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Eine Sicherheitsmitarbeiterin erzählt

"Wir riskieren unser Leben für die Gesellschaft"

Gewalt gehört zu ihrem Alltag: Hier erzählt die Mitarbeiterin eines Sicherheitsdienstes von Schlägereien, Messerangriffen und ihrem bislang schlimmsten Erlebnis.

Aufgezeichnet von

DPA

Fußballfans bei der Einlasskontrolle

Montag, 10.09.2018   10:36 Uhr

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Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Die stehen doch nur rum und werden fürs Nichtstun auch noch bezahlt. Das denken viele über Sicherheitsmitarbeiter. Mich ärgert das sehr. Denn die Realität sieht anders aus: Wenn wirklich etwas passiert, müssen wir den Kopf hinhalten und riskieren unser Leben für die Sicherheit anderer.

Und das bei schlechter Bezahlung: Sicherheitskräfte verdienen im Durchschnitt zwischen 8,90 Euro und 11,20 Euro pro Stunde.

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Ich habe vor sechs Jahren im Sicherheitsdienst angefangen. Es gibt viele kleine und auch größere Firmen im Sicherheitsgewerbe, die ihre Mitarbeiter zu Großevents, Konzerten und in Diskotheken schicken. Bei einer dieser Firmen in einer deutschen Großstadt habe ich einen festen Vertrag.

'Frauen im Sicherheitsdienst sind sehr wichtig'

Ich arbeite vor allem in der Bahn, auf Events und Festivals. Seit drei Jahren bilde ich selbst aus. Außerdem bin ich auf Veranstaltungen als Teamleiterin tätig. Mein Team besteht nur aus Männern und mir - der einzigen Frau. Das ist manchmal gar nicht so einfach. Die meisten der Männer hier haben das Bild von einer Frau als Sekretärin. Als Teamleiterin muss ich ihnen aber auch Anweisungen geben, die sie dann befolgen müssen. Mittlerweile klappt das gut, aber es hat lange gedauert, bis ich mich im Team behaupten konnte.

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Frauen im Sicherheitsdienst sind sehr wichtig. Wenn es zum Beispiel in Diskotheken zu sexuellen Übergriffen kommt, sind die betroffenen Frauen froh, wenn sie sich an eine andere Frau wenden und diese um Hilfe bitten können. Auch auf aggressives Partyvolk wirke ich meist deeskalierender als meine männlichen Kollegen.

Es müssen dringend mehr Mitarbeiter eingesetzt werden, im gesamten Sicherheitsbereich. So kann die öffentliche Sicherheit besser gewährleistet werden.

Der Bereich der Flughafensicherheit geriet zuletzt immer wieder in die Kritik. Aber ich kann gut verstehen, dass das Personal dort an seine Grenzen kommt. Bei weit über 200 Arbeitsstunden im Monat sind die Leute müde und erschöpft, können sich nicht mehr richtig konzentrieren. Gleichzeitig trauen sie sich nicht, sich zu beschweren, aus Angst, ihren Job zu verlieren.

Vor Kurzem habe ich beim Open Flair Festival gearbeitet, mit 200 anderen Sicherheitsmitarbeitern. Trotz Arbeitstagen, an denen ich von 12 Uhr mittags bis 3 Uhr nachts auf den Beinen war, war es die schönste Zeit in meinem Berufsleben. Es war sehr heiß, wir hatten Wassersprühflaschen, mit denen wir die Partygäste bespritzt haben. Die Stimmung war großartig.

Und so viel Dankbarkeit wie dort habe ich selten erlebt. Die Menschen kamen zu uns, um sich zu bedanken und zu verabschieden. Und auch die Künstler auf der Bühne lobten unsere Arbeit per Mikrofon, alle klatschten. Da bekam ich richtig Gänsehaut, denn dass wir viel leisten, wird oft gar nicht gesehen. Bei 38 Grad und Sonne stehen wir in Arbeitskleidung mit langen Hosen kerzengerade da, stundenlang. Auch Unwetter müssen wir aushalten. Beim Festival gab es ein Gewitter, Zäune stürzten ein. Die haben wir wieder aufgebaut. Außerdem haben wir uns um den Einlass gekümmert, Bühne und Notausgänge abgesichert.

'Einlasskontrolle mag ich am wenigsten'

Die Einlasskontrolle mag ich generell am wenigsten. Taschen durchsuchen und Leute abtasten ist recht aufwendig. Und im Gegensatz zum Flughafenpersonal haben wir technisch viel weniger Möglichkeiten. Manchmal kommt es vor, dass Leute Drogen oder kleine Messer in ihren Schuhen mit in die Diskotheken schmuggeln, denn die müssen sie bei uns nicht ausziehen.

Vor vier Jahren hat tatsächlich ein Mann ein Messer mit in einen Klub geschmuggelt und später damit einen Besucher so schwer verletzt, dass er ins Koma gelegt werden musste.

In meinem Beruf kommt es immer wieder zu Gewalt und dadurch auch mitunter zu Schwerverletzten. Oft sind wir als Erste vor Ort, noch vor Polizei und Rettungsdienst. Ich habe viel an die Kollegen gedacht, die die ermordete Frau und den Säugling am Jungfernstieg in Hamburg erstversorgen mussten. Zum Glück gibt es bei uns eine gute Betreuung durch Psychologen, ansonsten wäre es für mich schwer, so etwas auszuhalten.

In der Situation vor dem Klub hatte die Teamarbeit nicht funktioniert: Ich wurde als Frau mit dem Schwerverletzten alleingelassen, der Täter konnte währenddessen unbemerkt aus dem Klub flüchten. Ich hatte Angst, für mich und den Verletzten nicht sorgen zu können, hatte Angst um mein eigenes Leben.

Ich habe danach den Arbeitgeber gewechselt. In diesem Team fühlte ich mich nicht mehr sicher. Teamarbeit ist im Sicherheitsdienst das Wichtigste. Ich muss mich zu 100 Prozent auf meine Kollegen verlassen können, sonst kann es gefährlich werden, auch für mich. Ich bin eine alleinerziehende Mutter und möchte jeden Tag nach der Arbeit heil nach Hause kommen."

Im Video: Gefahrenjob Security - Zwischen Schlägerei und Schlichtung

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