Berliner Fashion Week "Erst die Arbeit, dann der Prosecco"

Die Berliner Fashion Week ist eine Riesenbühne, ein Fegefeuer der Eitelkeiten. Für 20 Minuten Show geben hundert Leute alles. Wenn der "Head of Hair" das Vize-Topmodel Rebecca toupiert, bleibt keine Zeit für Bussi-Bussi. Sarah Tschernigow stürzte sich in den Backstage-Rummel.

L´ORÉAL PROFESSIONNEL / T. Rafazyk

  • 60 Minuten vor der Show: "Das muss ich noch mal aufmachen"

André Märtens hat exakt zehn Minuten Zeit. Zehn Minuten, um aus glanzlos hängenden Haaren eine glamouröse Hochsteckfrisur zu zaubern. Der Auftrag: ein voluminöser Dutt mit strähniger Ponykontur und eingearbeiteten Schleifen. "Ein sehr frischer Look!", frohlockt Märtens, "das wird sehr hübsch."

Er ist der sogenannte Head of Hair, sprich der Chef-Frisör, von L'Oréal Professionnel. Der Zeitplan auf der Berliner Fashion Week ist straff. Um die 20 Köpfe pro Show muss er bearbeiten, insgesamt 150 am Tag: "Für mich ist das Routine. Ich kann mich auf mein Team verlassen." Stressig wird es nur, wenn ein Model zu spät kommt. "Das kann schon mal passieren", sagt Märtens, "die Mädchen laufen am Tag vier, fünf Schauen und hetzen von A nach B." Dann muss er eben noch schneller sein.

Heute hat der Chef-Friseur Glück. Alle Modelle sind da. Kaum hat er eine Frisur final mit Haarspray fixiert, wird er zur nächsten gerufen. "Jetzt muss ich noch eine Frisur korrigieren. Lena hat mir gerade gesagt, dass ihr das zu streng geworden ist. Das muss ich noch mal aufmachen."

Lena, das ist Lena Hoschek, die Designerin. Wie ein Wirbelwind saust sie durch den Backstage-Bereich. Jeder will etwas von ihr. Ein Foto, ein Interview, eine Auskunft. "Ich muss überall gucken", sagt Hoschek, 29. "Es gibt immer irgendetwas, das noch nicht richtig ist. Manchmal ist eine Schleife falsch gebunden oder der Rock verkehrt herum an. Das ist in der Eile normal."

Hoschek bleibt gelassen und freundlich. "Mir geht es wie immer vor der Show gut. Ich bin total unaufgeregt. Ich war schon bei meiner Abiturprüfung unaufgeregt." Einer der Visagisten unterbricht sie: Ein Mädchen habe ein Feuermal am Bauch, ob er das wegschminken soll? Soll er.

Der wichtigste Mann auf der Fashion Week, wenn's um Schminke geht, ist Boris Entrup, bekannt aus "Germany's Next Topmodel". Er bereitet schon die nächste Show vor. Entrup ist weltweit der einzige Visagist, der die Models einer kompletten Modewoche schminkt. Er arbeitet für Maybelline Jade, eines der größten Kosmetikunternehmen der Welt.

Für viele hat Entrup einen Traumberuf - verdient einen Haufen Geld und hat immer schöne Frauen um sich. Und doch bleibt Schminken ein Job. Einer mit Nebenwirkungen. "Ich liebe meine Arbeit. Aber ich muss durch das viele Reisen oft auf Privates verzichten." Und die wilden After-Show-Partys? "Erst kommt die Arbeit, dann der Prosecco." Da muss er lachen. Fast tausend Gesichter in nicht mal einer Woche zu schminken, das ist Knochenarbeit. Entrup vergräbt vor Shows immer sein Handy im Spind, damit er sich darum nicht auch noch kümmern muss.

  • 30 Minuten vor der Show: Hurra, die Schuhe passen

Jenseits des Laufstegs machen sich rund 30 Assistenten bereit, sortieren die Outfits auf den Kleiderstangen. Alle tragen weiße T-Shirts, damit sie sofort zu erkennen sind. Gleich beginnt ein Probelauf. Jedes Model bekommt einen eigenen Ankleider an die Seite, denn allein würden sie aus den Outfits nicht binnen Sekunden herausfinden. Nicht auszudenken, wenn die dazugehörige Handtasche oder Kette vergessen wird.

Rebecca, 19, ist fertig geschminkt und frisiert. Sie wurde bei Heidi Klums Show in diesem Jahr Vize-Topmodel. Ein paar Minuten vor ihrem Auftritt probiert sie schon mal die Schuhe an. 14 Zentimeter hohe Absätze sind Standard. Große Freude, als Rebecca feststellt, dass sie diesmal sogar Schuhe in der richtigen Größe hat.

Selbstverständlich ist das nicht. Meist gibt es für jedes Outfit nur ein einziges Paar. "Einmal ist mir eine blutige Blase aufgeplatzt", erzählt das Model. "Ein anderes Mal waren die Schuhe zu klein und dazu sehr hoch. Da bin ich immer nach vorn gerutscht, stand sozusagen auf den Zehenspitzen. Hinterher war alles blau. Da muss man trotzdem lächeln und weiterlaufen."

Dennoch liebt Rebecca ihren Job. Der hat wenig mit den Träumereien vieler junger Mädchen zu tun. Statt Champagner gibt's nur Wasser - wer am nächsten Morgen um 5 Uhr aufstehen muss, sollte nüchtern bleiben. Es ist ein hartes, schnelles Business, abgesehen von ein bisschen Small Talk hat im Grunde keiner Zeit. "Ruhe habe ich im Moment nur, wenn ich schlafe", sagt Rebecca und lächelt. Dann wird sie zum Probelaufen geschickt.

  • Zwei Minuten vor der Show: "Kurz vorher bricht Panik aus"

Laufen die Menschen im Zeitraffer? Der Backstage-Bereich ist ein Ameisenhaufen. Manche Models müssen nachgeschminkt werden, fieberhaft wird nach einer Handtasche gefahndet, die Reihenfolge der Mädchen noch einmal geändert. Auf ihren Plätzen am Catwalk können die Zuschauer das Gewusel backstage höchstens erahnen.

Model Rebecca wird jetzt doch nervös. "Kurz vorher bricht hier Panik aus. Ständig wird an einem rumgezupft. Dann kommt der Adrenalinschub." Die Regie stellt die Mädchen in die richtige Reihenfolge. Eine Fotowand hilft, bei so vielen Schauen kann sich keiner merken, wer wann dran ist. Visagisten und Frisöre legen ein letztes Mal Hand an, zwirbeln eine Haarsträhne zurecht, tragen Lippenstift nach.

Designerin Lena Hoschek kommt ins Schwitzen und ruft nach Make-up für sich selbst. Auch sie muss gleich, am Ende der Show, einmal kurz vor das Publikum treten und winken. Die größte Angst der Designer ist für gewöhnlich, dass ein Model stürzt. Lena Hoschek bleibt da gelassen. "Die, die fallen, sind in der Vergangenheit immer die größten Sympathieträger gewesen. Das kann einfach passieren." Was wäre dann jetzt der Super-GAU? "Wenn gleich die Musik ausfallen würde."

Licht aus, Spots an. Das Team kann jetzt nichts mehr machen. Nur noch die Show auf einem Monitor verfolgen und hoffen, dass alles glattgeht.

  • Während der Show: Polster im Büstenhalter

Kaum sind die ersten Mädchen auf dem Laufsteg, packen Visagisten und Frisöre ihre Sachen zusammen. André Märtens, der Head of Hair, bekommt fast nie etwas von den Shows mit. Er muss weiter. Zur nächsten Show. Es werden 35 in vier Tagen sein.

Lena Hoschek hat jetzt Gelegenheit, sich selber umzuziehen. Ihre Show läuft nach Plan. Die Modelle präsentieren Mode im Stil der vierziger und fünfziger Jahre: hochtaillierte Tüllröcke und Petticoats, gepunktete Bikinis. Sehr feminin. Für Frauen mit Kurven. "Ich will eine Frau und keinen Stock", sagt Lena, die auf Konfektionsgröße 36 schneidert.

Damit steht sie ziemlich allein da. Die meisten Agenturen schicken wesentlich magerere Modelle. Die Zuschauer merken nicht, dass manche Mädchen mit kleinen Polstern im BH über den Catwalk laufen, um die weiblichen Schnitte überhaupt ausfüllen zu können. Oder dass so manche Bluse provisorisch enger geklemmt wurde.

  • Nach der Show: "Beeilung bitte"

Die Show ist überbucht, sie endet mit tosendem Applaus. Strahlend nehmen die Zuschauer ihre Goodies mit - kleine Geschenke vom Designer, die vorher auf den Stühlen verteilt wurden. Meist enthalten die Tüten Schlüsselanhänger, Wimperntusche, edle Notizbüchlein. Von Lena Hoschek gibt es Süßigkeiten in einer Metalldose.

Backstage bekommt Hoschek Blumen und zahlreiche Glückwünsche. Sie gibt hier und da ein Statement ab, für PR und Presse. Zur Ruhe kommt sie auch jetzt nicht: "Für mich geht es gleich weiter zur Messe Premium. Da stellen wir aus. Dazwischen habe ich vielleicht einen kleinen Moment, um ein Glas Sekt zu trinken." Dann verschwindet sie durch den Seiteneingang.

Die Models schlüpfen in bequeme Sachen und flache Schuhe. Viele posieren noch einzeln für Fotografen und Kamerateams. Rebecca setzt sich Kopfhörer auf und macht sich auf zum nächsten Termin. Die Assistenten stopfen alle Kleidungsstücke der Kollektion in Koffer und Kisten. Wieder Stress. "Beeilung bitte! Wir müssen raus!", ruft jemand durch den Raum.

Zehn Minuten später sieht der Backstage-Bereich aus wie ein leergekauftes Warenhaus. Vor der Tür wartet schon der nächste Designer mit seinem Team. Seine Show beginnt in einer Stunde.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Sarah J. Tschernigow ist freie Journalistin in Berlin.



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Seite 1
Sabi 08.07.2011
1. korrekt
Zitat von sysopDie Berliner Fashion Week ist eine Riesenbühne, ein Fegefeuer der Eitelkeiten. Für 20 Minuten Show geben hundert Leute alles. Wenn der "Head of Hair" das Vize-Topmodel Rebecca toupiert, bleibt keine Zeit für Bussi-Bussi. Sarah Tschernigow stürzte sich in den Backstage-Rummel. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,772928,00.html
Korrekt müsste's " Modewoche" heissen, auf Deutsch und nicht auf Schickimicki-Krass-Blabla "Fashin Week" ! Apropos - "weak" würde besser passen, nämlich sehr "schwach" - Heißt auch nicht "Kontest" sondern "Wettbewerb" und nicht "Voting" sondern "Abstimmung" und nicht "Award" sondern "Preis" !
spassamarbeiten 11.07.2011
2. medien-hype
die modewoche in berlin ist defacto nichts anderes als was die igedo in duesseldorf war / ist, nur in einer hipperen verpackung. die deutschen medien pushen diese woche in berlin bis zum anschlag , aber weder ist boris entrup ein internationale make up starvisagist, noch ist rebecca ein model das man in paris tatsaechlich buchen wuerde, und die designer sind alles aber nicht pret a porter oder haute couture. das ist alles eine kuenstliche riesenblase die in berlin abgeht. die ueber bild uebertragene michalsky show eine absolute lachnummer. die klamotten sind mehr als gewoehnlich und banal. in paris und mailand werden kreationen gezeigt, in einem umfeld das die top-notch elite der welt sammelt, von den machern bis hin zu den zuschauern. suzy menkes hat ein einziges mal positiv ueber diese woche etwas berichtet, und schon meinte man in berlin sich direkt mit paris und den anderen gleichgestellt zu sehen. null selbstkritik, welche im uebrigen in paris und mailand, und gerade bei den tatsaechlich grossen couturiers immer stattfindet. das nennt man reflektion. natuerlich gibt es auch kein vergleichbares medium in berlin das in der lage ist, professionell diese "mode" zu beurteilen ! lets face it: ausser Jil Sander gibt es auf weiter Flur niemanden, der international mithalten kann. im gegensatz zu dem grossen Karl jedoch, finde ich das label Wunderkind durchaus paris-wuerdig !
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