Ein Postbote erzählt "Manchmal würde ich gern die Prospekte in den Müll schmeißen"

Er kennt ganze Nachbarschaften, meidet Veränderungen und bewegt schon mal eine Tonne Papier pro Woche: Hier erzählt ein Postbote von seinem Job - und rät jungen Kollegen davon ab, ihn zu machen.

Postbote auf einem Fahrrad
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Postbote auf einem Fahrrad

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Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Ich wünsche mir mehr Wertschätzung. Meine Arbeit hat sich stark verändert. Früher riet man den Kindern: Hast du dich verlaufen? Dann frag den Polizisten oder den Briefträger - so wichtig waren meine Kollegen und ich für die Gesellschaft.

Ich hätte gern mehr Zeit für die Menschen. Auf meiner Route treffe ich so viele, die alt und alleinstehend sind, die niemanden zum Reden haben. Die warten den ganzen Tag auf meinen Besuch. In Frankreich gibt es ein Projekt, bei dem Briefträger die Versorgung der Alten mit übernehmen. Das würde ich mir auch für Deutschland wünschen.

Ich fahre seit Jahren dieselbe Route und kenne die allermeisten Bewohner hier. Wenn jemand stirbt, bin ich natürlich traurig. Auch meine Kollegen kennen viele der Menschen in ihren Straßen, wenn sie über Jahre dieselbe Route fahren. Für mich sind die Straßen, in denen ich Briefe austrage, wie mein zweites Zuhause.

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Das anonyme Job-Protokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Postboten mögen keine Veränderungen. Einmal sollte ich eine andere Route übernehmen, da habe ich mich gewehrt und mich glücklicherweise durchgesetzt. Auf meiner Route gibt es einige Hoch- und Mehrfamilienhäuser und wenige Einzelhäuser. Das finde ich gut, denn wir bekommen pro Person eine bestimmte Zeit, in der wir die Briefe austragen müssen. Bei Einzelhäusern muss man aber viel mehr laufen.

Seitdem die Post eine Aktiengesellschaft ist, sind die Arbeitsbedingungen härter geworden. Einige Kollegen wurden entlassen, die neuen mit befristeten Verträgen angestellt. Fehlzeiten durch Krankheit werden von den Chefs argwöhnisch registriert. Ich kenne sehr viele, die sich mit Grippe oder Erkältung aufs Rad schwingen und Briefe austragen - aus Angst, entlassen zu werden oder keinen Anschlussvertrag zu bekommen.

Ich liebe meinen Beruf. Ich bin gerne draußen, und alle Leute auf meiner Route kennen und grüßen mich. Am schönsten finde ich es, jeden Tag die ganzen bekannten Gesichter zu sehen. Ich sehe, wie die Kinder erst in den Kindergarten, dann in die Schule gehen und langsam erwachsen werden. Es ist toll, das begleiten zu können.

Trotzdem rate ich jungen Kollegen dringend: Sucht euch einen anderen Job. Der Beruf als Briefträger macht einen kaputt. Viele von uns haben Rücken- und Gelenkprobleme. Im Sommer kommen Sonnenbrand und im Winter Erkältungen hinzu, die durch die viele Bewegung schnell zu Herzmuskelentzündungen führen können.

Auch die Bezahlung ist nicht gerade überwältigend. Mit meinem alten Vertrag verdiene ich netto 2100 Euro pro Monat bei 38,5 Stunden Arbeit in der Woche. Jüngere Kollegen bekommen im Durchschnitt 500 Euro weniger als ich.

Ich arbeite seit über 30 Jahren als Postbote. Nach der Schule wusste ich nicht, was ich machen wollte. Am liebsten etwas Einfaches, ohne viel Verantwortung und Stress, dachte ich. Mein Cousin hat damals als Postbote angefangen und fand es gut. Da habe ich mich auch beworben und wurde eingestellt.

Bewegung garantiert

An fünf Tagen pro Woche trage ich zwischen 7 und 16 Uhr die Post aus, im immer gleichen Straßenabschnitt einer deutschen Großstadt. Jeden Morgen fahre ich zuerst in die Poststelle und sortiere meine Briefe, nach Postleitzahl, Straße und Hausnummer.

Dann packe ich mir die gelben Kisten aufs Fahrrad und düse los. An ruhigen Tagen sind es sieben Kisten, an anderen bis zu zwölf. Vor Weihnachten trage ich bis zu einer Tonne Post in der Woche aus. Davon wiegen die Werbeprospekte schon 400 Kilogramm. Eigentlich bin ich ein besserer Prospektlieferant, Briefe schreibt kaum noch jemand.

Manchmal würde ich schon gern einfach die ganzen Prospekte in den Müll schmeißen, gemacht habe ich das aber noch nie. Ich habe aber schon von Kollegen gehört, dass dies vorkommen soll. Ob meine Kollegen Postkarten oder Briefe lesen, weiß ich nicht. Ich würde das nie tun. Ich habe ein Vertrauensverhältnis zu meinen Kunden, das möchte ich nicht aufs Spiel setzen.

Einen großen Vorteil hat die Radelei aber: Ich kann essen, was ich will. Dick werde ich nie. Etwas sieben Stunden bin ich täglich auf dem Rad unterwegs, bei sengender Hitze, Sturm, Hagel, Regen und Schnee.

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Am schlimmsten ist es bei Temperaturen um den Gefrierpunkt und starkem Regen. Die Tropfen prasseln mir ins Gesicht und in den Nacken, nach wenigen Minuten bin ich völlig durchgefroren. Vor allem meine Hände tun mir weh. Eigentlich müsste ich Handschuhe tragen, um sie vor dem Wetter zu schützen, aber dann kann ich die vom Regen aneinanderklebenden Briefe nicht mehr greifen und in die Briefkästen werfen. Ich verliere Zeit und muss Überstunden machen, dann bin ich noch länger unterwegs.

Ein weiteres Problem bekomme ich, wenn ich auf Toilette muss. Natürlich gibt es bei uns in der Poststelle ein Klo, aber während ich die Briefe austrage, komme ich dahin nicht zurück. Meist muss ich an einem Baum mein Geschäft verrichten. Zum Glück gibt es auf meiner Route auch nette Menschen, die mich ihre Toilette benutzen lassen. Aber mir ist es unangenehm, danach zu fragen. Für meine Kolleginnen ist das Problem sogar noch größer, denn die können nicht einfach an einen Baum pinkeln. Ich kenne auch einige, die im Dienst deshalb nichts mehr trinken, aber gesund ist das sicher nicht.

Hunde und Briefträger mögen sich nicht, heißt es. Das trifft auf mich nicht zu. Ich bin auf dem Land aufgewachsen und liebe Hunde sehr. Ich glaube, die Tiere spüren es, ob jemand sie mag oder nicht. In meiner ganzen Berufslaufbahn bin ich noch nie von einem Hund gebissen worden."

insgesamt 109 Beiträge
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Seite 1
Freidenker10 04.11.2018
1.
"Manchmal würde ich gern die Prospekte in den Müll schmeißen". Bitte tun Sie es einfach, damit ersparen Sie mir den Weg zur Altpapiertonne! Aufkleber von wegen "keine Werbung" oder das dämliche Wochenblatt nützen leider gar nichts. Also ärgern sich die Briefträger und auch die Kunden, was macht man da nur...? ;-)
spiegel_3 04.11.2018
2.
---Zitat--- Einmal sollte ich eine andere Route übernehmen, da habe ich mich gewehrt und mich glücklicherweise durchgesetzt. Auf meiner Route gibt es einige Hoch- und Mehrfamilienhäuser und wenige Einzelhäuser. Das finde ich gut, denn wir bekommen pro Person eine bestimmte Zeit, in der wir die Briefe austragen müssen. Bei Einzelhäusern muss man aber viel mehr laufen. [..] Ich liebe meinen Beruf. ---Zitatende--- Solange die Kollegen die unbeliebten Routen übernehmen müssen, ist für den Kollegen also alles toll. Wenn sich jeder die Rosinen rauspicken darf, werden zukünftig wohl nur noch Hochhäuser beliefert. Da muss man dann nicht mehr laufen. Natürlich kann man dann nicht mehr essen, was man will ...
hansulrich47 04.11.2018
3. Postboten sind zu bewundern!
Es ist eine anstrengende Arbeit und - wie beschrieben - bei Regen und Kälte eigentlich eine Zusatzprämie wert! Wer da nicht krank wird, hat eine sagenhafte Konstitution!
CHW 04.11.2018
4. In einem Land, in dem wir gut und gerne leben...
... Ich kenne sehr viele, die sich mit Grippe oder Erkältung aufs Rad schwingen und Briefe austragen - aus Angst, entlassen zu werden oder keinen Anschlussvertrag zu bekommen. ...und im Winter Erkältungen hinzu, die durch die viele Bewegung schnell zu Herzmuskelentzündungen führen können. Ja, was soll man dazu sagen?
camshaftinhead 04.11.2018
5. nunja als
einzelner auf alle Postboten zu urteilen ist sehr einseitig. Gut hier in der Großstadt fahren auch die meisten mit Rädern, aber bei meinen Eltern auf dem Dorf (Stadtteil mit 4000 Einwohnern) sind die grundsätzlich mit Autos unterwegs, da gibt es dann keine Probleme mit Erkältungen usw usf. Vielleicht sollte er das bei der nächsten Mitarbeiterversammlung mal ansprechen.
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