Eine Schlagerkomponistin erzählt "Von 100.000 Streams kann ich mir gerade mal ein Frühstück kaufen"

Pro Lied hat sie einen Tag Zeit - doch ob sie daran etwas verdient, weiß sie oft erst ein Jahr später: Hier berichtet eine Schlagerkomponistin, wie die Songs der Stars zustande kommen und was einen Hit ausmacht.

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Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Jobprotokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Mein Job ist es, mir Lieder für andere Musiker auszudenken. Ich komponiere die Melodien und schreibe die Songtexte. Schlagerstars wie Beatrice Egli singen meine Lieder, veröffentlichen sie auf CDs, treten mit ihnen im Fernsehen auf und spielen sie bei Konzerten.

Wenn ich von meinem Job erzähle, höre ich oft: 'Schlager? Passt doch gar nicht zu dir!' Aber ich mag meine Lieder, weil ich sie handwerklich gut finde. Wie in jeder Branche muss man sich spezialisieren, und mir liegen eben Pop und Schlager - obwohl ich privat eher Elektro höre.

Ein Lied zu komponieren, ist ein wunderbares Gefühl. Ich spüre jedes Mal eine tiefe Freude, wenn es fertig ist. Wirklich. Und man hat den Austausch mit anderen kreativen Menschen, lernt spannende Leute kennen. Deswegen mache ich das.

Songwriting ist ein Handwerk

Die ersten Ideen für meine Lieder finde ich eigentlich überall. Man muss nur die Augen offen halten. Wenn zum Beispiel ein Laden behauptet, die Nummer eins am Platz zu sein, dann kann man das weiterdrehen und daraus 'Du bist meine Nummer eins' machen. Dann spinne ich darum eine Geschichte, und so wird aus dem Schild eines Geschäfts ein Liebeslied.

Die Hookline ist beim Schlager besonders wichtig. Das ist der eingängige Teil des Liedes, oft der Refrain, manchmal auch ein Mitsingpart oder eine Keyboardmelodie. Die Hook entscheidet über den Erfolg des Songs - wie bei Helene Fischer das herausgestellte 'Atemlos'. Mir ist immer wichtig, eine Hook zu finden, die den Leuten sofort im Kopf bleibt - und die sie auch nach zwei Gläsern Wein noch mitsingen können.

Natürlich kann jeder mal einen Glückstreffer landen. Aber Songwriting ist ein Handwerk. Man muss Songstrukturen kennen und ein Gefühl für Spannungsbögen haben. Das gilt für eine Ballade genauso wie für einen Ballermann-Hit.

Pro Lied haben wir einen Tag Zeit

Viele Schlager werden mittlerweile in Songwriter-Teams geschrieben. Oft gibt es sogenannte Writing-Camps, in denen Lieder für bestimmte Künstler oder Bands entstehen sollen. Musikverlage oder Plattenfirmen mieten dafür ein Studio mit mehreren Aufnahmeräumen. In jedem dieser Räume sitzen dann zwei bis drei Songwriter und sollen innerhalb eines Tages ein Lied schreiben.

Am Morgen gibt es ein Briefing. Da erklärt die Plattenfirma oder das Management, in welche Richtung das kommende Album gehen soll. Danach legen die Teams los, tauschen Ideen aus, entwickeln Melodien, das Playback, den Text. Schon vormittags sollten die Hook und das grobe Soundgerüst stehen. Danach kommen die Strophen und weitere Instrumente dazu.

Am Nachmittag singt irgendwer den Song ein, am besten die Künstler selbst. Aber wenn die nicht da sind, macht das einer der Songwriter. Es ist ja erst mal nur ein Demo. Abends präsentieren alle Teams, was sie sich ausgedacht haben. Dann kommt es vor allem auf die Reaktion der Plattenfirma an.

Mir ist es erst einmal passiert, dass ein Team überhaupt nicht funktioniert hat. In der Regel klappt es gut: Jeder bringt andere Stärken in eine Session ein. Die Briefings sind aber teilweise irreführend. Da gibt es merkwürdige Vorgaben. Einmal hieß es, die Musik solle wie bei Amy Winehouse klingen, aber kombiniert mit der Credibility von Andreas Bourani. Am Ende gab es natürlich keinen einzigen verwertbaren Song.

Schlagerstars am Büffet

Zwischen den Schlagerkünstlern gibt es große Unterschiede. Die Wortwahl, die Themen - das funktioniert bei Roland Kaiser anders als bei Vanessa Mai. Er ist ein erfahrener Mann, sie eine Mittzwanzigerin, und das muss sich auch in den Liedern widerspiegeln.

Im Idealfall sind die Sänger beim Komponieren auch anwesend. Dann können wir Fragen stellen und die Künstler beobachten. So bekommt man auch mal mit, wie bekannte Schlagerstars am Büffet stehen und sich von der Ehefrau bedienen lassen - neuer Input für Liebeslieder.

Im Video: Sieben Tage unter Schlagerstars

Gerade die großen Schlagerstars melden einem auch ganz ehrlich ihre Meinung zurück. Die gehen dann durch die einzelnen Räume, lassen sich erste Ideen vorsingen und sagen, dass es super ist oder eben gar nicht ihr Ding.

Interessant sind in solchen Camps auch die anderen Autoren. Die meisten kommen sogar aus ganz anderen musikalischen Genres. Es gibt auch hochdekorierte Rapper, die Lieder für Schlagerstars schreiben.

Von 100.000 Streams kann ich mir ein Frühstück kaufen

Je erfolgreicher die Musiker sind, desto besser ist es für mich. Als Komponistin bekomme ich nämlich kein Gehalt, ich arbeite frei. Ich verdiene nur etwas, wenn meine Lieder genutzt werden - und auch dann muss ich lange warten.

CD-Verkäufe gibt es allerdings kaum noch. Und von 100.000 Streams kann ich mir gerade mal ein Frühstück kaufen. Ich lebe als Urheberin daher inzwischen nur noch von den Gema-Einnahmen, die durch Konzerte, TV-Auftritte oder Radio-Plays der Künstler entstehen. Die entsprechenden Ausschüttungen gibt es jedoch immer erst im folgenden Jahr, nachdem der Song verwendet wurde.

Wer professionell Schlager schreiben will, muss also erst mal Zeit, Geld und Herzblut investieren. Ob ein Song genommen wird, weiß ich immer erst, wenn das Album herauskommt. Es passiert häufig, dass Lieder noch in letzter Sekunde von der Liste genommen werden. Die Plattenfirmen entscheiden das, manchmal auch die Künstler - aber ich habe kein Mitspracherecht. Diese Ungewissheit ist nicht immer einfach für die Lebensplanung.

Für mich ist es zudem extrem wichtig, dass mein Lied die Single wird. Ein normaler Albumsong bringt mir kaum etwas - zumindest bei den meisten Künstlern. Bei Helene Fischer wäre das anders. Für ihre Alben würde ich auch ein kurzes Intro schreiben. Das würde sich schon lohnen.

Schlagerfans merken sofort, wenn jemand ein Lied nicht ernst meint

Weil man nie planen kann, dass das nächste Lied ein Hit wird, müssen die meisten Songwriter ihr Grundeinkommen über andere Kanäle generieren. Ich zum Beispiel habe mal für eine Unternehmensberatung gearbeitet, viele Songwriter kommen aus anderen Bereichen. Und nur eine Handvoll kann davon leben, Schlager zu komponieren. Deshalb ist es so schade, dass es im Internet so viel Hass gegen die Gema gibt. Sie sammelt schließlich auch das Geld für all die kleinen Autoren ein, die sonst leer ausgehen würden.

Künstler müssen nicht ihre eigenen Lieder schreiben, aber sie sollten wissen, was sie verkörpern wollen. Leider gibt es viel zu viele Sängerinnen, die keine eigene Vision für sich haben und einfach nur wie Helene Fischer sein wollen. Die singen einfach, was ihnen der Produzent gibt.

Bei den Männern gibt es auch ein paar aalglatte Typen, die am liebsten Bourani wären. Die singen nur Schlager, weil sie denken, damit erfolgreich zu werden. Doch der Plan geht nicht auf: Schlagerfans sind ein intuitives und sehr ehrliches Publikum. Die merken sofort, wenn jemand das nicht ernst meint. Solche Sänger kommen nicht weit - und für die schreibe ich auch nicht."

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spmc-125536125024537 25.11.2018
1. Traurig
immer, wenn sich meine Kinder über ein Schnäppchen freuen, sage ich ihnen, dass irgendwo auf der Welt jemand anders dafür bezahlt.
sven2016 25.11.2018
2. Freiberufliche
schreiben dann doch für Jede/n, auch wenn er/sie nicht authentisch ist. Das liegt im Wesen der Tätigkeit. Da kann man sich die Kunden kaum aussuchen.
m.klagge 25.11.2018
3. Das Internet könnte dieses,
von ihm selbst geschaffene Problem auch lösen. Nur, das Netz ist von ein paar zu monopolistischen Piraten-Konzernen gekapert worden und die Politik hat dabei zugeschaut. Nicht ohne Hintergedanken. Denn so kann das Netz genauso einafch kontrolliert und dirigert werden wie die alten Medien. Nicht nur ein paar Schlagerfuzzies sind die Leidtragenden.
ein-berliner 25.11.2018
4. Weg damit
Warum wird eigentlich eine derartige Tätigkeit weiterhin so alimentiert? Bei den meisten Arbeitsverhältnissen gibt es normale Vergütungen. Ein Arzt kann ja auch nicht ewig für seine Kunst kassieren. Es ist an der Zeit diese Verhältnisse abzuschaffen. Warum sind diese Verhältnisse sogar vererbbar? Tote Komponisten benötigen keine weiter Unterstützung.
multimusicman 25.11.2018
5. Na ja, ob die Schlagerfans so ein Gespür für
wahre Emotionen haben, sei mal dahingestellt. Aber auch für die im Artikel genannte Textautorin scheint Helene Fischer das Nonplusultra darzustellen.... warum: weil sie am meisten verkauft, auch Cd‘s. Deren Texte könnte auch ein Computer kreieren, so billig und seelenlos sind die. Es gibt gerade bei Spotify hunderte Künstler, die im Mainstreamradio nicht stattfinden und dort Erfolg auch in finanzieller Hinsicht haben. Deutscher Schlager hat aber international einen ganz schweren Stand und wird dort oft belustigt zur Kenntnis genommen. Um es mal deutlich zu sagen: deutsche Schlagertexte sind international ein echtes Nischenprodukt. Wer damit heute seinen Lebensunterhalt verdienen will muss eigentlich von gestern sein. Wenn man als Künstler sein eigenes Label gründet oder als Texter in einem kleinen Team dabei ist, kann man sich von 100.000 Streams weit mehr als ein Frühstück leisten. Oft geht das sogar ohne Texte besser mit reiner Instrumentalmusik..... man muss die Kuratoren und Hörer von sich überzeugen und die Arbeit die früher ein Label gemacht hat selbst erledigen. Und ganz ehrlich: Helene Fischer wäre ohne ihre Optik nichts.....
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