Von Beruf Meerjungfrau Oben Mensch, unten Flosse

Sie war eine Krankenschwester mit Burn-out. Jetzt ist sie Profi-Nixe. Sabine Schönborn lernt im Schwimmbad neue Meerjungfrauen an. Mit Glitterbikini und Funkelflosse verdient sie so viel wie nie.

Stefanie Becker

Früher trug Sabine Schönborn, 34, bei der Arbeit einen weißen Kittel und Gesundheitsclogs. Acht Stunden Dienst, oft in Wechselschichten, dann schleppte sie sich müde nach Hause. Das war einmal. Heute braucht die gelernte Krankenschwester im Job Bikini und Flossen. Beruf: Meerjungfrau.

Gibt's doch gar nicht? Und ob. Nach einem Burn-out tauchte Schönborn zunächst für sechs Monate ab und dann als Nixe wieder auf. Nun tummelt sie sich wöchentlich 30 Stunden im Wasser - und bringt kleinen verträumten Arielles das Schwimmen bei.

Ein Freizeitbad nahe Leipzig: Sabine Schönborn zwängt ihre Füße in eine blau-lila schillernde Schwimmflosse und zieht das Schuppenkleid wie Leggings bis zum Bauchnabel hoch. Im blonden Haar stecken lila Plastikblumen, das Gesicht ist dezent geschminkt. Das gehört zum Outfit: Meerjungfrauen müssen hübsch aussehen. Vor Kursbeginn hat sie sich noch eine dicke Schicht Haarspray ins Gesicht gesprüht. So wird das Make-up wasserfest.

Die Nixe gleitet ins Wasser, macht ihren Körper ganz lang, streckt die Arme, taucht in die Tiefe. Elegant sieht das aus. Die Blume im Haar ist nur noch ein Schatten, die Schuppen ihres Schwanzes glitzern im Wasser. Die lange Flosse schwingt auf und ab.

1500 Euro als Startkapital

"Mermaiding ist für mich wie Schweben", schwärmt Schönborn. "Abtauchen, einfach genießen!" Bevor sie sich in ein Fabelwesen verwandelte, hat sie sich oft nach Ruhe gesehnt. 16 Jahre lang arbeitete sie in einer psychiatrischen Klinik, bis sie mit Burn-out zusammenklappte. Nach der Therapie sagte sie: "Da will ich nie wieder hin." Doch was tun?

Als junge Frau hatte Schönborn nebenberuflich Babyschwimmkurse gegeben. Könnte die Vergangenheit vielleicht die Zukunft sein? "Mit den Kleinen haben wir regelmäßig Fotoshootings in lustigen Kostümen gemacht. Die größeren Geschwister quengelten, sie wollten auch solche Bilder haben", erinnert sich die Trainerin. Sie surfte im Internet, entdeckte Kostüme für Meerjungfrauen. Und ging sofort shoppen. Am Ende lagen 20 Flossen in vier Farben und drei Größen im Warenkorb. Sie überlegte nicht lange und drückte auf den Kauf-Button.

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Unterwasserfotografin: Einmal Nixe sein
1500 Euro, das war ihr Startkapital. Vor acht Monaten gründete sie ihre Meerjungfrauenschule, probte zunächst mit ihren Töchtern im nahen Schwimmbad und lernte ihre erste Lektion: Nixe sein ist nicht leicht. Der farbenfrohe Fischschwanz - eine Monoflosse, die sonst nur Taucher benutzen - saugte sich mit Wasser voll. Mit einem Vier-Kilo-Klotz am Bein und verschnürten Füßen rauschte sie ab in die Tiefe.

Jetzt sitzt Praktikantin Johanna, 18, in voller Meerjungfrauenmontur am Beckenrand und erklärt: "Ihr streckt die Arme nach vorn und schwimmt in gleichmäßigen Wellenbewegungen - wie ein Delfin." Zehn Mädchen lauschen gespannt. "Zuerst zieht es einen runter. Man braucht viel Kraft. Aber je länger man die Flosse trägt, desto besser funktioniert es." Nach zwanzig Minuten haben die Meerjungfrauenmädels die wichtigsten Bewegungen gelernt.

Luisa, 11, kommt aus Nordrhein-Westfalen, heute hat sie ihre erste Nixenstunde. Passend zur grünen Flosse trägt sie grünen Lidschatten und eine grüne Blume im Haar. Unsicher klammert sie sich am Beckenrand fest. Es ist ungewohnt, die Beine nicht öffnen zu können. Im Fernsehen hat sie "H2O - Plötzlich Meerjungfrau" und "Arielle" gesehen. "So wie die will ich mich auch im Wasser drehen." Schrauben, Purzelbäume, Rückwärtssalti. Ihre Mutter Kathrin ist mitgekommen und planscht mit einem rot-goldenen Fischschwanz im Wasser: "Das hat was Mystisches, Unwirkliches. So ganz fern vom Alltag."

Als Nixe verdienste nix? Von wegen

Neben dem Becken versammeln sich Neugierige. Eine junge Mutter und ihre kleine Tochter nehmen einen Flyer mit. "Die kommen wahrscheinlich bald wieder", sagt Schönborn. Inzwischen bietet sie 15 Mermaiding-Kurse in sieben Schwimmbädern in Sachsen und Berlin an, hat schon tausend Mädchen in Meerjungfrauen verwandelt.

Die Idee hat sie nicht exklusiv, inzwischen gibt es Nixenkurse in etlichen großen und kleinen Städten. Das Geschäft floriert: Bis zu 210 Meerjungfrauen trainiert Schönborn jede Woche, meist kleine Mädchen. Manchmal springen auch Väter in einem türkisgrünen Meermannkostüm ins Wasser. Einmal war sogar eine Oma dabei.

Den Spaß lassen sich ihre Kunden etwas kosten: ab 15 Euro pro Stunde, plus Flossenleihgebühr. "Als Meerjungfrau verdiene ich mehr, als ich es mir zu meiner Zeit als Krankenschwester je hätte träumen lassen", sagt Schönborn. Und weil immer mehr Bäder ihre Kurse buchen wollen, expandiert sie gerade, hat 40 weitere Flossen gekauft und bildet zwei Trainerinnen aus.

Nixen träumen gern. Auch Sabine Schönborn hat viele Wünsche: Sie möchte einen überregionalen Meerjungfrauenklub gründen, eigene Flossen entwerfen, Meisterschaften und Miss-Meerjungfrau-Wahlen veranstalten. "Und ich wünsche mir eine eigene Schwimmhalle."

Mermaid Bine, so heißt Schönborn bei ihren Freunden. Niemand von ihnen hätte je gedacht, dass man mit Kindheitsträumen Karriere macht.

  • privat
    Stefanie Becker ist freie Autorin in Leipzig. Sie arbeitet crossmedial für verschiedene Hörfunk-, Fernseh- und Online-Redaktionen.



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insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
fcukvsa 16.02.2015
1. Saugt sich mit Wasser voll?
-Der farbenfrohe Fischschwanz - eine Monoflosse, die sonst nur Taucher benutzen - saugte sich mit Wasser voll. Mit einem Vier-Kilo-Klotz am Bein und verschnürten Füßen rauschte sie ab in die Tiefe.- Wenn das Teil nicht schon vorher 4 Kilo gewogen hat, wo kommen die dann auf einmal her? Weil "Vollsaugen" mit Wasser, im Wasser, ergibt kein Mehrgewicht. Wasser ist im Wasser gewichtsneutral. Das waere dann erst zu wiegen, wenn es wieder auf's Trockene geht.
m.d._b 16.02.2015
2.
Eine super Sache für die Kids und auch manch einen Erwachsenen. Nur die ehemalige Krankenschwester sollte kürzer treten wenn es nicht wieder zu einem Bornout kommen soll
spon-facebook-10000181798 16.02.2015
3. erfrischend
zu lesen dass wir in einer so sicheren und wohlhabenden Gesellschaft leben, in der jemand mit absolutem Nonsens mehr verdient als eine Krankenschwester. Was kann uns da noch passieren? Aber was machen solche Leute wenn es vielleicht doch mal wieder hart auf hart kommt?
ksail 16.02.2015
4. Kürzer treten?
Zitat von m.d._bEine super Sache für die Kids und auch manch einen Erwachsenen. Nur die ehemalige Krankenschwester sollte kürzer treten wenn es nicht wieder zu einem Bornout kommen soll
Ganz im Gegenteil; die Ex-Krankenschwester ist ein gutes Beispiel dafür, dass man sein Leben selbst in die Hand nehmen kann, statt zu jammern. Ob es einem gut geht, hängt nur unwesentlich von der Anzahl der Überstunden, der "Work-Life-Balance" oder der Bezahlung ab, sondern davon, ob man wirklich hinter seiner Arbeit und seinem Leben steht. Bei den meisten Dauer-Jammerern kann man diese Frage schnell beantworten...
cheibe_lüt 16.02.2015
5.
Zitat von ksailGanz im Gegenteil; die Ex-Krankenschwester ist ein gutes Beispiel dafür, dass man sein Leben selbst in die Hand nehmen kann, statt zu jammern. Ob es einem gut geht, hängt nur unwesentlich von der Anzahl der Überstunden, der "Work-Life-Balance" oder der Bezahlung ab, sondern davon, ob man wirklich hinter seiner Arbeit und seinem Leben steht. Bei den meisten Dauer-Jammerern kann man diese Frage schnell beantworten...
Das ist doch nicht wahr. Der Beruf ist so zu wählen, dass er einen gut ernäht. Man muss auch ständig seine Fühler ausstrecken, wie man sich weiterbildet, sonst wird man Mitte 40 ausgestellt. Würde ich immer noch das machen, wozu ich Lust hätte, wäre nur prekär angestellt zu einem Fünftel des Geldes. Natürlich muss Interesse, Können und Nachfrage eine Schnittmenge bilden. Verwunderlich ist, dass Krankenschwestern zu wenig verdienen, obwohl ihre Arbeit sehr gefragt ist. Schauen sie mal in ein Unternehmen - am wenigstens verdient die Putzfrau. Putzt die Frau aber die Toilette nicht sauber, kann das im schlimmsten Fall dazu führen, dass die Belegschaft flach liegt. Nur mal so ein Beispiel. Ansonsten gebe ich Ihnen Recht. Wer nur jammert und die Schuld bei anderen sucht, hat kein Mitleid verdient. Eventuell wäre Auswandern eine Option, da man in anderen Ländern (USA) Leute, auf die man letztendlich angewiesen ist, besser entlohnt.
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