Flüchtling arbeitet als Stadtführer Zakris Berlin

Er hat eine lebensgefährliche Flucht hinter sich, sucht Asyl in Deutschland und arbeitet jetzt als Stadtführer: Firas Zakri zeigt einen neuen Blick auf Berlin - und auf die Flüchtlingsdebatte.

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Rostige Rohre in der aufgegrabenen Erde, die Straße meterweit aufgerissen. So sieht es am U-Bahnhof Karl-Marx-Straße in Berlin-Neukölln seit Wochen aus. Eine Baustelle, auf der wenig vorangeht. Firas Zakri aus Syrien startet von hier aus regelmäßig seine Stadtführungen. Mit üblichem Sightseeing haben sie nichts zu tun.

"Geflüchtete zeigen ihr Berlin" heißt die Tour, die der Verein querstadtein seit Mitte Mai organisiert. Es ist ein zweistündiger Kompaktkurs zur Flüchtlingsthematik. Das Konzept: Menschen wie Firas Zakri vermitteln mit ihrem persönlichen Blick auf die Stadt, wie sich in Deutschland ein Neustart als Asylbewerber anfühlt.

Vier Menschen mit Fluchtgeschichte sind derzeit für den Verein als Stadtführer im Einsatz. Die Toursprache: Englisch. Der Treffpunkt befindet sich nur zufällig an der Neuköllner Baustelle. Aber sie ist ein Sinnbild für das, was Firas Zakri seit seiner Ankunft in Berlin im vergangenen Sommer erlebt: Stillstand.

"Ich hänge in der Bürokratie fest. Ein Mitarbeiter muss so verliebt in meine Akte sein, dass er meinen Asylantrag nicht abschließen will." Firas Zakri lacht. Aber seine Stimme klingt bitter.

Papa sein per WhatsApp

Zwölf Monate in der Warteschleife. Ein Leben im Ungewissen. Angewiesen auf das Wohlwollen eines Angestellten. Darf ich in Deutschland bleiben? Kann ich meine Frau und mein Kind herholen? "Unser ganzes Leben hängt von meinem Aufenthaltsstatus ab, von einer einzigen Unterschrift", sagt Zakri. Er ist 34 Jahre alt und hält das Warten kaum länger aus.

In der Flüchtlingsunterkunft fühlt er sich wie in einem "offenen Gefängnis". Er möchte arbeiten, Geld verdienen und nicht nur auf WhatsApp-Fotos sehen wie sein knapp dreijähriger Sohn groß wird. Aber wann Zakri sein Kind wiedersieht, weiß er nicht.

Die Teilnehmer nicken mitfühlend. Die meisten arbeiten beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag und setzen sich für die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt ein. Von bürokratischen Hürden für Asylbewerber haben sie schon oft gehört. "Aber wenn man jemanden persönlich kennenlernt, merkt man erst richtig, was es bedeutet", sagt einer.

Mehrere Hunderttausend Menschen suchten im vergangenen Jahr Schutz in Deutschland, darunter Zehntausende in Berlin. Inzwischen sind es viel weniger. Trotzdem kommen die Behörden bei der Bearbeitung der Anträge kaum hinterher. Firas Zakri spürt außerdem oftmals mehr Unfreundlichkeit als "Willkommenskultur", etwa wenn es um die Sprache geht. Der Syrer spricht perfekt Englisch - einige Behördenmitarbeiter aber nicht.

"Ich bekomme immer wieder zu hören: 'Wir sind hier in Deutschland. Sprechen Sie Deutsch'", erzählt er. "Ich verstehe viel, aber ich möchte mal jemanden sehen, der nach einem Jahr in Syrien Wörter wie 'Aufenthaltsbestimmungsrecht' auf Arabisch kennt."

Was heißt Supermarkt auf Arabisch?

Die Sprache ist eine riesige Hürde. Damit seine Zuhörer das nachfühlen können, führt Zakri sie in die Sonnenallee. Eine Straße mit sichtbarer kultureller Vielfalt. Hier haben fast alle Geschäfte Schriftzüge in zwei Sprachen: Deutsch und Arabisch. Firas Zakri verteilt Zettel mit arabischen Schriftzeichen. Die Aufgabe: "Finde das Wort in der Straße wieder."

Die Teilnehmer tun sich schwer. Suchend lassen sie den Blick über die Schriftzüge an Cafés, Imbissbuden und Läden gleiten. Manche holen sich heimlich Hilfe von Anwohnern. Am Ende können zwar alle ihr Rätsel lösen, aber nicht einmal dieses eine arabische Wort auf dem Zettel korrekt aussprechen. Wie schwierig muss es da umgekehrt sein, schnell Deutsch zu lernen?

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Bei der nächsten Aufgabe, ein paar Straßen weiter vor einem syrischen Restaurant, wird den Deutschen noch einmal klar, wie wenig sie eigentlich über Syrien wissen. "Welche typischen Speisen kennt ihr?" Firas Zakri grinst. "Außer Falafel und Schawarma." Die Teilnehmer grübeln, aber so richtig fällt ihnen nichts ein. "Geht mal in das Restaurant", sagt er. "Für mich ist das ein wichtiger Ort. Es gibt mir die Erinnerung an mein Land zurück."

"Woran denken Sie bei dem Wort 'Flüchtling'?"

Firas Zakri hat in Berlin schnell gemerkt, dass die meisten Deutschen ein ganz anderes Bild von Syrien und von geflüchteten Menschen haben, als er selbst. Dieses Bild möchte er an einem ruhigen Platz in einer Nebenstraße zurechtrücken.

"Woran denken Sie bei dem Wort 'Flüchtling'?" Eine Frau überlegt. "Man hat Bilder von armen Menschen im Kopf." Zakri nickt. Damit hat er gerechnet. "Viele Menschen haben Mitleid oder - schlimmer noch - Angst vor Flüchtlingen. Sie haben Angst, dass sie ihnen etwas stehlen wollen." Der Syrer kennt die Vorurteile: arm, ungebildet, auf europäischen Wohlstand aus.

Firas Zakri wünscht sich, dass Flüchtlinge anders wahrgenommen werden: "als Menschen, die eben verschieden sind". Der Guide möchte zeigen, dass "Flüchtling" keine Identität ist, dass er ein Mensch ist wie jeder andere. Einer, der unfreiwillig aus einem geordneten, friedlichen Leben mit Frau und Kind gerissen wurde.

In Syrien hat er als Lehrer gearbeitet, was man ihm bei der Tour immer wieder anmerkt. Bei Aufgaben mahnt er: "Nicht schummeln!" Stellt jemand eine Frage, die er gerade schon beantwortet hat, sagt er freundlich tadelnd: "Guten Morgen!" Und er möchte, dass die Deutschen bei dieser Exkursion etwas lernen, einen neuen Blick auf die Dinge bekommen.

"Ich war ein Todeskandidat"

"Kennen Sie diese Stadt?" Der Syrer zeigt Fotos von einer Stadt mit kunstvollen Kuppelbauten. Ein Teilnehmer zögert. "Ist das Aleppo?" Der Guide nickt. "Im Internet finden Sie fast nur Fotos von einer zerstörten Stadt. Aber so sah Aleppo früher aus." Zakri lässt die Fotos herumgehen.

Er habe die umkämpfte Stadt nicht verlassen, um in Deutschland ein besseres Leben zu führen, betont er. "Ich hatte keine Wahl. Ich war ein Todeskandidat. Zum Schluss musste ich jederzeit damit rechnen, von einer Kugel oder Trümmern umgebracht zu werden."

Firas Zakri erzählt, wie er lange versuchte, mit seiner Familie auf legalem Weg ins Ausland zu kommen und sich in Sicherheit zu bringen. Vergeblich. Zakri wollte deshalb mit Schleusern übers Mittelmeer fahren und die Familie später auf einem sicheren Weg nachholen. Aber dabei riskierte er sein Leben. Bei einer Fahrt wäre der Syrer fast ertrunken. Er überlebte nur, weil er vier Stunden lang im Meer schwamm, nachts. Ein Fischer rettete ihm das Leben. "Danach wollte ich nie wieder Wasser sehen."

Es war ein traumatisches Erlebnis, das die Frage von vielen Deutschen beantwortet, warum überwiegend Männer nach Europa fliehen. "Ich hätte niemals meine Frau und mein Kind mitgenommen. Sie wären heute nicht mehr am Leben. Lieber bin ich zehn Jahre von ihnen getrennt, als dass ich das zulasse." Erst beim nächsten Versuch schaffte er es auf einem Boot bis zur griechischen Insel Rhodos.

Ein Trost: die Arbeit als Stadtführer

Von Rhodos schlug sich Firas Zakri mit gefälschten Pässen nach Berlin durch. "Mir hatte jemand gesagt, dass die Anträge dort am schnellsten bearbeitet werden", sagt er und verzieht das Gesicht. Sein Trost: die Freunde, die er in Berlin gefunden hat - und die Arbeit als Stadtführer.

Er macht die Touren auch, weil er das Nichtstun in seiner Unterkunft kaum noch aushält, weil er mit den Stadtführungen ein wenig Geld verdient - und vor allem weil er ein Anliegen hat.

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Bei all dem versucht Firas Zakri immer wieder, die Tour für die Teilnehmer unterhaltsam zu gestalten, erträglich - egal ob es um die Trennung von seiner Familie oder die lebensgefährliche Flucht geht. Der Syrer schlägt einen heiteren Ton an, lächelt.

Aber viele Teilnehmer sind im Laufe der Stadtführung still geworden. Einige atmen tief durch. Andere reden leise zu zweit oder dritt auf dem Weg zur nächsten Station darüber, was ihnen durch den Kopf geht. Ein Wort fällt dabei immer wieder: Scham.

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