Bauhandwerker Auferstanden aus Ruinen

In der Denkmalpflege kommt altes Handwerk zu neuen Ehren. Spezialisten, die Traditionstechniken beherrschen, sind gefragt. Schicht für Schicht, Stein für Stein restaurieren sie ein 123 Jahre altes Haus in Leipzig - Baustellen-Besuch bei einem Dekorationsmaler und einer Stuckateurin.

Andreas Voigt

Von Andreas Voigt


Wie wird es wohl wirken, das Eckhaus in der Leipziger Tschaikowskistraße 13, wenn Gerüst und Plane abmontiert werden? Schon bald finden neugierige Passanten Antworten auf ihre Fragen. Wenn die Sanierung abgeschlossen ist, wird das viergeschossige Mietshaus im Waldstraßenviertel wieder so aussehen, wie es sich der Baumeister Karl Koch einst dachte.

Ein altes Haus unter Denkmalauflagen wieder in seinen Originalzustand zu versetzen, erfordert Kenntnisse, die heute bei einem modernen Gebäude nicht mehr notwendig sind. In dem Eckbau von 1889 versammeln sich: Maurer, Zimmerer, Stuckateure, Dekorationsmaler. Die meisten haben Zusatzausbildungen, sind vertraut mit altbewährten Arbeitstechniken und Baustoffen.

Der Malermeister und Restaurator Wolf-Christian Heindorf, 48, kümmert sich um die historischen Treppenhausbemalungen. Sein Lager hat er im Keller unter einer Gewölbedecke aufgeschlagen. Hier finden er und sein fünfköpfiges Team alles, was sie für ihre aufwendige Arbeit benötigen: viele Farben, Lösungsmittel zum Ablösen alter Farbschichten, Schablonen mit verschiedensten Mustern und Ornamenten, Handwerkszeug.

Spurensuche in der Vergangenheit

Heindorf kramt einen breiten Pinsel mit langen, dünnen Borsten hervor: "Das ist ein sogenannter Schläger. Damit kann man edle Hölzer imitieren." In dem alten Holzkästchen liegen auch Schablonierpinsel und Strichzieher, dazwischen Skalpelle und Lineale. Wolf-Christian Heindorf steht in der Tradition der Dekorations- und Imitationsmaler. Wie nur noch wenige Malermeister seiner Generation beherrscht er die alten Arbeitstechniken zur Farbgestaltung in denkmalgeschützten Gebäuden. Er restauriert historische Wand- und Deckenfriese und macht aus einer gewöhnlichen Putz- eine scheinbare Marmorwand. Er lässt Fichtentüren wie Eichentüren aussehen und bemalt plastischen Stuck täuschend echt.

Doch bevor er sein Malerkunsthandwerk im Leipziger Eckhaus anwenden kann, begibt Heindorf sich auf Spurensuche in die Vergangenheit. Noch weiß er nicht, wie die Treppenhausbemalung früher aussah. Darum trägt er die Farben aus der jüngeren Vergangenheit mit Lösungsmitteln ab. Und erkennt Schicht für Schicht, wie das Treppenhaus gestaltet war - während der Gründerzeit, der Zeit des Jugendstils, in den zwanziger und dreißiger Jahren.

Im Untersuchungsbericht vermerkt Heindorf alles, was für die denkmalpflegerische Arbeit relevant ist: Muster, Ornamente, Pigmente, Farben, Farbintensität. Noch vorhandene Fragmente fotografiert der Restaurator und nimmt die Muster mit Pauspapier ab, denn die Bemalungen im Treppenhaus werden komplett und detailgetreu rekonstruiert. Reste der Original-Farbschicht, die mit dem bloßen Auge noch zu erkennen sind, werden "als sogenannte Sichtfenster in die Rekonstruktionsarbeiten eingebunden".

Wie ein großes Puzzle

Aber welche der historischen Bemalungen soll es sein? "Letztlich entscheidet das der Denkmalschutz in Absprache mit dem Restaurator und dem Bauherren", sagt Heindorf. In dem Mietshaus fällt die Wahl auf die Gründerzeit-Bemalung. In Leipzig stammen viele Häuser aus dieser Zeit. Nur der Farbton ist ein kleiner Kompromiss: "Der wird einen Ton heller, weil die Farben vor mehr als hundert Jahren häufig sehr dunkel waren", so Heindorf.

Während er Schablonen anfertigt, arbeitet Stuckateurin Alexandra Drubig auf einer Leiter unter der Decke des Vestibüls. Sie trägt eine weiße Latzhose, eine pinkfarbene Schirmmütze bedeckt ihre blonden Haare. Ein Wasserdampfreiniger hilft ihr dabei, alte Farbschichten von der üppig ornamentierten Kassettendecke zu kratzen. Später wird sie die Risse am Stuck kitten und einige Schmuckelemente nachmodellieren.

Drubig geht immer gleich vor: Sie trägt Stuckspachtel auf und beginnt, die beschädigten Ornamente wieder in Form zu bringen. "Danach muss alles trocknen, bevor die Konturen des Stuckes noch einmal mit einem Modelliereisen herausgearbeitet werden", erklärt sie. Die Leipzigerin arbeitet schon seit 13 Jahren als Stuckateurin und kann sich kaum einen anderen Beruf vorstellen. "Es macht Spaß zuzusehen, wie aus einzelnen Puzzlestückchen wieder etwas Ganzes wird", schwärmt sie.

Auch Wolf-Christian Heindorf hegt eine Leidenschaft für seinen Beruf. Zu DDR-Zeiten spielte Dekorationsmalerei in historischen Wohngebäuden meist keine Rolle, aus ideologischen und ästhetischen Gründen. Dennoch interessierte er sich schon als Lehrling für die Arbeitstechniken der alten Dekorationsmaler. Heindorf wälzte Fachliteratur, holte sich Rat bei älteren Malermeistern, die mit traditionellen Techniken noch vertraut waren. Nach und nach eignete er sich die alte Handwerkskunst an und experimentierte.

Noch reichlich Arbeit, aber die staatlichen Zuschüsse sinken

Zunächst war es mehr ein Hobby, nach der Wende wurde es eine Einnahmequelle. Ostdeutschlands noch reichlich erhaltene alte Bausubstanz stand vielerorts kurz vor dem Einsturz und musste dringend saniert werden. Bund-Länder-Förderprogramme wie etwa "Dach und Fach" stellten dafür Gelder bereit. Allein aus dem Programm "Städtebaulicher Denkmalschutz" flossen zwischen 1991 und 2010 fast zwei Milliarden Euro in die denkmalgerechte Sanierung ostdeutscher Altbauten.

In Leipzig stehen über 12.000 Häuser unter Denkmalschutz, zum Großteil aus der Zeit der Jahrhundertwende. Das verschafft Restauratoren und Handwerkern viel Arbeit. Bundesweit gibt es mittlerweile sechs Fortbildungszentren für Denkmalpflege. "Hier lernen Zimmerer, Tischler, Maler, Maurer, Stuckateure und Steinmetze in zwölf Wochen alles Notwendige über altbewährte Arbeitstechniken, historische Baustoffe oder Baustilkunde", erklärt Andreas Vogel vom Görlitzer Zentrum.

Alexandra Dubrig und Wolf-Christian Heindorf konnten ihr Wissen in einem Denkmalpflege-Förderverein nahe Leipzig erweitern. Doch die Aufträge der Bauhandwerker in der Denkmalpflege hängen von staatlichen Zuschüssen ab, und die sinken. Das "Dach und Fach"-Programm ist längst Geschichte, die Mittel aus dem Programm "städtebaulicher Denkmalschutz" müssen sich Ost- und Westdeutschland seit 2009 teilen. Auch die Landesämter knausern. So verfügte das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege 1990 über 23 Millionen Euro an Zuschüssen; 2007 waren es nur noch drei Millionen Euro. Immerhin können Erwerber von Denkmalimmobilien 90 Prozent der Sanierungskosten über einen Zeitraum von zehn Jahren steuerlich absetzen.

Wolf-Christian Heindorf hetzt derweil von einer Denkmalimmobilie zur nächsten, arbeitet in historischen Mietshäusern, Kirchen, Schlössern und Burgen: "Ich kann mich vor Aufträgen derzeit kaum retten." Allerdings plagen den Malermeister große Nachwuchssorgen, wie auch viele andere Bauhandwerker-Kollegen. "Wo sonst hat der Bauhandwerker noch die Chance, sein ganzes Können zu zeigen?", fragt er. So sieht es auch Alexandra Dubrig: "Ich bin stolz Stuckateurin zu sein. Das macht doch längst nicht jeder."

  • Andreas W. Voigt (Jahrgang 1972) ist freier Journalist in Berlin.

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Seite 1
Mertrager 14.02.2012
1.
Zitat von sysopAndreas VoigtIn der Denkmalpflege kommt altes Handwerk zu neuen Ehren. Spezialisten, die Traditionstechniken beherrschen, sind gefragt. Schicht für Schicht, Stein für Stein restaurieren sie ein 123 Jahre altes Haus in Leipzig - Baustellen-Besuch bei einem Dekorationsmaler und einer Stuckateurin. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,815069,00.html
Mertrager 14.02.2012
2. Reportage ? Werbung ?
Bei diesem Bericht verschwimmen die Grenzen zwischen Werbung und Reportage
abryx 14.02.2012
3. Und dann...?
Und dann kommen - wie bei uns nach einer wirklich aufwändigen Renovierung - Mieter, die ihre übergroßen Möbel unprofessionell selbst transportieren und dabei über drei Stockwerke hinweg dicke Löcher in Wände und Decken schlagen, neue Treppenstufen tief zerkratzen und Geländer aus der Verankerung drücken. :-\
herr_kowalski 14.02.2012
4. Leider ist der Erhalt solcher
Zitat von sysopAndreas VoigtIn der Denkmalpflege kommt altes Handwerk zu neuen Ehren. Spezialisten, die Traditionstechniken beherrschen, sind gefragt. Schicht für Schicht, Stein für Stein restaurieren sie ein 123 Jahre altes Haus in Leipzig - Baustellen-Besuch bei einem Dekorationsmaler und einer Stuckateurin. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,815069,00.html
Prachtstücke mit unglaublich hohen Kosten verbunden. Die meisten werden leider verschwinden weil das niemand mehr bezahlen kann. Mäzene sind da sehr selten.
Stäffelesrutscher 14.02.2012
5.
Zitat von herr_kowalskiPrachtstücke mit unglaublich hohen Kosten verbunden. Die meisten werden leider verschwinden weil das niemand mehr bezahlen kann. Mäzene sind da sehr selten.
Und deswegen sollte man der DDR auch keine "ideologischen Gründe" unterstellen, sondern die schlichte Abwägung zugutehalten: zwanzig Wohnungen Jahrgang 1970 oder eine Wohnung Jahrgang 1870.
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