Ratschlag vom Berufsberater Beförderung ins Unglück

Eine Beförderung hat nicht nur Vorteile: Mehr Prestige, mehr Geld, aber auch mehr Verwaltungskram. Will man das? Karrierecoach Matthias Martens rät zur Schlüsselfrage: Bin ich Experte - oder Manager?

Ein begeisterter Tüftler - aber auch zur Führungskraft geeignet?
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Ein begeisterter Tüftler - aber auch zur Führungskraft geeignet?


Der Leser Marc F., 38, fragt: "Ich arbeite seit sieben Jahren als Ingenieur in der Entwicklungsabteilung eines großen Industriebetriebs. Ich mag diese Aufgabe sehr, doch nun wurde in der Produktion eine Stelle als Abteilungsleiter frei. Ich wurde bereits von Kollegen darauf angesprochen, weil ich Experte für die dort produzierten Bauteile bin. Sicher würde ich mit der Beförderung mehr verdienen, dennoch bin ich mir nicht sicher, ob ich mich dafür bewerben sollte. Wie finde ich darauf eine Antwort?"

Karriereberater Matthias Martens antwortet:

Viele Ingenieure, Naturwissenschaftler und andere Experten stehen vor derselben schwierigen Frage. Einerseits lieben sie ihre Profession und sind glücklich als Programmierer, Tüftler, Forscher, Arzt oder Rechtsanwalt. Anderseits wird uns ständig von außen suggeriert, dass berufliche Erfüllung nur durch Aufstieg zu erreichen ist. Doch das gilt eben nicht für jeden.

Aus vielen wichtigen Fragen, die sich Ihnen jetzt stellen, möchte ich zwei ganz zentrale herausgreifen.

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1. Was ist Ihr wichtigstes Karrieremotiv?

Der amerikanische Managementberater Edgar H. Schein hat acht Karriereanker beschrieben. Dies sind verborgene grundlegende Muster, die unsere Karriereentscheidungen maßgeblich beeinflussen. Vermutlich stehen bei Ihnen zwei dieser Karriereanker in Konkurrenz zueinander: Sind Sie Experte oder Manager?

Experten lösen gern komplizierte Probleme. Sie streben immer nach neuen Erkenntnissen und dringen tief in ihr Fachgebiet ein. Qualität und Genauigkeit sind ihnen wichtig. Experten schätzen es, wenn man sie um ihren fachlichen Rat bittet. Sofern aber Entscheidungen getroffen werden müssen, überlassen sie diese gern einem Manager.

Manager haben den Antrieb, Einfluss und Macht zu erlangen und damit unternehmerische Ziele durchzusetzen. Sie denken in Gesamtzusammenhängen und nicht so sehr in Details. Sie lieben es, Strategien zu entwerfen und möglichst viele Menschen und Aktivitäten zu koordinieren. Sie beanspruchen weitreichende Entscheidungsbefugnisse. Wer ihre Ziele durchkreuzt, wird spüren, dass Manager keinen Konflikt scheuen.

Welcher ist Ihr Karriereanker? Vielleicht verfügen Sie auch über Anteile aus beiden und können sich darum nicht entscheiden. Dann wäre alternativ zur Abteilungsleitung in der Produktion eine Team- oder Projektleitung in der Entwicklung zu erwägen. Ein kleines Team mit selbstständigen, hoch qualifizierten Spezialisten erfordert vor allem Innovationsfähigkeit und konzeptionelle Fähigkeiten - nicht so sehr klassische Führungsaufgaben. Hier könnten Sie weiter Ihre fachliche Expertise einsetzen.

2. Besitzen Sie persönliche Stärken für eine Führungsaufgabe?

Sie schreiben, dass Sie Experte für die Bauteile sind, die in der Abteilung produziert werden. Das ist sicher vorteilhaft, qualifiziert Sie jedoch nicht für eine Führungsfunktion. Wer eine Produktionsabteilung mit 50 oder mehr Mitarbeitern führt, die in stark vorstrukturierten und arbeitsteiligen Prozessen arbeiten, braucht vor allem Überzeugungskraft und Konfliktfähigkeit. Übergeordnete unternehmerische Ziele haben hier hohe Priorität. Mitarbeitergespräche werden viel Zeit einnehmen, Sie müssen Interessenkonflikte lösen und Widersprüchlichkeiten aushalten. Die kontinuierliche Optimierung der Kosten, Qualitätskennzahlen und Outputmengen werden Ihre täglichen Routinen bestimmen. Besitzen Sie die Ausdauer und die Hartnäckigkeit, um dabei immer am Ball zu bleiben?

Vielleicht gab es in der Vergangenheit - auch außerberufliche - Beispiele, wo Sie dies unter Beweis stellen konnten? Gegenprobe: Welche der oben geschilderten Aufgaben liegen Ihnen gar nicht und könnten Ihren Erfolg verhindern?

Nehmen Sie eine Führungsfunktion nicht allein deshalb an, weil es Ihrem Ego schmeichelt oder eine Einkommenssteigerung verspricht. Sie würden schon bald die Freude an der Arbeit verlieren und sich mit Dingen quälen, die Ihrer Persönlichkeit widersprechen.

Seien Sie ehrlich zu sich selbst. Der Verzicht auf eine "klassische Beförderung" zur Führungskraft bedeutet nicht das Karriereende. Schon viele Spezialisten haben ihre Berufung in der fachlichen und methodischen Weiterentwicklung gefunden - Sie müssen ja nicht gleich den Nobelpreis gewinnen.

Wenn Sie allerdings bis hierhin gelesen haben und immer noch dringend Führungskraft werden wollen, dann sollten Sie sich unbedingt bewerben.

insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
oschn 17.06.2016
1. Konfliktfähigkeit
Die Fähigkeit, Konflikte herbeizuführen. Leider geht der Artikel aber nicht über das hinaus, was man auch mit normalem Nachdenken hinbekommt.
Marlo 17.06.2016
2.
Geld ist nicht alles. Wenn der gegenwärtige Job Spaß macht, warum sollte man diesen, nur um mehr zu verdienen, wechseln? Wenn man auch so einigermaßen gut verdient, dann ist doch alles ok. Dieses Gerede von Aufstieg und Karriere machen, kann man locker ausblenden. Nicht jeder ist für 'Chef sein' geeignet. Man muss sich einfach selbst fragen, was man will und sich nicht von den Wünschen der Ehefrau oder Freundin, blenden lassen. Wenn man zufrieden ist, dann ist das alles, was zählt, und nicht, dass man sich nach der Beförderung Urlaub in der Karibik leisten kann, statt nur nach Spanien oder Portugal zu fliegen. Oder welche Motive auch immer in dem Wunsch stecken, aufzusteigen. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass sich viele Kollegen, dem Wunsch der Partnerin hergeben, sie mögen doch bitte die Chance wahrnehmen, um mehr zu verdienen. Das aber sollte kein Motiv sein. Generell sollte Geld kein Motiv sein,sondern nur das eigene Befinden.
gekreuzigt 17.06.2016
3. Das Peter-Prinzip.
Nur etwas umformuliert.
topdaune 17.06.2016
4. Manager-Experten
Manager wollen Einfluss und Macht erlangen, um unternehmerische Ziele zu durchzusetzen! In vielen Fällen geht es nicht um das Unternehmen sondern um persönliche Eitelkeiten!! Manager denken in Gesamtzusammenhängen und nicht in Details und lieben es Strategien und Konzepte zu entwickeln. Das Problem ist, dass sich die meisten Manager für Experten halten und in 10.000m über das Unternehmen fliegen und glauben die Welt zu verstehen. Klar von oben ist alles wunderschön grün und die Luft ist klar! Wer aus dieser Perspektive mit der Sehschärfe von einem Spatz dann die Konzepte und die Strategien entwirft, wird in den meisten Fällen scheitern, weil ihn die Wirklichkeit einholt! Aber die Probleme haben ja die Mitarbeiter, die den Irrsinn in der Praxis umsetzen müssen. Deshalb wechseln viele Manager auch alle 2-3 Jahre, damit die Unfähigkeit nicht an der Person festgemacht werden kann.
scapa 17.06.2016
5. Das Peter-Prinzip
Einfach mal das Peter-Prinzip von Peter und Hull lesen. Dadurch hat schon mancheiner die richtige Entscheidung zu der oben gestellten Frage getroffen.
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