Bahnstreik Zu spät im Büro - das müssen Pendler wissen

Was passiert, wenn ich wegen des Lokführerstreiks zu spät komme oder ein Taxi nehmen muss? Darf ich wegen des Bahnstreiks von zu Hause aus arbeiten? Arbeitsrechtler Alexander Bredereck beantwortet die wichtigsten Fragen.

Ob zur Arbeit oder nach Hause: Der Bahnstreik trifft Pendler hart
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Ob zur Arbeit oder nach Hause: Der Bahnstreik trifft Pendler hart


Zur Person
  • Jan Sterz
    Alexander Bredereck ist Fachanwalt für Arbeitsrecht in Berlin. Er vertritt Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Betriebsräte und Führungskräfte. Außerdem veröffentlicht er regelmäßig Beiträge zu aktuellen arbeitsrechtlichen Problemen und gibt Seminare.
KarriereSPIEGEL: Was passiert, wenn ich wegen des Bahnstreiks zu spät zur Arbeit komme?

Bredereck: Wenn ich nicht pünktlich bin, bekomme ich kein Geld für die verpasste Arbeitszeit. Da ist es egal, welche Anstrengungen ich unternommen habe. Denn der Arbeitnehmer trägt das Wegerisiko.

KarriereSPIEGEL: Darf ich die verpassten Arbeitsstunden nachholen?

Bredereck: Darauf hat der Arbeitnehmer keinen gesetzlichen Anspruch. Umgekehrt kann der Arbeitgeber auch nicht verlangen, dass ein Mitarbeiter die Arbeitszeit nachholt. Es sei denn, das ist in Tarifverträgen oder Betriebsvereinbarungen so geregelt. Auch mündliche Abmachungen zählen - und sogar das Gewohnheitsrecht: Wenn es im Unternehmen immer so ist, dass der Arbeitnehmer die Stunden nachholt, kann daraus ein Anspruch erwachsen.

KarriereSPIEGEL: Wenn mir das Geld nicht so wichtig ist, kann ich dann ruhig mit der Begründung "Bahnstreik" zu spät kommen?

Bredereck: So einfach ist es nicht. Jeder Arbeitnehmer ist verpflichtet, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um pünktlich zu erscheinen. Wenn er mehrmals zu spät kommt, riskiert er eine Abmahnung, wenn sich das wiederholt, sogar eine fristlose Kündigung. Er muss Alternativen zur Bahn ausloten. Zumal die GDL-Streiks in der Presse umfassend angekündigt werden. Wenn man aufs Auto umsteigt, muss man mit einem Stau rechnen, weil andere dieselbe Idee haben. Man muss also mehr Zeit einplanen. Allerdings gibt es Zumutbarkeitsgrenzen, man muss nicht am Abend vorher schon losfahren. Arbeitnehmer müssen auch keine Kosten in Kauf nehmen, die über ihren Arbeitslohn hinausgehen. Wie zum Beispiel ein Taxi für 150 Euro.

KarriereSPIEGEL: Muss der Arbeitnehmer diese zusätzlichen Fahrtkosten selbst tragen?

Bredereck: Ja, wenn nichts anderes vereinbart oder im Unternehmen so üblich ist.

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Arbeitsrecht: Was Ihr Chef darf - und was nicht
KarriereSPIEGEL: Arbeitnehmer sind auf ihrem direkten Arbeitsweg unfallversichert. Was aber, wenn ich nur auf Umwegen ins Büro komme - weil ich bei jemandem mitfahre und der noch andere Leute einsammeln muss?

Bredereck: Wenn ich keine andere Möglichkeit habe, zur Arbeit zu kommen, ist das ja der direkte Arbeitsweg. Auch wenn der Kollege noch andere Mitfahrer abholt, ist das unproblematisch. Kauft er aber noch schnell Brötchen, und es passiert ein Unfall, dann ist es eine andere Sache. Da kommt es sehr auf den Einzelfall an.

KarriereSPIEGEL: Darf ich früher gehen, damit ich mein Kind trotz des Streiks bei der Bahn pünktlich von der Kita abholen kann?

Bredereck: Das geht nur in extremen Ausnahmefällen, wenn es dringend erforderlich ist und es keine Ausweichmöglichkeit gibt. Ich kann nur raten, solche Fälle rechtzeitig mit dem Chef abzusprechen.

KarriereSPIEGEL: Ich will mir das Bahn-Chaos nicht antun und möchte lieber im Homeoffice arbeiten - habe ich ein Recht darauf?

Bredereck: Auch hier gilt: Wenn keine Vereinbarungen dazu getroffen worden sind, habe ich keinen Anspruch darauf.

KarriereSPIEGEL: Darf ich am Wochenende privat verreisen - wissend, dass ich am Montag möglicherweise nicht pünktlich zur Arbeit komme?

Bredereck: Davon rate ich ab. Wenn der Arbeitnehmer die Verspätung in Kauf nimmt, obwohl er sie verhindern kann, begeht er einen Arbeitsvertragsverstoß. Bei einem Rechtsstreit muss das Gericht ermessen, wie hoch sein Verschulden ist. Ein Beispiel: Ein Arbeitnehmer weiß, am Samstag um 12 Uhr geht der Bahnstreik los und dauert bis Dienstag. Da fährt er am Samstag früh noch irgendwo hin. In dem Fall werden von ihm große Anstrengungen erwartet, um pünktlich zur Arbeit zu kommen. Er hat die Situation schließlich vorsätzlich herbeigeführt. Dann kommt es aber auch wieder darauf an, wie so etwas gerechtfertigt ist. Wenn man zur Beerdigung eines engen Verwandten fährt, wird es anders beurteilt, als wenn man einen Wellnessurlaub macht.

KarriereSPIEGEL: Wie oft verlieren in der Praxis Menschen ihren Job, weil sie zu spät kommen?

Bredereck: Dass wir uns verspäten, kann uns allen mal passieren. Deswegen wird man nicht gleich entlassen. In der Praxis kommt es aber vor, dass Arbeitgeber jemanden loswerden wollen. Wenn der dann schon mehrmals zu spät gekommen ist, kann das nach einer Abmahnung eine Kündigung rechtfertigen. Der Arbeitnehmer muss dann darlegen, dass er die Verspätungen nicht vermeiden konnte. Wenn es jetzt immer wieder Streiks gibt, können sich die Leute immer schlechter darauf berufen, dass damit nicht zu rechnen war. Außerdem sollte man berücksichtigen, dass auch die Arbeitgeber wegen der Streiks und der Ausfälle die Nerven verlieren könnten. Wer ohnehin keinen guten Stand bei seinem Vorgesetzten hat, sollte jetzt besonders vorsichtig sein.

  • Eva-Maria Hommel (Jahrgang 1984) ist freie Journalistin (www.weitwinkel-reporter.de). Sie schreibt vor allem über Arbeit und Soziales.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
Luna-lucia 06.11.2014
1. wir fragen uns auch
was sich dieser Obergewekschaftler wohl denken mag, wenn es einmal heißen wird, > auf Grund des Streiks, musste Familie XY von nach ... mit dem Familienauto fahren. Leider sind dabei alle Familienmitglieder völlig unverschuldet, in einen für sie tötlichen Verkehrsunfall verwickelt worden. Lol, die Streikführer waschen ihre Hände in Unschuld! Aber keine von uns, möchte damit leben müssen, dass durch unsere Handlungen, Anweisungen ... eine Familie ausgelöscht wurde!
anderermeinung 06.11.2014
2. guter Beitrag
nicht so schwarz/weiß wie manch andere, die man so liest oder hört. Auch die Probleme, die dem Arbeitgeber entstehen, wenn die Beschäftigten nicht oder zu spät erscheinen, werden angedeutet. Der letzte Satz ist besonders wertvoll. Zweck des Arbeitsverhältnisses ist nunmal nicht nur die Zahlung von Gehalt.
DMenakker 06.11.2014
3.
Der vielleicht wichtigste Tip fehlt. Suchen Sie sich einen anständigen Arbeitgeber, der zwar Leistung erwartet, aber ansonsten auch noch Mensch ist. Es wird kein normaler AG, der etwas von seinen Angestellten hält, diesen jetzt aus dem Bahnstreik einen Strick drehen, sondern immer versuchen mit dem MA zusammen eine Lösung zu finden, die sowohl für die Firma, als auch für den einzelnen MA tragbar ist. Kleiner Tip: Sowas gibts i.d.R. eher bei KMU, und nicht bei Konzernen.
Leser161 06.11.2014
4. Wie immer
Der kleine Mann ist der Dumme. Was einem alles als vorsätzlich ausgelegt werden kann.
malk101 06.11.2014
5. #1
Was eine Logik. Nach gleicher Argumentation ist die DB Schuld weil sie ihre Mitarbeiter nicht einfach angemessen bezahlt.
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