Beamte in Indien Der härteste Auswahltest der Welt

Eine halbe Million Bewerber, nur 1000 Plätze, eine knüppelharte Prüfung: Jahrelang bereiten sich junge Inder auf den Beamtendienst vor, sie investieren dafür ein Vermögen. Machen Sie den Test mit - hier sind ein Dutzend Fragen.

Aus Neu-Delhi berichtet Ulrike Putz

Geschafft: Manish Kumar Jaiswal (M.) feiert seinen Testerfolg mit der Familie
Getty Images/India Today Group

Geschafft: Manish Kumar Jaiswal (M.) feiert seinen Testerfolg mit der Familie


Es ist der wohl schwierigste Aufnahmetest der Welt und vermutlich der mit den meisten Teilnehmern: Eine halbe Million Inder bewirbt sich jedes Jahr für den Höheren Dienst der Beamtenlaufbahn.

Und nur etwa Tausend Glückliche werden in den legendären Indian Administrative Service (IAS) aufgenommen, eine Art Elitetruppe des indischen Beamtenapparats. Daraus rekrutieren sich Indiens Diplomaten, die obersten Polizeichefs und die höchsten Ministerialbeamten - die Creme der Verwaltung von Indien, das mit rund 1,2 Milliarden Menschen weltweit auf Platz zwei der bevölkerungsreichsten Länder liegt, knapp hinter China.

Um dazuzugehören, nehmen die Bewerber große Härten auf sich. Viele haben gerade die Universität absolviert, verschieben aber ihren Berufsstart um Jahre, um für das Examen zu büffeln. Ohne die Vorbereitungskurse privater Institute hat man kaum eine Chance, die Fragen zu beantworten.

Die erste Runde besteht aus einem Multiple-Choice-Test. Vier Stunden Zeit haben die Kandidaten für die Fragen, die logisches Denken und Auffassungsgabe prüfen sollen, vor allem aber Allgemeinwissen. Abgefragt werden auch teils obskure Details aus Zeitgeschehen, Geschichte, Wirtschaft, Politik- und Naturwissenschaften.

Etwa 16.000 Testteilnehmer qualifizieren sich für die nächste Runde und werden dort insgesamt 27 Stunden in die Mangel genommen. In Gesprächen mit gut 2000 Kandidaten wird dann die letzte Auslese getroffen.

Die Vorbereitungskurse sind heftig: Für die erste Runde pauken die Aspiranten sechs Monate lang bis zu zwölf Stunden am Tag. Kandidaten in der zweiten Runde setzen sich satte 15 Monate in ein Repetitorium.

Sechs Anläufe, sechs Mal gescheitert

Die Kurse sind zudem extrem teuer. Som Kumar, 32, ein Landbesitzersohn aus Bhopal, hat dafür 21 Monate seines Lebens und umgerechnet 4000 Euro investiert - das ist das Jahresgehalt eines Dorfschullehrers. Der 32-Jährige ist ein Veteran des IAS-Tests, er hat ihn die maximal erlaubten sechs Mal gemacht: "Die Atmosphäre ist immer unheimlich angespannt. Nach der Prüfung weinen viele."

Zweimal schaffte Kumar es in die zweite Runde, wurde aber am Ende nicht genommen. Statt einer prestigereichen Karriere im Staatsdienst wartet nun die Arbeit als Großbauer auf ihn. "Ich habe damit gerechnet, dass es nicht klappen kann, es ist ok." Schlimm sei das Durchfallen vor allem für die, die sich bis zu sechs Jahre lang mit nichts anderem beschäftigt haben: "Die sind am Boden zerstört."

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Die Tests kann man in 71 Städten auf Englisch oder in einer von 22 indischen Sprachen ablegen; 13 verschiedene Schriften sind zulässig. Die Prüflinge der ersten Runde, fast alle unter 30 Jahre alt, sitzen in Klassenzimmern staatlicher Schulen jeder allein an einem Pult. Auf Wunsch gibt es Wasser, aber keine Pausen während der vierstündigen Tortur - damit niemand schummelt.

Tatsächlich gilt der IAS-Test als eines der wenigen Felder, in dem es - im zutiefst korrupten Indien eine große Ausnahme - fair zugeht. Versucht doch einmal ein Kandidat zu betrügen, macht das prompt Schlagzeilen. Der letzte bekannte Fall: Ein Polizist kommunizierte 2013 in Neu-Delhi per Bluetooth mit externen Helfern.

Gute Geschäfte mit den Prüflingen

Vom System des IAS-Examen leben in Indien ganze Wirtschaftszweige. Das Viertel Rajendra Nagar in Neu-Delhi ist das Zentrum der Coaching-Institute; das bekannteste, Vajiram and Ravi, soll jährlich etwa acht Millionen Euro Gewinn machen. Makler haben sich darauf spezialisiert, in den umliegenden Kiezen noch die winzigsten Zimmer zu Wucherpreisen an Kursteilnehmer zu vermieten. Copyshops, Buchläden und Schnellimbisse säumen die Seitenstraßen. Die lokalen Tempel profitieren von Opfergaben, die Prüflinge vor den Tests vorbeibringen.

Doch so hoch die Hürde für den höchsten Staatsdienst auch ist: Indien wählt durch das Testverfahren, das noch von den Briten stammt, nicht unbedingt die Besten aus, monieren Kritiker. "Statt für den Test auswendig zu lernen, sollten die Kandidaten sich lieber fragen, ob sie tatsächlich zum Diplomaten oder Polizeipräsidenten taugen. Oder sich zumindest über ihre künftige Aufgabe informieren", sagt ein Polizist im Range eines Staatssekretärs, der sich nur anonym äußern will. Der Mittvierziger hatte den Test mit Glanz bestanden und war mit Begeisterung zur Polizei gegangen. "Mein Vater war Polizist, ich wusste, was mich erwartet."

Viele der Absolventen hätten jedoch keine Vorstellung vom Beruf, für den sie sich qualifiziert hätten, so der Beamte. Die ein oder zwei Jahre fachliche Ausbildung im IAS seien nicht genug: "Viele dieser jungen Leute haben keine Berufserfahrung, sondern jahrelang in Coaching-Instituten gehockt. Dann sind sie auf einmal in sehr einflussreichen, mächtigen Positionen - und doch Laien auf ihrem Gebiet."

Hier können Sie den Test ausprobieren.

  • Ulrike Putz (Jahrgang 1973) ist Korrespondentin von SPIEGEL ONLINE und berichtet über Indien und den Nahen Osten.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 142 Beiträge
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Seite 1
uventrix 03.09.2015
1. Fragenmühle
Was für ein Aufwand, was für ein Geschäft, eine eigene Institution die wahrscheinlich von den Kursanbietern am Leben gehalten wird. Auswendig lernen. Das hat ja null Aussagekraft...
anderermeinung 03.09.2015
2. die unterlegenen Bewerberinnen und Bewerber sollten ...
nach Griechenland gehen. Dort fehlen leistungsfähige Beamtinnen und Beamte. Wie man hört und liest.
Greggi 03.09.2015
3. Dann muss ja ...
die indische Verwaltung extrem effektiv, unbürokratisch, schnell und bürgernah sein. Fragen wir doch mal die Inder.
karend 03.09.2015
4. .
Gab es nicht vor einiger Zeit einen Artikel über einen indischen Beamten, der selten zur Arbeit ging (aber dennoch sein Gehalt kassierte)? Wenn so etwas nicht bemerkt/geahndet wird, wundert mich der Andrang nicht...
senf-mit-sauce 03.09.2015
5. Wieso ist 20 % bei der ersten Antwort richtig?
45 % Magazin A 55 % Magazin B 40 % Magazin C 30 % Magazin A und B 15 % Magazin B und C 15 % Magazin A und C 10 % Magazin A, B und C 10 % lesen alle drei Magazine, also bleiben noch 20 %, die A und B lesen, und je 5 %, die B und C bzw. A und C lesen, übrig. Das umfasst schon einmal 40 % der Bevölkerung. Damit bleiben an Lesern, die nur eine Zeitung lesen übrig: A: 10 %, B : 20 % und C: 20%. Das macht in der Summe 90 % Zeitungsleser.
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