Finanzjobs Bye-bye, Bankkauffrau

Will denn keiner mehr zur Bank? Binnen 20 Jahren hat sich die Zahl der Azubis in den Geldhäusern halbiert. Ganz ähnlich die Kundschaft: Die kommt auch immer seltener in die Filialen. Ein Branchenreport.

  Bankkaufleute: Steht hier, wann wir das letzte Mal Kunden persönlich begegnet sind?
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Bankkaufleute: Steht hier, wann wir das letzte Mal Kunden persönlich begegnet sind?

Von Julia Graven


Freundlich lächelnd wartet Veronika Hamberger am Empfangstresen in der großen Schalterhalle der Sparkasse Dachau. Sie ist dezent geschminkt, an der Halskette hängt ein schmales, silbernes Kreuz. Die Schritte der Kunden hallen auf dem Marmorboden, wenn sie zur Kasse oder den Servicetheken gehen. Weitläufig, gediegen und ein bisschen ehrfurchterweckend. Genauso, wie man sich in den Achtzigerjahren einen Tempel des Geldes vorgestellt hat.

Für Veronika Hamberger, 18, ist die Sparkasse seit fast zwei Jahren das berufliche Zuhause. Sie hat dort gleich nach der Realschule ihre Lehre zur Bankkauffrau begonnen. Ein Traum: "Ich habe mich nirgendwo sonst beworben", erzählt sie. "Als ich mit der Schule fertig war, gab es zwar in der Bevölkerung viele Vorurteile gegen die Banken im Allgemeinen, aber für mich hat das keine Rolle gespielt."

Anderswo ist die heile Welt der Schalterhallen längst am Bröckeln. Nur in zwei Wirtschaftsbereichen ist die Zahl der Erwerbstätigen in den letzten fünf Jahren gesunken: in der Landwirtschaft und in der Finanzbranche. Noch extremer ist es bei den Auszubildenden: 2013 haben nur noch halb so viele Bankkaufleute ihre Ausbildung beendet wie 1993.

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Und es geht weiter: Die Deutsche Bank zum Beispiel will bis 2017 mit rund 200 Filialen jede dritte bis vierte Geschäftsstelle in Deutschland schließen. Junge Leute unter 25 werden mit hoher Wahrscheinlichkeit kaum einmal in ihrem Leben eine Bankfiliale betreten.

Droht den Banken eine ähnliche Entwicklung wie den Warenhäusern, Druckereien oder Plattenfirmen, die durch die digitale Konkurrenz wie Amazon, Spotify und Co. unter Druck geraten sind? Schon jetzt drängen etliche branchenfremde Mitspieler ins Geschäft mit dem Geld.

Da sind zum einen die großen Internetkonzerne, die den Zahlungsverkehr mit Google Wallet, Paypal oder Zahlungen über den Facebook-Messenger revolutionieren wollen. Kleine Finanz-Start-ups, sogenannte Fintechs, wollen den Banken das Geschäft mit Privatkrediten oder Auslandsüberweisungen abluchsen. Und eine dritte Kategorie will die Berater in den Filialen überflüssig machen.

Schöne neue Welt der Fintechs

Die Banken reagieren wie vor ihnen schon die Versandhändler - paralysiert. "Sie sparen und konsolidieren, aber das wird auf Dauer nicht reichen, um am Markt zu bestehen", sagt Claudia Schmidt von der Unternehmensberatung Mutaree, die für eine Studie 283 Banker befragt hat. Traditionelle Geschäfte bei Konsumentenkrediten oder im Zahlungsverkehr brechen weg. Neue Geschäftsmodelle sind noch nicht in Sicht. Die Veränderungsbereitschaft sei unter anderem beim Thema Digitalisierung nicht sehr groß. "Querdenker werden eher als Störfaktor empfunden", sagt Schmidt.

Mittlerweile gibt es erste Versuche deutscher Banken, mit Innovationslaboren, Inkubatoren oder Beteiligungsfonds den Anschluss zu halten. Was beim Zusammentreffen von Gründerszene und alter Bankenwelt entsteht, ist aber noch offen.

Absolventen, die etwas verändern wollen, drängen daher verstärkt in die Fintech-Branche. "Viele gehen mittlerweile zu Start-ups oder denken darüber nach, ein eigenes Unternehmen zu gründen", berichtet Karin Reuschenbach-Coutinho von der Frankfurt School of Finance & Management. Auch an der European Business School sind deutsche Banken nicht mehr unter den Top-Arbeitgebern, obwohl die Finanzbranche nach wie vor beliebt ist.

Die kleine Filiale um die Ecke

Aktuell gebe es demnach viele Jobs im Bereich Risikomanagement. Da seien die Banken wegen der strengen Regulierung durch die Aufsichtsbehörden gefordert. Viele neue Jobs sehen die Karriereberater der Hochschulen auch in den Bereichen, die IT und Banking vernetzen. Dort werden die Banken in Zukunft intensiv daran arbeiten, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Auch die große weite Welt von Investmentbanking und Unternehmensfinanzierung biete nach wie vor viele attraktive Jobs, erklärt Karin Reuschenbach-Coutinho. Der Einstieg ins Private Wealth Management sei für die Studenten ebenfalls eine interessante Option. Dort geht es um die Verwaltung großer Vermögen. Das Filialgeschäft ist für die Master-Absolventen oder MBAs eher nicht der passende Einstieg in die Bankenwelt.

Aber hat die kleine Geschäftsstelle um die Ecke nicht dennoch eine Chance? Wird es nicht in Zukunft auch viele Kunden geben, die über die Baufinanzierung am liebsten persönlich mit ihrem Berater reden? Darauf baut auch Sparkassen-Azubi Veronika Hamberger: Sie will auf jeden Fall direkt mit den Kunden in der Filiale arbeiten.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Julia Graven (Jahrgang 1972) ist freie Wirtschaftsjournalistin in München.

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