Von Beruf Boxmanager Bene und das Blut seiner Jungs

Boxen ist ein schmutziger Sport, die Manager sind oft Finsterlinge. Benedikt Poelchau will es besser machen, seine Boxer mit Respekt behandeln, keine Siege kaufen. Ein Kampfabend in Zürich muss zeigen, ob das ein Traum bleibt.

Boxmanager Poelchau: Boxen als fairer Sport - geht das überhaupt?
Armin Smailovic

Boxmanager Poelchau: Boxen als fairer Sport - geht das überhaupt?

Von Takis Würger


Am Morgen vor den Kämpfen sinkt Benedikt Poelchau im Hotelzimmer auf die Knie und betet, dass am Abend im Volkshaus Zürich niemand sterben möge. "Herr, Vater im Himmel, beschütze alle Boxer im Ring, und lass mich ruhig bleiben. Amen."

Poelchau ist Boxmanager. An diesem Samstag werden neun Kämpfer aus seinem Boxstall in den Ring steigen. Für die Kämpfer geht es um Ruhm und Geld. Für Poelchau wird es keinen Ruhm geben. Niemand wird ihm applaudieren. Und auch wenn jeder Platz besetzt sein sollte, wird er Verlust machen.

Seine Haut schimmert an diesem Morgen grau. Zu wenig Schlaf. Es ist seine erste internationale Boxveranstaltung. Poelchau, 26, gelernter Industriekaufmann, hat seine Laufbahn als Boxmanager mit dem Ziel angetreten, es anders zu machen als alle vor ihm. Er will seine Kämpfer mit Respekt behandeln und ihre Gegner auch, er will faire Gagen zahlen, keine Siege kaufen.

"Blanko" nannten ihn die anderen Boxer

Boxen ist ein dreckiger Sport. Keine geordneten Strukturen, keine Liga, rivalisierende Verbände. Ein begabter Boxer kann ein Niemand bleiben, wenn er den falschen Manager hat. Mit dem Boxen ist es wie mit allem, wo viel Geld im Umlauf ist: Es zieht das Böse an. Boxmanager sind oft Verbrecher.

Benedikt Poelchau (mit Mike Tyson in Las Vegas): Boxen zieht das Böse an
Blanko Sports

Benedikt Poelchau (mit Mike Tyson in Las Vegas): Boxen zieht das Böse an

Donald King ist einer der erfolgreichsten Boxmanager aller Zeiten. 1954 erschoss er einen Fremden, der sein Wettbüro ausrauben wollte - Notwehr, entschied das Gericht. Später trampelte er einen Laufburschen tot, der ihm 600 Dollar schuldete. Urteil: erst Mord; dann doch Totschlag; Begnadigung nach vier Jahren. Mike Tyson, der einmal von Don King gemanagt wurde, sagte über ihn: "Er ist elender, schleimiger, reptilienartiger Motherfucker."

Poelchau will ein guter Manager sein, im doppelten Sinn. Seine Eltern nannten ihn Benedikt "Der Gesegnete" und Benvenuto "Der Willkommene". Seine Mutter ist "Stern"-Reporterin, sein Vater ist selbstständiger Sporttrainer und bietet unter anderem in Gefängnissen Chi Gong für Häftlinge an. Die Poelchaus wurden in der Vergangenheit Bischof, Politiker oder Konzertpianist. Benedikts Großonkel Harald Poelchau war Gefängnispfarrer während des NS-Regimes und Widerstandskämpfer in der Gruppe Kreisauer Kreis. Benedikt Poelchau stammt aus einer Familie, in der es vor ihm keinen Boxmanager gab.

Poelchau nach seinem Titelgewinn 2006 in Las Vegas: Boxen als Passion
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Poelchau nach seinem Titelgewinn 2006 in Las Vegas: Boxen als Passion

Bene aus Ravensburg am Bodensee begann als 13-Jähriger mit dem Boxtraining. Es gefiel ihm. Er spürte sich. Mit 17 ging er in die Vereinigten Staaten zur Highschool und wurde Las Vegas Champion im Super-Mittelgewicht. Einer seiner Teamkollegen hieß Michael Medina, Kampfname "Murder Man". In seinem Freundeskreis in den USA war Poelchau der einzige Junge mit weißer Haut. "Blanko" nannten ihn die anderen Boxer. Er wusste nun, dass er Profiboxer werden wollte oder Manager, wie Don King, aber ohne ein verurteilter Mörder zu sein.

Zurück in Deutschland machte Poelchau gegen seinen Trainer Sparring und war besser. Er liebte das Boxen, aber in Deutschland förderte ihn niemand. Er hörte auf, war eine Zeitlang Rapper, zog nach Hamburg und studierte Jura, aber die Bücher langweilten ihn. Er begann eine Ausbildung zum Industriekaufmann bei einem Sportartikelhersteller am Bodensee. Die Provinz fraß seine Träume. Er träumte von einem Leben in der Boxwelt, von ein wenig Glanz, Hemden aus Seide, aber er sprach kaum darüber, weil es ihm unerreichbar schien.

Zu vorbestraft, zu irre oder zu ungarisch

Dann bekam er einen Anruf aus Polen. Am Apparat war "Murder Man", sein Freund Michael, der als Sparringspartner eines polnischen Boxers nach Warschau gereist war. Nun fragte er: "Blanko, kannst du mir einen Kampf besorgen?" Und Poelchau, der kaum etwas wusste übers Boxgeschäft, sagte: "Das kann ich."

Er fragte ein paar Manager, wann der nächste Kampfabend stattfinden würde, und verhandelte eine Börse. Nach Michael fragte der nächste Boxer nach einem Kampf, Poelchau konnte helfen. Seine Boxer kämpften in Turnhallen auf dem Land und in Kleinstädten. Poelchau dachte, wenn das mal größer werden sollte, brauche er einen Namen, der nach Las Vegas klingt. So nannte er seinen Boxstall "Blanko Sports".

Er studierte Statistiken, schaute Videos und fand Männer wie Youri Kalenga, einen Kongolesen mit einer 30 Zentimeter langen Machetennarbe auf dem linken Bein. Sein Kampfname ist "El Toro", der Stier. Er boxt demnächst in den USA, sein Kampf soll auf HBO übertragen werden.

Poelchau mit Istvan "The Prince" Szili (2. von rechts) und dem einstigen Ali-Gegner Jürgen Blin (links daneben): Und immer wieder aufstehen
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Poelchau mit Istvan "The Prince" Szili (2. von rechts) und dem einstigen Ali-Gegner Jürgen Blin (links daneben): Und immer wieder aufstehen

In Zürich boxt für Poelchau ein Ungar, der sich "Der Prinz" nennt, Nackenmuskeln wie ein Berggorilla hat und aussieht, als wäre er der Unterwelt entstiegen. Es boxt Arthur "The Knockout King" Hermann, ein ehemaliger Gefängnisinsasse. Es boxt Anatoli "Toli" Muratov, ein Jugendfreund Poelchaus, der hauptberuflich im Schichtdienst Schiffsmotoren zusammenschraubt. Diese Männer sind Ausnahmetalente, aber viele würden im deutschsprachigen Raum ohne Poelchau keine Chance bekommen, weil sie vorbestraft sind, zu irre oder zu ungarisch.

Am frühen Abend in Zürich sucht Poelchau sich im Hotelzimmer ein Outfit zusammen. Auf seinem Laptop läuft in voller Lautstärke "I'm So Excited". Poelchau zieht ein glitzerndes Sakko an und ein goldenes Hemd aus Seide. Er sieht aus wie ein Zauberer.

"Let's get this party started"

In zwei Stunden sollen die Kämpfe beginnen. Als Poelchau die Halle betritt, prasseln Fragen auf ihn ein wie Hagelkörner. Wo ist mein Gegner? Wer nimmt die Zeit? Gibt es was zu essen? Kannst du mich mit dem Auto abholen? Wie komme ich in den VIP-Bereich? Wo ist Nana? Hast du den Gegner angeguckt? Wo ist das vierte Paar Handschuhe? Was ist mit der Abschussanlage?

Poelchau wirkt ein wenig so, als wolle er wegrennen. Aber er findet die Gegner, teilt einen Freund als Zeitnehmer ein, treibt etwas zu essen auf, organisiert ein Taxi, verteilt die Bändchen für den VIP-Bereich, entdeckt Nana, guckt sich den Gegner an, sucht und findet, in einer Kiste neben dem Ring, das vierte Paar Handschuhe.

Schweiß läuft über seine Stirn, als er zu sich selbst sagt: "Was ist eigentlich eine Abschussanlage?"

Hinter der Bühne machen sich die Boxer warm, knallen ihre Handschuhe auf die Pratzen. In den Händen dieser Männer liegt Poelchaus Hoffnung. Wochen vor diesem Abend sagte er: "Was musst du für ein Typ sein, wenn du dein Geld damit verdienst zu organisieren, wie sich zwei Menschen auf den Kopf hauen?"

Sein Boxer Anatoli Muratov kämpft um die Deutsche Meisterschaft im Supermittelgewicht. Er ist größer als sein Gegner und eleganter, bewegt sich auf leichten Füßen, ab und zu steckt er zwei harte Schläge durch die Deckung. Poelchau steht am Ring, springt auf und ab und ruft: "Genau so, Toli!"

Als hätte jemand mit einem Degen zugestochen

In Runde fünf schlägt sein Gegner einen Haken zum Körper, Muratov bricht zusammen, als hätte jemand mit einem Degen zugestochen. Er sinkt auf alle Viere, direkt in der roten Ecke, vielleicht zwei Meter entfernt von Poelchau.

Die Menschen brüllen und applaudieren, in den Krach mischen sich Poelchaus Rufe. "Steh auf, Toli, du liegst nach Punkten vorn." Der Ringrichter zählt. Poelchaus Rufe klingen wie ein Flehen: "Toli, du musst aufstehen." Und dann, durch den Krach, durch das Adrenalin des Kampfes und das Zählen des Ringrichters, wendet Muratov seinen Kopf nach links und schaut Poelchau in die Augen.

Poelchau in Boxerpose: "Machen wir einen Rückkampf"
Armin Smailovic

Poelchau in Boxerpose: "Machen wir einen Rückkampf"

Es ist, als bliebe die Zeit stehen. Das sind keine Vertragspartner, die sich da anschauen, sondern Kameraden, die sich gemeinsam auf diese Schlacht vorbereitet haben und gemeinsam diesen Kampf kämpfen, auch wenn einer im Ring auf allen Vieren kniet und einer davor steht. "Steh auf, Toli." Muratov schüttelt den Kopf. Poelchau nickt.

Poelchau hat am Vortrag alle Kämpfer zusammengerufen und ihnen gesagt, keiner müsse in den Ring gehen, wenn er sich schlecht fühle. Die Gagen würde er trotzdem zahlen. Er sagte, wir sind alle Teile eines großen Ganzen.

An diesem Abend in Zürich passiert etwas, womit in der Halle vielleicht nur Poelchau gerechnet hat. Anatoli Muratov kneift das Gesicht zusammen, stützt die Fäuste auf den Ringboden und springt auf. Später wird ein Arzt bei ihm eine gebrochene Rippe feststellen, aber Muratov boxt weiter. Wer erlebt hat, wie Benedikt Poelchau mit seinen Kämpfern umgeht, möchte glauben, dass er einen Anteil daran trägt, wenn sie mehr geben als andere.

Die gebrochene Rippe drückt gegen die Haut

Muratov muss später aufgeben, weil die Rippe sich schräg aus seinem Brutkorb gegen die Haut abzeichnet. Poelchau begleitet ihn in die Kabine und wischt ihm das Blut von den Schultern. Muratov sagt immer wieder: "Meine Rippe ist gebrochen." Poelchau schaut Muratov in die Augen und sagt: "Machen wir einen Rückkampf."

Vor dem Kampfabend sagte Poelchau, er würde sich manchmal wünschen, etwas Sinnvolleres aus seinem Leben zu machen. Man könnte ihm so einen Gedanken als Schwäche auslegen. Vielleicht aber wird genau diese Einstellung dafür sorgen, dass "Blanko Sports" eines Tages die ganzen Verbrecher überstrahlen wird.

Poelchau beim Wischeinsatz: Ende eines Traumes für Boxer Muratov
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Poelchau beim Wischeinsatz: Ende eines Traumes für Boxer Muratov

Als Poelchau aus Muratovs Kabine kommt, ist sein Gesicht ernst, in der Hand hält er noch das Handtuch. Der Ringrichter ruft den nächsten Kämpfer in den Ring. Poelchau klettert durch die Seile und kniet sich in die rote Ecke, er wischt das Blut seiner Jungs vom Boden.

In seinem Hotelzimmer steht im Regal eine alte Ausgabe von Paulo Coelhos "Handbuch des Kriegers des Lichts". Das Buch ist abgegriffen und voll mit kleinen Zetteln. Auf Seite 91 steht: "Zu Beginn seines Kampfes sagt der Krieger: Ich habe Träume."

Die beiden letzten Kämpfe dieses Abends in Zürich gewinnen Poelchaus Boxer durch Knock-out.

  • Fabian Weiß
    Takis Würger (Jahrgang 1985) arbeitete als Reporter im SPIEGEL-Gesellschaftsressort. Zurzeit lebt er in England, studiert und boxt für den Cambridge University Amateur Boxing Club. Er hat bei dieser Recherche vieles gelernt, aber fragt sich noch immer, was genau eine Abschussanlage ist. Sein Text ist ein gekürzter Beitrag aus dem Buch "Knockout: Das Leben ist ein Kampf".
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