Berlin Kollegen spenden Überstunden, damit Vater bei krankem Sohn sein kann

Er wollte unbezahlten Urlaub - und darf nun bis zu sechs Monate bei vollem Gehalt zu Hause bleiben. Über die ungewöhnliche Spendenaktion einer Berliner Firma.

Aufruf an die Mitarbeiter

Aufruf an die Mitarbeiter


Jens Rösener ist Außendienstmitarbeiter in einem Berliner Maschinenbauunternehmen. Als sein Sohn im Sommer schwer krank wurde, verbrachte er jede freie Minute bei ihm. Doch der Zustand des 18-Jährigen verschlechterte sich weiter. Die Diagnose der Ärzte: Herzmuskelschwäche. In Lebensgefahr schwebend musste er in eine Spezialklinik nach Heidelberg verlegt werden.

Um auch dort bei seinem Sohn sein zu können, zog Rösener in einen Wohnwagen auf einem Campingplatz. Doch irgendwann waren Resturlaub und Überstunden aufgebraucht. Der scheinbar einzige Ausweg: unbezahlter Urlaub.

Doch das gefiel dem Chef gar nicht: "Ich wollte unbedingt vermeiden, dass die Familie sich auch noch finanzielle Sorgen machen muss, weil ein Einkommen wegbricht", sagte Marcus Piepenschneider dem SPIEGEL. Er grübelte mit dem Betriebsrat - und kam auf die Idee, die rund 110 Mitarbeiter zu bitten, einen Teil ihrer Überstunden zu spenden. Über die Aktion berichtete zuerst die "Bild"-Zeitung.

"Die Resonanz war riesig", sagt Piepenschneider. Er selbst habe auch einige Überstunden gespendet. Wie viele genau, mag er nicht sagen. Die Übersicht habe nur die Personalabteilung. Und die behandele alle Überstunden gleich, egal, ob sie vom Geschäftsführer oder vom Hausmeister gespendet worden seien.

"Ich würde das auf jeden Fall nochmal machen"

Insgesamt kamen so satte 930 Stunden zusammen, das entspricht etwa 133 freien Tagen bei einer 35-Stunden-Woche. Rösener kann also bei vollem Gehalt fast sechs Monate zu Hause bleiben. Davon sei er überwältigt gewesen: "Ich hoffe, dass ich irgendwann die Gelegenheit bekomme, mich in irgendeiner Weise dafür gebührend zu bedanken und zu revanchieren", schrieb er in einer E-Mail an seine Kollegen.

"Bisher hat er noch nicht alle Tage aufgebraucht", sagt Piepenschneider. Rösener arbeite mittlerweile wieder, auch sein Sohn gehe wieder zur Schule. Er warte jedoch auf ein Spenderherz. Wenn Rösener eines Tages deshalb wieder frei braucht, könne er die restlichen Überstunden abbummeln. Denn eines sei klar: Gespendet ist gespendet. Die Angestellten können ihre verschenkten Stunden nicht zurückfordern.

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