Anonymes Job-Protokoll Was eine Polizei-Reporterin bei ihrer Arbeit erlebt

Sie klingelt an fremden Haustüren, hört herzzerreißende Geschichten und ist als eine der Ersten am Tatort: Eine Polizei-Reporterin bei einer Berliner Boulevardzeitung erzählt aus ihrem Alltag.

Reporterin bei der Arbeit
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Reporterin bei der Arbeit

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Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

Wenn ich durch meine Stadt fahre, kann ich beinahe zu jedem zweiten Haus eine Horrorgeschichte erzählen: Hier ein Raubmord, dort eine Messerstecherei - oder war es ein totgeschütteltes Baby? Das klingt schrecklich, ich weiß.

Polizeireporter dürfen nicht zimperlich sein. Als ich mit Mitte zwanzig als Praktikantin bei einer Boulevardzeitung in Berlin anfing, wurde ich gleich am ersten Tag in den Zoo geschickt, um die Neueröffnung einer Tier-WG zu protokollieren. Sechs Stunden lang stand ich bei minus 15 Grad vor der Anlage und habe minutiös mitgeschrieben. Am Ende kamen 30 Zeilen ins Blatt. "Die ist hart im Nehmen", hieß es dann. Am nächsten Tag teilte mich der Chef der Polizei-Redaktion zu.

Meine erste Polizei-Geschichte war der erste Unfalltote des Jahres. Ich wurde mit einem Fotografen losgeschickt, der mir auf dem Weg erklärte, worauf es ankommt: Ein Foto des Verstorbenen sei das Wichtigste. Vor Ort trafen wir die Konkurrenz, die Polizeireporter anderer Blätter. Gemeinsam klingelten wir an der Wohnungstür des Verunglückten. Ich musste vorn stehen, weil ich ein junges Mädchen war - das sollte wohl harmlos aussehen.

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Es gibt nicht viele Frauen in diesem Metier. Die Tür ging schnell wieder zu. Dann befragten wir die Nachbarn. Ich fand das sonderbar, bei wildfremden Menschen zu schellen und sie mit dem Tod zu konfrontieren. Andererseits wollte ich meinen Auftrag erfüllen. Geklappt hat's an diesem Tag nicht - ich kehrte ohne ein Foto in die Redaktion zurück.

Polizeireporter wissen nie, wie der Tag wird. Planung ist unmöglich. Abends verabrede ich mich kaum noch - zu oft musste ich spontan absagen. Nach dem Terroranschlag am Breitscheidplatz habe ich eine Woche lang kaum geschlafen.

In solchen Situationen stehe ich richtig unter Strom. Dann beginnt ein Wettrennen mit den anderen Reportern um die besten Informationen. Die Basis - was ist wann und wo passiert - bekomme ich von der Polizei-Pressestelle. Die rufe ich morgens als Erstes an und frage, ob etwas Berichtenswertes passiert sei. Manchmal frage ich auch bei der Feuerwehr oder der Staatsanwaltschaft nach.

"BSD aus Pkw", eine "gef KV", ein "tödlicher VU" - Polizei-Deutsch für: besonders schwerer Diebstahl aus einem Auto, eine gefährliche Körperverletzung, ein tödlicher Verkehrsunfall. Tragisch, aber eben auch Alltag in der Großstadt. Selbst ein Mord ist oft wenig aufregend. Entweder geht es um enttäuschte Liebe oder ums Geld. Immer das Gleiche.

Persönliche Daten wie Namen und Adressen der Opfer geben die Pressestellen nicht heraus. Die muss ich vor Ort ermitteln, Augenzeugen und Anwohner befragen oder die sozialen Netzwerke durchforsten. Zudem habe ich ein dichtes Informantennetzwerk, das oft weiterhilft. Den Polizeifunk hören wir übrigens nicht ab, auch wenn viele das denken. Geht gar nicht, weil heutzutage alles digital verschlüsselt ist.

Was mir nahegeht, sind Geschichten, bei denen Kinder oder Senioren die Opfer sind. Ich frage mich, wie man Wehrlosen Gewalt antun kann. Es will mir nicht in den Kopf, warum man eine 80-Jährige, die auf den Rollator angewiesen ist, fesselt, knebelt und verprügelt, um eine Handvoll Euro zu erbeuten. Das macht mich wahnsinnig. Und wütend.

Ich hoffe, dass ich mit meinen Texten etwas bewirke. Wenn die ausgeraubte Rentnerin sich fotografieren lässt und ihre Blessuren zeigt, erregt das Aufmerksamkeit. Vielleicht meldet sich ein Zeuge. Vielleicht sensibilisiert die Geschichte andere, die dann nicht so leichtfertig einem Fremden die Tür öffnen - wobei ich den Opfern ausdrücklich keine Schuld zusprechen möchte.

Ich frage mich oft, warum Menschen uns nach einem Schicksalsschlag hereinbitten. Ich weiß nicht, wie ich reagieren würde, wenn in so einer Situation ein Journalist an meiner Tür klingelt. Meistens sind wir Polizeireporter nach den Ermittlern die Ersten, die kommen. Und die zuhören. Ich bin dann Trösterin, ich leide mit. Angehörige und Opfer berichten oft, dass sie trotz des Traumas funktionieren müssen und in ihrem Umfeld nicht so viel von der Tat sprechen, weil niemand lange zuhören kann. Sie sind dankbar, dass wir da sind. Es kommt sogar vor, dass Leute später noch anrufen und reden wollen.

Einmal wurde ich sogar mit den Worten "Ich habe schon auf Sie gewartet" empfangen - von einem Elternpaar, dessen Sohn von einem Zug überrollt worden war. Ein tragischer Unfall. Für die war klar: Nach so einem Unglück kommt die Zeitung und macht ein Interview. Ich weiß, wie verletzlich Menschen in solchen Situationen sind und wäge sehr genau ab, was ich schreibe und was nicht.

Nach allem, was ich in meinem Beruf erlebt habe, bin ich umsichtiger geworden: Beim Fahrradfahren vergesse ich nie den Schulterblick - es gibt so viele Radtote in Berlin. Eine Balkontür oder das Fenster würde ich nie offen lassen, wenn Kinder in der Wohnung sind - zu viele tödliche Stürze.

Trotzdem liebe ich meine Arbeit. Durch sie habe ich meine Stadt mit den vielen verschiedenen Bewohnern erst richtig kennengelernt. Ich bin froh, dass ich vor 13 Jahren mein Germanistik-Studium abgebrochen habe und geblieben bin.

insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
ithaqua 24.04.2018
1. Die Vasallen des "Gaffertums".....
Es ist schön, dass die Reporterin noch an einen gesellschaftlichen Wert ihrer Arbeit glaubt. Aber das eigentliche Ziel wird schon im dritten Absatz deutlich. Es wird ein Foto der Leiche benötigt. Es wirkt fast, als ob sie Dienstleister für die Menschen, die auf Autobahnen zum Stehen kommen um auf der Gegenfahrbahn Unfälle zu fotogafieren, oder -wie neulich geschehen- sich auf Gleise stellen um einen Brand zu filmen, ist. Es wäre doch auch zu schade, wenn die Gaffer nur das begaffen könnten, was sich in ihrer unmittelbaren Nähe abspielt. Besonders als Journalist kann es hilfreich sein, sich mal genaue Gedanke dazu zu machen, welche Klientel man dort bedient.
dasfred 24.04.2018
2. Ein Beruf, zu dem Sensibilität gehört
Einerseits ziehen Kriminalfälle ja das Leserinteresse auf sich, andererseits dürfen die Opfer und Angehörigen nicht vorgeführt werden. Wenn man sieht, was die Bild über Jahre macht, weiß man eigentlich wo der Polizei Reporter zu weit geht.
ch@rybdis 24.04.2018
3. Lesen Sie bitte noch einmal!
Zitat von ithaquaEs ist schön, dass die Reporterin noch an einen gesellschaftlichen Wert ihrer Arbeit glaubt. Aber das eigentliche Ziel wird schon im dritten Absatz deutlich. Es wird ein Foto der Leiche benötigt. Es wirkt fast, als ob sie Dienstleister für die Menschen, die auf Autobahnen zum Stehen kommen um auf der Gegenfahrbahn Unfälle zu fotogafieren, oder -wie neulich geschehen- sich auf Gleise stellen um einen Brand zu filmen, ist. Es wäre doch auch zu schade, wenn die Gaffer nur das begaffen könnten, was sich in ihrer unmittelbaren Nähe abspielt. Besonders als Journalist kann es hilfreich sein, sich mal genaue Gedanke dazu zu machen, welche Klientel man dort bedient.
Diese Aussage stimmt nämlich so nicht! Es geht nicht um ein Foto der Leiche, sondern um ein Bild der getöteten Person zu Lebzeiten!
themistokles 24.04.2018
4.
Zitat von ch@rybdisDiese Aussage stimmt nämlich so nicht! Es geht nicht um ein Foto der Leiche, sondern um ein Bild der getöteten Person zu Lebzeiten!
Kommt darauf an, für welche Zeitung Sie arbeiten. Und ja, Artikel mit Leichen verkaufen sich besser.
LaínEntralgo 24.04.2018
5. Foto der Leiche
Zur Frage, ob sie ein Foto der Leiche oder der Person zu Lebzeiten machen soll, einige logische Anmerkungen: Egal ob die Zeitung mit den vier großen Buchstaben oder noch schlimmer. Ich habe noch nie das Foto der Leiche eines Verkehrsopfers dort abgedruckt gesehen. Glaubt denn hier tatsächlich jemand, daß die Leiche da noch irgendwo rumliegt, wenn die Reporterin klingelt? Wo denn? Auf dem Fußboden? Unterm Auto? Fazit: natürlich ist ein Foto der Person zu Lebzeiten gemeint.
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