Großvater für Informatiker Hier kocht der Gute-Laune-Opa

Gute Programmierer sind umworben. Eine App-Firma in Berlin spielt einen seltsamen Trumpf aus: Ein "Office Grandpa" kümmert sich um die Informatiker und sorgt so für einen familiären Wohlfühlfaktor. Über 100 Rentner bewarben sich auf den Job, Paul Böhm bekam ihn.

Von

SPIEGEL ONLINE

Paul Böhm, 60, schleppt das Mittagessen im Waschkorb ins Büro. Sauerkrautsuppe, Baguette, selbstgebackenes Brot und Pflaumenkuchen hat er für die Programmierer dabei. Und einen Strauß Sonnenblumen. "So etwas haben die ja hier nicht", sagt er. "Blumen müssen sein. Ich bringe immer welche mit."

Die drei Männer mit den Spielcontrollern blicken nur kurz auf, als er die Vase auf den Tresen stellt. Sie spielen ein Fußballspiel auf einem riesigen Flachbildfernseher. Böhm wuchtet den Suppentopf auf die kleine Kochplatte. "You know Sauerkraut?", fragt er. "It's very healthy."

Auf der Firmenseite des App-Entwicklers Futurice steht "Office Grandpa" neben Böhms Foto. Er hat einen Arbeitsvertrag als Aushilfe für fünf Stunden im Monat und eine eigene "Grandpa"-E-Mail-Adresse. Sein Job: Einmal im Monat ein gemeinsames Mittagessen für die Angestellten organisieren - und ihnen ein Gefühl von Familie vermitteln.

"Am liebsten würde ich sie alle an die frische Luft schicken"

Die ist für die meisten Futurice-Programmierer weit weg. Sie kommen aus Spanien, Schweden, Australien, der Schweiz, Polen, der Ukraine oder Finnland. Dort hat Futurice seinen Hauptsitz, unterhält Filialen in Berlin, Düsseldorf und London. Die weltweit 180 Mitarbeiter entwickeln Apps aller Art, unter anderem für RTL, den Energieriesen Vattenfall, den Snowboardhersteller Burton oder für Blitzer.de.

Bei der Arbeit im Berliner Büro sprechen alle Englisch. Das beherrscht Großvater Böhm perfekt, nach 16 Jahren als Steward und Kabinenchef bei der Lufthansa. Jetzt ist er im Ruhestand und "nicht ausgelastet - ich habe schon immer gern gekocht, und es macht mir Spaß, den jungen Leuten etwas Gutes zu tun".

Fotostrecke

9  Bilder
Nerd-Typologie: Wandelt Kaffee in Quellcode um
Auf der Couch, an den Schreibtischen, überall beugen sich Männer Mitte 30 über ihre Laptops. Viele tragen Schwarz, einer ein blaues T-Shirt mit weißer Schrift: "Just shy, not antisocial (you can talk to me!)". Sauerkrautduft wabert durch die Räume. "Wenn ich sie hier so sitzen sehe, würde ich sie am liebsten alle an die frische Luft schicken. Aber das ist halt ihre Arbeit", sagt Böhm.

Die Namen könne er sich unmöglich alle merken: "Da kommen ständig Neue dazu." Als er vor einem Dreivierteljahr Firmenopa wurde, hatte Futurice in Berlin 16 feste Mitarbeiter, jetzt sind es 23, plus Freiberufler und Kurzbesucher. Einige sieht Böhm zum ersten Mal an diesem "Suppenfreitag". Die finnischen Kollegen lieben das Wort: "Auf Finnisch kann 'Suppe' auch Alkohol bedeuten", erklärt Timo Tuominen und lacht.

Bewerberfang mit Wohlfühlstrategie

Böhm drückt dem ersten eine dampfende Suppenschüssel in die Hand, prompt stellen sich alle brav an. "With cream or without?" Die sahnelose Variante ist für Veganer. Fleischgerichte bringe er gar nicht mehr mit, sagt Böhm, "viele essen kein Fleisch". Er nehme auf viele Wünsche Rücksicht und komme trotzdem an seine Grenzen: "Ich bin doch kein Diätkoch."

Ein paar Lieblingskollegen hat der Großvater für den nächsten Tag zu einer Party bei ihm zu Hause eingeladen. "Da können leider nicht alle kommen, so viel Platz habe ich nicht", sagt er entschuldigend. Fürs gesamte Team organisiere er aber ein "Family Picknick" in seinem Garten. "So kommen die alle auch mal raus."

Der Firma liegt viel am Wohlfühlfaktor. "Software-Entwickler suchen wir eigentlich immer", sagt Vera Elverfeldt, 29, eine von drei Frauen bei Futurice und fürs Recruiting zuständig. Playstation, Riesenfernseher, Gratisgetränke oder coole Firmenevents, das reicht nicht mehr, um die begehrten Fachkräfte zu ködern. Futurice setzt auf den Joker Work-Life-Balance, mit dem Slogan "A company that cares", eine Firma, die sich kümmert.

Im Flur hängt ein Plakat mit allen Mitarbeiternamen. Einmal pro Woche malt dort jeder nach dem gemeinsamen Frühstück ein Smiley daneben: Es lacht oder lässt die Mundwinkel hängen, so lässt sich das Betriebsklima von der Wand ablesen.

"Ich fühle mich gar nicht wie ein Opa"

Der Büro-Opa ist Teil der Wohlfühlstrategie. Geschaffen hat den Posten Sampo Hämäläinen, bis Anfang des Jahres Berliner Büro-Chef. Er hatte von dem Job in finnischen Firmen gehört und ließ kurzerhand Vera Elverfeldt eine Annonce formulieren:

"Wir suchen für unser Büro eine Teilzeitgroßmutter oder -vater (er/sie muss nicht zwingend Enkel haben). Einmal im Monat kochen Sie Suppe und backen für uns, sprechen mit unseren ausländischen Kollegen ein wenig Deutsch und stehen uns mit Ihrer Lebenserfahrung zur Seite. Wir bieten neben einer angemessenen Bezahlung auch Unterstützung in allen Herausforderungen des digitalen Alltags."

Hämäläinen rechnete mit "vielleicht zwei, drei Bewerbern" und hatte Sorgen, es könnte Entrüstung geben, "so nach dem Motto: Ihr wollt arme, alte Menschen ausbeuten". Dann meldeten sich über 100 Berliner Senioren; alle hätten verstanden, dass es weniger ums Essen als um Gesellschaft gehe. "Es kamen sogar Bewerber zu uns ins Büro und haben Kuchen und Plätzchen mitgebracht, richtig rührend", erzählt Vera Elverfeldt.

Paul Böhm, eigentlich nicht auf Jobsuche, schrieb eine E-Mail. Die Anzeige habe ihm gefallen: "Ich fand das very funny, ganz lustig." Die Bezahlung sei für ihn kein Anreiz gewesen, "ein Taschengeld tut's auch". 150 Euro bekommt Böhm pro Monat, plus Spesen. Mit ihm hatten es sieben andere Rentner in die engere Wahl geschafft. "Sie hätten alle den Job verdient gehabt", sagt Elverfeldt. Am Ende wurde gelost. Als Einstand organisierte Böhm die Weihnachtsfeier.

Die Absagen fielen Elverfeldt so schwer, dass sie per "Grandpa-Matchmaking" Senioren an andere Start-ups vermitteln wollte. Binnen weniger Stunden meldeten sich 30 Rentner - aber nur drei Firmen. Schon schade, sagt Elverfeldt, "trotzdem hatten wir einen schönen Nachmittag. Paul hat Waffeln gebacken". Immerhin ein Rentner bekam einen Job - als Opa bei der finnischen Designagentur Fjord.

Mit dem Titel hadert Paul Böhm, kinderlos, noch: "Ich fühle mich gar nicht wie ein Opa." App-Experte Timo Tuominen findet, der Jobtitel sei "doch unwichtig". Er selbst nennt sich "User Interface Specialist" und hatte kurz überlegt, noch ein "Senior" davor zu packen: "Das haben viele auf ihrer Visitenkarte, klingt irgendwie nach Berufserfahrung." Letztlich sei das aber nur Show - "entweder man hat es drauf oder nicht".

Paul Böhm hat sich jetzt selbst Visitenkarten drucken lassen. "Feel-Good-Manager" steht drauf.

  • Autorin Verena Töpper (Jahrgang 1982) ist KarriereSPIEGEL-Redakteurin.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 33 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
wennderbenzbremst... 01.10.2013
1. Erfahrung
Als ehemaliger Purser bei der Lufthansa würde ich schon fast sagen, er wäre überqualifiziert. Aber bevor einem als Rentner langweilig wird... warum nicht?
Eisenstemmer 01.10.2013
2.
Was heisst work-life-Balance? Schauen Sje in die Geburtstagsspalten kleiner Lokalblaettchen. Da wird 93-jaehrigen Omas gratuliert, die fünf Kinder, 11 Enkel und 14 Urenkel haben. Und dann steht da noch, ihr Leben sei Arbeit gewesen. Als Lokalreporter habe ich solche Frauen häufig besucht. Die machten auf mich keinen unglücklichen Eindruck.
BettyB. 01.10.2013
3. Lustig
Jetzt nennen sich auch Suppenköche schon Manager...
hase+frida 01.10.2013
4. feel good manager
tolle Idee. Sollten viel mehr Firmen machen. Gibt älteren Menschen eine Aufgabe und bringt Menschlichkeit in den Betrieb.
PeterPan95 01.10.2013
5. Feel-Good-Manager
Coole Sache. Besonders der Titel ist klasse, klingt auch viel besser als "Senior blablabla".
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.