Rollenwechsel Ab jetzt sind Sie ein Agent des Kapitals

Biss, Talent, Fleiß: All das kann zur Beförderung führen - aber es macht noch keinen guten Chef aus. Wer in eine Führungsrolle schlüpft, muss sich neu erfinden. Genau daran scheitern viele, die plötzlich Chef werden. Sie optimieren nicht die Leistung ihres Teams, lieber sich selbst und ihr Gehalt.

Ein Gastbeitrag von Reinhard K. Sprenger

Die Krone sitzt schlecht: Ein guter Chef versteht sich als Diener
Corbis

Die Krone sitzt schlecht: Ein guter Chef versteht sich als Diener


Was muss jemand alles tun, wenn er plötzlich Chef wird? Dazu gibt es etliche Fachbücher. Einen Aspekt findet man aber - soweit ich sehe - nirgendwo in diesen Büchern. Ich halte ihn für den wichtigsten, wenn man die Überlebenssicherung des Unternehmens als vornehmliche Führungsaufgabe anerkennt.

Ein Unternehmen ist in der Regel arbeitsteilig aufgebaut. Unter dem Prinzip der Arbeitsteilung geleistete Arbeit ist daher immer Arbeit für andere. Man leistet nicht für sich. Sondern die Frage lautet: Was kann ich für andere leisten? Wie kann ich dazu beitragen, dass meine Arbeit die Arbeit anderer befruchtet? Das ist auch der Kern des Wortes "Verdienst". Wie kann ich anderen dienen? Der Verdienst ist dann eine Folge dieses Dienens.

Dies setzt den Willen zum Dienen voraus: den Bedürfnisse anderer Priorität einzuräumen. Dieser Zusammenhang ist oft vergessen worden, insbesondere im Topmanagement - dort, wo das große Geld verteilt wird. Aber viel Geld stimuliert nicht die Bereitschaft, anderen zu dienen. Im Gegenteil: Es lässt glauben, dass man es nicht mehr nötig hat. Es läuft auf den Wunsch hinaus, zu verdienen ohne dienen zu müssen. Diese Geisteshaltung belegt Arbeit, die für andere geleistet wird, mit Geringschätzung und bevorzugt Selbstoptimierer als Führungskräfte.

Alle dienen einander

Kernaufgabe von Führung aber ist es, das wechselseitige Dienen strukturell zu organisieren und individuell zu unterstützen. Kaum beachtet wird dabei der fundamentale Funktionswechsel, wenn jemand erstmalig Führungskraft wird. Dieser Wechsel hat mindestens zwei Dimensionen:

1. Wer Führungsverantwortung übernimmt, der muss die Unternehmensziele über die eigenen stellen. Eine Führungskraft ist vorrangig Agent des Kapitals. Das mag unsympathisch klingen und man kann es sicher wolkiger formulieren. Aber es ändert nicht die Tatsache: Der neuen Führungskraft wird zugetraut, in besonderer Weise die Interessen der Kapitaleigner zu berücksichtigen. Das sollte sie nicht zu einem missverstandenen Shareholder-Value-Denken verengen. Aber sie hat sich für die Interessen des Kapitals entschieden.

2. Das, was ein Mitarbeiter braucht, um aufzusteigen: Biss, Talent, Fleiß, Durchsetzungsvermögen, Präsentationsfähigkeit, all das macht ihn nicht zu einem guten Chef. Insbesondere technisch ausgebildete Fachkräfte (zum Beispiel Ingenieure) unterschätzen die Bedeutung "sozialer" Faktoren bei der Führungsarbeit. Mit einigem Recht. Denn letztlich wurde sie ja befördert aufgrund von fachlichen Qualitäten, mit denen sie sich profiliert haben. Aber jetzt gilt es, nicht sich selbst zu Höchstleistungen zu führen, sondern andere. Jetzt geht es nicht mehr darum, selbst der Beste zu sein, sondern das Beste aus anderen heraus zu holen. Und dazu bedarf es anderer Fähigkeiten als beim beruflichen Aufstieg. Die bisherige Kompetenz kann nun arrogant wirken und den Weg zum Leistungspotenzial des Mitarbeiters verstellen. Der erforderliche persönliche Wandel bedeutet nichts Geringeres, als sich selbst neu zu erfinden.

Nimmt man hinzu, dass ein Unternehmen um die Zentralidee der Zusammenarbeit herum gebaut ist, dann muss man Menschen zu Führungskräften machen, die den Kooperationsvorrang im Unternehmen zur Geltung zur bringen: Leute ohne Super-Ego, Menschen, die die Leistung anderer fördern. Es braucht Fremdoptimierer. Die das Interesse des Ganzen über das eigene stellen, die tun, was zu tun ist, die vor allem sich dafür einsetzen, dass ihre Mitarbeiter aufblühen, und dafür in Kauf nehmen, selbst nicht permanent im Rampenlicht zu stehen.

Sie müssen das Ressortdenken zurückdrängen - im eigenen Ressort

Das heißt nicht, dass diese Chefs irgendeiner Idee der Selbstlosigkeit huldigen sollten. Die gibt es nicht, und wir beschreiben hier ja einen Zirkel, in dem Geben und Nehmen sich ausgleichen, wo gegenseitige Ergänzung und wechselseitige Förderung wahrscheinlicher wird. Es geht nicht um Gleichklang, sondern um ein Einstimmen in den Gesamtzusammenhang.

Fragen Sie sich selbst: Sind Sie selbst die richtige Führungskraft in einem Unternehmen, das um die Kernidee der Zusammenarbeit herum gebaut ist? Sie müssen geschickter und einfühlsamer sein als herkömmliche Führungskräfte. Sie müssen einen Blick für Zusammenhänge haben, Nebenwirkungen, Spätfolgen. Sie müssen das Ressortdenken zurückdrängen - vor allem im eigenen Ressort. Sie dürfen im Mitarbeiter keinen Kostenfaktor sehen, sondern einen unverzichtbaren Partner im wechselseitigen Einander-Brauchen. Sie dürfen jeden Individualismus tolerieren, der für das Gemeinsame wirkt und müssen alles unterbinden, was gegen das Gemeinsame spricht. Können Sie das? Wollen Sie das?

Ich male gerne das Bild eines guten Gastgebers auf einem Fest, der unauffällig dafür sorgt, das alles gut läuft und ineinanderspielt, der sich kümmert um die vielen kleinen Dinge, die das Fest zu einem Erfolg machen, aufmerksam für das, was zwischen den Gästen sich entwickelt, jenen einbeziehend, der bisher unbeachtet am Rande stand, schwierige Beziehungen charmant überbrückend, und der vor allem dafür sorgt, dass jeder in seiner besten Rolle zur Geltung kommt.

Dies gilt für das Privatleben wie für das Geschäftsleben: Nichts macht erfolgreicher, als andere erfolgreich zu machen.



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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
lotoseater 19.09.2012
1.
Zitat von sysopCorbisBiss, Talent, Fleiß: All das kann zur Beförderung führen - aber es macht noch keinen guten Chef aus. Wer in eine Führungsrolle schlüpft, muss sich neu erfinden. Genau daran scheitern viele, die plötzlich Chef werden. Sie optimieren nicht die Leistung ihres Teams, lieber sich selbst und ihr Gehalt. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/befoerderung-was-einen-guten-chef-ausmacht-a-856558.html
Was kann ich für Andere leisten? Das geht doch so: Dilbert: Job Interview (http://www.dilbert.com/2012-09-18/) Denn merke: Auch wenn man selbst bereit ist, bei der Arbeit was zu leisten, heißt das noch lange nicht, dass der Arbeitgeber auch zu einer angemessenen Gegenleistung bereit ist. ;-)
2049er 19.09.2012
2. Es ist 2012. Kommt endlich weg von dieser Bürodenke !
Es ist ja grausam. Mittlerweile wachsen ganze Generationen heran, die sich & ihre Zukunft brav und kümmerlich als "Angestellten" betrachten. Wieso haben nur so Wenig den Anspruch ihr eigener Herr zu sein ? Wieso will eigentlich keiner mehr etwas produzieren ? Ein Leben zwischen Meetings, Conferenzcalls und Meilengesammel ist doch kein echtes Leben.... Erase and Rewind !
radio eriwan 19.09.2012
3. der b.wulff der Mgt Denker
Sprenger ist doch nur ein schwätzer hat nur wie bettina Headlines um käufer anzulocken. er soll doch mal die nachhaltigkeit seiner thesen und vor allem seiner überteuerten Seminare beweisen lachhaft ist doch nur eine vermarktungsmasche und alle publikationen machen wiedermal mit, den die seiten müssen ja voll werden wer ihn kennt weiss wie hohl seine immer wieder aufgewärmten thesen sind leute spart euch das geld
murmeltier1166 19.09.2012
4. von welchem...
Planeten schreibt der Herr Sprenger hier eigentlich? Wenn ich an das Hauen, Stechen, den Neid, die Missgunst und die Rücksichtslosigkeit in unserem Laden denke, verzichte ich dankend auf eine Führungsposition. Der Artikel hat nichts mit der Realität zu tun und kann unter Utopie und Wunschdenken abgehakt werden. Die neue Generation hat das begriffen und setzt sich dem Terror und Kanibalismus in den Führungsebenen nicht mehr aus.
galileo-gudrunhappich 20.09.2012
5. Das große Ganze nicht aus den Augen verlieren
Ich finde, Herr Sprenger beschreibt in seinem Beitrag sehr pointiert und trefflich, um was es geht. Und wenn es mehr Führungskräfte geben würde, die so ticken, die über ihr Ego hinausdenken können und das große Ganze nicht aus den Augen verlieren, für das sie schließlich im Einsatz sind und bezahlt werden, dann gebe es die erschreckenden Erfahrungen nicht, die augenscheinlich einige der Kommentatoren in ihren Unternehmen gemacht haben. Ich möchte aus meiner Erfahrung - ich habe selber 12 Jahre als Führungskraft gearbeitet und agiere heute als Sparrings-Partnerin für Leistungsträger – hinzufügen: Es gibt auch viele, viele positive Beispiele, wo Manager mit dem richtigen Selbstverständnis, wie es Herr Sprenger beschreibt, tolle Teams aufbauen und mit Motivation, Mitdenken und Eigenengagement die Unternehmens Ziele erreicht werden. Und diese Zusammenarbeit macht dann allen Beteiligten so richtig Freude!
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