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Business und Kreativszene Berlins seltsamster Supermarkt

Treffen und Arbeiten: Supermarkt der Alternativen Fotos
SPIEGEL ONLINE

Der "Supermarkt" im Berliner Wedding könnte leicht mit einem Kulturladen verwechselt werden - würden sich hier nicht auch Konzerne für Konferenzen einmieten. Das Zentrum soll Hipster wie Kiezbewohner anziehen und bald profitabel sein, sagen die Gründer. Wie passt das alles zusammen?

Es gibt schickere Gegenden in Berlin als das Brunnenviertel im Wedding. Einst verlief hier die Mauer, rechts und links davon Mietskasernen, wenig Infrastruktur. Von beiden Seiten gesehen war es eine Sackgasse, das Ende der Stadt. Heute kann man durchfahren, ansonsten aber hat sich wenig getan, seit die Mauer fiel.

"Das Brunnenviertel ist seit Jahren ein Problemkiez", sagt Ela Kagel. Deshalb glaubt sie, dass ihr Projekt "Supermarkt" etwas Gutes sei für die Gegend. Ein "neues Zentrum", wie es auf der Webseite heißt. Eine geschäftliche, aber auch kulturelle Belebung. Ein Treffpunkt für die digitalen Hipster der Stadt, aber auch für die Einheimischen.

Das klingt nach ambitioniertem Gutmenschentum. Noch bis April 2015 gibt es etwas Geld vom Regionalentwicklungsfonds der EU. Danach, sagt Kagel, soll sich der "Supermarkt" komplett aus seinen Umsätzen refinanzieren können. Schöne Idee, aber woher sollen die Umsätze kommen?

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Zehn Erfolgsgeschichten: Gut gegründet
Vor zwei Jahren übernahm Kagel mit ihrem Lebensgefährten Zsolt Szentirmai und dem Geschäftspartner David Farine einen leerstehenden Maiers-Supermarkt sowie einige angrenzende Geschäftsräume. Diese Studios werden als "Infrastruktur für Freiberufler, Künstler und Start-ups" vermietet, auch kurzfristig. Und der 600 Quadratmeter große "Supermarkt" ist ein Café. Ach ja, und ein Kulturraum, Ausstellungsraum, eine Workshop-Venue. Im Keller sollen weitere Studios entstehen, für Videoschnitt und Audioaufnahmen. Und eine Werkstatt.

Dazu gibt es ein Veranstaltungsprogramm, das irgendwo zwischen Sozial und Politik, alternativem Kulturbetrieb und Start-up-Szene laviert. Es gibt Frauenfilme, Workshops im kollektiven Open-Source-Buch-Schreiben, Diskussionen über digitale Medien oder den Indoor-Markt, auf dem Künstler aus dem Wedding ihre Werke verkaufen. Wenn Firmen den Markt als Tagungszentrum nutzen, kümmert sich der "Supermarkt" auch ums Catering.

"Am Anfang haben viele gefremdelt"

Die studierte, eher elitäre Kundschaft drinnen und das so pragmatische Viertel draußen, das ist ein Spannungsfeld. Kagel will am liebsten alle zusammenführen. Nicht ganz einfach: "Am Anfang haben viele der Anwohner gefremdelt, aber inzwischen kommen schon einige auf einen Kaffee."

So ungefähr muss man sich die Weiterentwicklung der alternativen Kulturzentren der achtziger Jahre vorstellen. Damals war das so: Angestaubte Infrastruktur plus geringe Miete plus Tapeziertisch ergab Kulturzentrum. Der "Supermarkt" ist hell renoviert und bestens ausgestattet. Die eingemieteten Co-worker sollen schließlich zahlen, und zwar zwischen 179 und 319 Euro im Monat, je nach Servicepaket.

Und als Tagungszentrum wird der "Supermarkt" nicht etwa nur von kleinen Krautern genutzt, sondern auch von Großunternehmen wie der Telekom. Der "Eventspace" für Workshops oder Konferenzen fasst bis zu 300 Besucher, heute tagt das Hasso-Plattner-Institut, zum Brainstorming. Stört es denn die Unternehmen nicht, wenn sie mitten im Raum tagen, während vorne beim Kaffee geklönt wird, Leute kommen und gehen? "Überhaupt nicht, deshalb kommen die doch."

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Kagel ist studierte Kulturwissenschaftlerin und "entwickelt als Kulturproduzentin Veranstaltungen und Strategien rund um Open-Source-Technologien, Medienaktivismus und digitale Kultur". Aha. Da müsste der Arbeitsberater vom Amt erst einmal tief durchatmen: Mit so einem Profil bekam man früher den Rat, noch den Taxischein draufzusetzen. Kagel aber ist eine gefragte Expertin für Kongresse und Medienkunstprojekte, 2010 war sie Kuratorin des international renommierten Medienkunst-Festivals Transmediale. "Und Unternehmerin bin ich auch noch", sagt sie. So schafft sie sich ihre Nische in der Berufswelt selbst - und für andere gleich mit.

Die Business-Seite der Boheme

Zwölf Angestellte hat der "Supermarkt" nun, "die meisten natürlich Teilzeit". Das Gespräch im Café wird unterbrochen: Der TV-Sender Arte ist da, "können wir das Interview eben aufzeichnen?" Aber sicher, kein Problem.

Das ist die Business-Seite der Digitalarbeiter-Szene, die sonst gerne romantisiert wird. Die stadtteilpolitischen Ambitionen des "Supermarkts" sind ehrenwert, aber als Geschäftsfrau muss sich Kagel an eine zahlungskräftige Zielgruppe wenden.

In zwei der vier Studios haben sich gerade Start-ups eingemietet, "mittelfristig". Beide machen "was mit Internet". Gruppen junger Leute sitzen hoch konzentriert und dicht an dicht an einem gemeinsamen Tisch. Trendu, die einen, gibt es noch gar nicht richtig, sie sind in der Programmier- und Designphase. CityiLike, eine Art Social-Cloud-Reiseführer und Nightlife-Guide, versuchen gerade, sich zu etablieren.

Da ist es gut, wenn man die Geschäftsräume "skalieren" kann: Man mietet eben nur so viel an, wie man derzeit braucht. Es ist ein auf höchste wirtschaftliche Flexibilität abgestelltes Modell, meilenweit entfernt von jeder "Nie wieder einsam"-Romantik, mit der meist über Co-working geschrieben wird. Und meilenweit entfernt von den alternativen Kulturzentren vergangener Jahrzehnte.

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