. Für die Erhebung des Stifterverbandes wurden 1500 Firmen per Fragebogen und 45 Unternehmensvertreter telefonisch nach ihren Einstellungen zu Bachelor und Master befragt: "Viele von ihnen betonen, dass die Art des Abschlusses nicht unbedingt darüber entscheidet, für welche Einstiegsposition ein Bewerber vorgesehen ist", sagt Ann-Katrin Schröder, beim Stifterverband verantwortlich für den Programmbereich Hochschule und Wirtschaft. Wichtiger als der Abschluss sei das Gesamtprofil: Auslandserfahrung, Praktika, gesellschaftliches Engagement.

"Bachelor-Absolventen sollten darüber nachdenken, ob sie den Master wirklich brauchen", sagt Schröder. Wer den Berufseinstieg wagt, kann sich später noch weiter qualifizieren. So wie Sarah Stuberg, der eine Karriere à la Bologna gelungen ist. Über den Master möchte sie ohnehin erst in ein paar Jahren nachdenken: "Das Thema Social Media ist schon sehr spezialisiert. Da brauchen die Unis bestimmt noch ein bisschen, bis sie dafür ein gutes Angebot haben."

  • now68
    KarriereSPIEGEL-Autorin Britta Mersch arbeitet als freie Journalistin in Köln.

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gifmemore 21.05.2012
1. Aha
"Wenn das Profil passt, ist der Abschluss egal" - na dann ... wozu all die Arbeit ... dann reicht auch ein Abi, wenn der Abschluss egal ist. Am besten man macht ab 16 Praktikas - dann hat man bis 23 genügend Erfahrung gesammelt ... akademische Abschlüsse sollten doch nun einen Wert haben ... der über den von Praktikas hinaus geht. Wenn dem nicht so ist - dann wundere ich mich, warum so viele Absolventen keinen Job finden - wie es auch in dem Artikel nochmal festgestellt wird.
gifmemore 21.05.2012
2. Das sagt dann wohl alles...
"Wer den Berufseinstieg wagt, kann sich später noch weiter qualifizieren" - genau ... das macht man natürlich auch. ;-) Die Frage ist doch wozu man einen Master braucht, wenn man eh nicht in der Uni bleiben will - aber die Unternehmen sind ja nicht blöd und nehmen im Zweifel besser die kostenlose Masterausbildung mit. Schadet ja auch nicht! Wer sich später Qualifizieren will - kann das dann mit teuer Geld selbst bezahlen ... Das eine ist ebend der Arbeitsmarkt - das andere doch die Lust nach Wissen und persönlicher Weiterentwicklung und diese stellt sich eben erst nach ein paar Jahren im Studium ein. Das sagen alle, die an den Unis lehren. Nach diesem Artikel bekommt man den Eindruck - ein Studium braucht man eh nicht. Erstmal Praktika - dann irgendwie reinrutschen und dann später Qualifizieren. Wozu soll man sich qualifizieren, wenn diese Ausbildung eh keinen Wert hat .... Generell ist es schlecht, wenn eine Akademische Ausbildung dazu verkommt allein die Bedarfe der Unternehmen zu decken. Der Social Media Trainee - hat das ja schon schön internalisiert "Das Thema Social Media ist schon sehr spezialisiert. Da brauchen die Unis bestimmt noch ein bisschen, bis sie dafür ein gutes Angebot haben." Also ein gutes Seminar dazu kostet mehr als der Semersterbeitrag für einen gesamten Masterstudiengang.... Soviel zum Thema: später qualifizieren. HÖ!
larsmach 21.05.2012
3. Ich lasse Bachelor-Absolventen einstellen...
...und oft sogar Studenten in späten Semestern. Denn am Ende zählt die Motivation. Weiterbildung (Master, Promotion) unterstützen meine Firmen auch finanziell und durch interessante Forschung (Generatorenbau). Von daher schaue ich irritiert auf manche Diskussion um die Eignung bestimmter Abschlüsse in Deutschland. Ein Bachelor vermittelt das notwendige Grundwissen für einen Berufseinstieg, dem fast immer eine Einarbeitungsphase folgt. Besonders Ingenieure müssen sich im Beruf mit sehr konkreten Aufgaben befassen (bei uns beispielsweise dynamische Lastberechnungen großer Maschinen - solche Kenntnisse und Fähigkeiten verinnerlicht man nicht auf Anhieb an einer Universität). Daher noch einmal: Wer wirklich motiviert ist, in einer Branche zu arbeiten, dem reicht fundiertes Basiswissen für den Berufseinstieg aus.
mark-mit-k 21.05.2012
4. Wie bitte?
Habe ich das da richtig gelesen? Informatiker brauchen einen Master oder sogar Promotion? Ich dachte die IT-Kräfte wären ach wie sehr gesucht. Und warum gehen Informatiker alle in die Forschung? Ich finde diesen Artikel seltsam. Hat man denn durch den Master gar keine Vorteile? Mir hat ein Personaler mal gesagt, dass man mit einem Master ca. 5.000 Euro mehr beim Einstiegsgehalt hat.
Biointerdeluxe 21.05.2012
5. Der Abschluss sagt nichts über die Erfahrung aus!
Auch ich habe einen Bachelor. Sogar in Soziale Arbeit, was ja nicht bei allen Personen ein sehr angesehenes Studium ist. Trotzdem habe ich gleich nach dem Studium mit 24 eine Stelle als Referent mit Personalverantwortung bekommen. Dabei habe ich mich auch gegen Mitbewerber_innen durchgesetzt die ein Diplom hatten. Am Ende konnte ich mit meinen Erfahrungen punkten, die ich neben dem Studium gemacht habe.
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