Eine Kassiererin erzählt "Für viele Kunden bin ich der Blitzableiter"

Sie wird selten angelächelt und wuchtet für 8,84 Euro pro Stunde schwere Kartons: Eine Kassiererin eines Discounters erzählt, warum sie den Job trotzdem gern macht - und wieso Hunderte Liter Milch und Joghurt im Müll landen.

Kassiererin bei der Arbeit.
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Kassiererin bei der Arbeit.

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Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Es heißt immer, Kassiererinnen seien unfreundlich. Dabei sind es in den meisten Fällen die Kunden, die sich nicht beherrschen können. Ein 'Guten Morgen' oder 'Danke' kommt in den seltensten Fällen zurück.

Erst neulich kam ein Mann mit hochrotem Kopf zu mir gestürmt und hielt mir einen leeren Pizzakarton entgegen: 'Können Sie zählen?', brüllte er. 'Auf dem Karton sind zwölf Scampi abgebildet. Auf meiner Pizza waren aber nur zehn.'

Für viele Kunden bin ich der Blitzableiter. Trotzdem bleibe ich in solchen Situationen immer ruhig. Der Kunde ist König, diesen Leitsatz nehme ich sehr ernst. Beschwerden über einzelne Mitarbeiter sind ein Kündigungsgrund, das habe ich bei Kollegen schon oft erlebt.

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Das anonyme Job-Protokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Ich arbeite seit sechs Jahren bei einem Lebensmitteldiscounter in einer Großstadt. Den Job habe ich nach dem Abitur angefangen, neben dem Studium. Gerade bekam ich das Angebot, nach meinem Abschluss Abteilungsleiterin zu werden. Aber das habe ich abgelehnt. Ein Abteilungsleiter verdient etwa 1100 Euro netto, wenn er Vollzeit arbeitet. Das ist mir nach dem Studium beim besten Willen zu wenig Geld.

Mittlerweile verdiene ich den Mindestlohn, also 8,84 Euro pro Stunde. Bevor der eingeführt wurde, bekam ich anfangs 5,24 Euro pro Stunde, später dann 6,50 Euro. Gemessen an dem, was wir leisten müssen, finde ich das sehr wenig. Außerdem habe ich immer öfter Rückenprobleme, denn ich wuchte Kisten mit Milch und Joghurt, die oft 15 Kilogramm wiegen.

Seit ein paar Monaten bin ich für die Molkereiabteilung zuständig und gebe auch Produktbestellungen auf. Die versuche ich immer so zu berechnen, dass möglichst wenig weggeworfen wird, denn Umweltschutz ist mir sehr wichtig. Aber manchmal verschätze ich mich trotzdem und Hunderte Liter Milch und Joghurt landen im Müll.

Drei Tage vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums müssen Lebensmittel nach interner Vorschrift aus den Regalen geräumt werden. Man könnte sie zum Beispiel einer Tafel spenden oder den Mitarbeitern erlauben, sie mit nach Hause zu nehmen. Die Discounterkette, bei der ich arbeite, macht das aber leider nicht.

Wir sind chronisch unterbesetzt

Das Tollste an meinem Job sind meine Kollegen: in meiner Filiale arbeiten viele junge Menschen, und wir unterstützen uns gegenseitig. Wir arbeiten in Halb- und Ganztagsschichten, sechs Stunden oder zehn Stunden. Es kommt aber nicht selten vor, dass ich von morgens um halb sieben bis abends um acht im Laden stehe, denn wir sind chronisch unterbesetzt.

Gegenüber des Geschäfts liegt ein Altenheim, dort wohnen einige verwitwete Männer. Einer von ihnen, so um die 80 Jahre alt, hat sich mal in eine Kollegin verliebt. Er kam immer im Anzug zum Einkaufen, trug extra Parfüm auf und machte anzügliche Kommentare. Sie blieb höflich und freundlich, aber die Situation war sehr unangenehm.

Mehrmals pro Woche kommt es auch zu kleineren Diebstählen. Viele Kunden packen erst 100 Gramm Kirschen in die Tüte, wiegen sie dann ab, kleben einen Zettel auf die Verpackung und tun dann noch zwei Hände voll dazu. Für mich ist das schwer zu überprüfen, denn an meiner Kasse gibt es keine Waage. Häufig wird auch Alkohol geklaut. Wenn es sich um teuren Rum handelt, rufen wir auch schon mal die Polizei. Aber meist ohne Erfolg: Ladendiebstahl wird in den seltensten Fällen aufgeklärt."

Video: Ein Supermarkt auf der Reeperbahn - Penny auf St. Pauli

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