Begräbnis-Bräuche Gestatten, Bestatter!

Seriöses Auftreten, Trost und Seelsorge - Bestatter sollten ihren Job mit Ernst ausfüllen. Doch viele Kunden stören sich an ihren festgefügten Ritualen. Ihnen versprechen neue Anbieter Abschiede mit mehr Freiheit und Fantasie.


Die Mittagssonne durchflutet den Raum mit hellem Licht. Immer wieder schauen junge Leute verdutzt durch die Fensterfront des Ladens mitten im Hamburger Schanzenviertel: auf dem Fußboden eine riesige tickende Uhr, drum herum schwarze Raben. "Wir dekorieren immer anders, oft steht hier auch ein bunt bemalter Sarg", sagt Christian Hillermann. "Diesmal geht es um Zeit - wovon wir alle abhängig sind."

Im Jahr 2003 hat der Pädagoge das Trostwerk für "andere Bestattungen" in Hamburg eröffnet. Mittlerweile hat er elf Mitarbeiter und zwei Filialen. Das übliche Bestattergepräge sucht man hier vergebens. Hillermann, 42, trägt Jeans und kariertes Hemd unterm Sakko und lächelt freundlich, wenn er mit Kunden telefoniert. Die Wände sind so leuchtend orange wie einige Urnen im Regal.

"Alles, was mit Tod und Trauer zu tun hat, soll in der deutschen Bestattungskultur eigentlich aus unserem Blickfeld verschwinden", sagt Hillermann. Durch Todesfälle im engsten eigenen Umfeld hat er erfahren, dass das nicht guttut. So entstand die Gründungsidee für sein etwas anderes Bestattungsunternehmen.

Heidi Anicic hingegen ist schon in dem Haus aufgewachsen, wo ihre Großeltern 1924 eine Tischlerei mit Bestattungsbetrieb eröffneten. Die 47-Jährige trägt ein schwarzes Kostüm und ein eng gebundenes dunkles Tuch um den Hals. Dass sie vor dem Einstieg ins Familienunternehmen sieben Jahre als Stewardess arbeitete, kann man sich gut vorstellen. Schon als 15-Jährige führte Anicic ihr erstes Kundengespräch, weil sonst gerade niemand da war. Sie ist in den Beruf hineingewachsen und führt heute den Betrieb gemeinsam mit ihrer Schwester.

Zwischen Mitgefühl und Geschäft

In den Räumen des Bestattungsinstituts Weber spürt man sofort, dass hier Traditionen gepflegt werden: gedecktes Ambiente, dunkle Farben, Ruhe. An der Tür steht ein Ständer mit fünf großen schwarzen Regenschirmen, das CD-Regal ist mit klassischer Trauermusik bestückt. Zur Auswahl von Särgen und Urnen gibt es einen eigenen Ausstellungsraum, fernab des Beratungszimmers. Ordentlich aufgereiht liegen schwarze Mappen in einem Regal im Büro. Es sind Mappen zu Verstorbenen: Welche Art von Bestattung soll es sein? Wo findet die Trauerfeier statt? Welche Musik wird gespielt? Mit welchen Blumen soll dekoriert werden?

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Alternativen zum Friedhof: Lass die Asche fliegen
Ein Hauptteil der Arbeit eines Bestatters findet am Schreibtisch statt. Heidi Anicic besorgt Sterbeurkunden, schreibt Versicherungen an, organisiert die gesamte Bestattung. Trotzdem: "Die Seelsorge ist die größte Herausforderung unserer Arbeit." Und die werde größer, weil die Menschen der Kirche nicht mehr so zugewandt seien. Die Beratung der Kunden ist für den Bestatter immer ein Balanceakt zwischen Trauerbegleitung und Verkaufsgespräch.

"Immer weniger Menschen wollen viel Geld ausgeben für eine traditionelle Bestattung und Trauerfeier", sagt Anicic. Von alternativen Trauerritualen hält sie nicht viel. Trotzdem muss sie sich den Kundenwünschen anpassen und gestaltet gerade eine neue Webseite; auch ein virtuelles Kondolenzbuch werde sie früher oder später anbieten müssen. Dabei sei der Kontakt zu Menschen eigentlich das, was den Beruf ausmache.

Wieso auf dem Friedhof Abschied nehmen?

So sieht es auch Christian Hillermann. Doch er glaubt, dass ritualisierte Trauer vielen längst keinen Halt mehr geben könne. Das Trostwerk-Team versucht erst zu begreifen, wer der Verstorbene war und wer die Trauernden sind, um dann zu überlegen, wie der Weg des Abschiednehmens aussehen soll. "Wir bemalen Särge mit Bildern der Angehörigen oder bekleben sie mit Fotos", erzählt Hillermann. Die Trauerfeier müsse auch nicht unbedingt auf einem Friedhof stattfinden. "Das kann im Tanzstudio, im Kino oder im Literaturhaus sein - eben wo man dem Verstorbenen nah sein kann."

"Wir wollen die Trauernden von den Zwängen und Regeln befreien, ihnen Zeit für Trauer und Abschied geben", so Hillermann. Die Hinterbliebenen stünden bei ihnen im Mittelpunkt, nicht exakte Abläufe und Pläne. Mit jedem Kunden führen die Mitarbeiter intensive Gespräche, bevor eine Entscheidung falle. Niemand müsse in Deutschland zum Beispiel innerhalb von einer Woche beerdigt werden - kein Grund für übereilte Entscheidungen also.

Einen anderen Eindruck vermittelt auf der Internetseite des Bundesverbandes Deutscher Bestatter eine genaue Auflistung, welche Formalitäten nach dem Tod eines Menschen wann zu erledigen seien. Für Christian Hillermann sind das unnötige Normen, die dazu führten, dass die Hinterbliebenen mit dem Gang zum Bestatter alle Zügel aus der Hand geben sollten.

Heidi Anicic vom Bestattungsinstitut Weber sieht genau das als ihre Aufgabe an: "Ich möchte den Leuten so viel abnehmen, wie möglich." Dazu gehört auch, dass die Hinterbliebenen die Leiche nicht so zu Gesicht bekommen müssen, wie sie nach dem Tod aussieht.

Traumberuf Bestatter

"Wir raten den Angehörigen immer, die Toten noch einmal zu sehen - auch wenn das oft schwer fällt", sagt Christian Hillermann. Das sei ein wichtiger Teil der Trauerarbeit, weil es helfe, den Tod wirklich zu begreifen. "Daher verändern wir auch nicht das Aussehen der Toten, um sie besonders lebendig aussehen zu lassen", sagt Hillermann, "für uns wäre es ein respektloser Eingriff am Körper der Toten."

Traditionell gehört es zu den Aufgaben eines Bestatters, Tote ästhetisch und hygienisch für eine Aufbahrung herzurichten. Heidi Anicic findet es wichtig, dass Angehörige die Verstorbenen möglichst so zu sehen bekommen, wie sie in Erinnerung geblieben sind. Diese Aufgabe fällt ihr auch nach Jahren im Beruf nicht leicht. "Ich spreche dann oft mit den Toten und versuche vor allem immer, Haltung zu wahren", erzählt sie. Schwer vorstellbar, dass Heidi Anicic mal aus der Fassung geraten könnte.

Im Trostwerk arbeiten ausschließlich Quereinsteiger - vom Psychologen bis zum Soziologen. Jeder geht auf seine Art mit den Herausforderungen des Berufs um. Wichtig bei der Mitarbeiter-Auswahl sind Christian Hillermann Lebenserfahrung und Einfühlungsvermögen. "Was wir hier leisten, das kann man nicht in einer klassischen Ausbildung lernen", findet er.

Die gibt es für Bestatter erst seit 2003. Für Hillermann genügte es, sich mit Praktika bei anderen Bestattern einzuarbeiten. Bei Webers dagegen hat gerade Andrea Pöhls ihre Ausbildung begonnen. "Bestatterin zu werden ist mein Traumberuf", sagt die 20-Jährige mit leiser Stimme.

  • Michael Wagenhäuser
    Pia-Luisa Lenz (Jahrgang 1986) ist freie Journalistin in Hamburg. Für den NDR hat sie zusammen mit Christian von Brockhausen die Dokumentation "Hudekamp - ein Heimatfilm" gedreht.

insgesamt 1 Beitrag
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sarpiro, 24.10.2011
1. Karriere
Warum steht denn dieser Artikel in der Rubrik Karriere? Ist doch gar kein seltener Beruf als das man ihn hier vorstellen müsste.
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