Beruf und Erziehung Frühe Kinderkrippe schadet nicht

Leidet der Nachwuchs, wenn die Mutter schon im ersten Lebensjahr des Kindes wieder arbeitet? Britische Forscher geben darauf eine überraschende Antwort: früher ja, heute nein.

Kind im Laufstall: Wo gedeiht es am besten?
Corbis

Kind im Laufstall: Wo gedeiht es am besten?


Das erste Lebensjahr eines Kindes ist enorm wichtig für seine Entwicklung. Deswegen wagen es viele Mütter nicht, bereits in dieser Zeit wieder in den Job zurückzukehren und den Nachwuchs während der Arbeitszeiten in die Obhut einer Kinderkrippe zu geben.

Doch neueste Forschungsergebnisse lassen an dieser Sicht zweifeln. Klar, die große Bedeutung der ersten Lebensmonate ist unbestritten. Aber zumindest was den späteren Lernerfolg der Kinder angeht, ist es überhaupt kein Problem, wenn die Mutter früh wieder zu arbeiten beginnt. Ein Team um die Erziehungswissenschaftlerin Heather Joshi an der University of London hat die Lebensläufe von 40.000 Kindern in Großbritannien untersucht und keinerlei Hinweise auf eine Beeinträchtigung gefunden.

Bemerkenswert daran: Früher gab es diesen Zusammenhang durchaus. Es ist nicht die erste Studie dieser Art, die die Londoner Wissenschaftler durchgeführt haben. Und bis weit in die achtziger Jahre war es stets so, dass die Kinder mit früh arbeitenden Müttern leichte Nachteile beim Spracherwerb und in Mathematik hatten. Zwar ging es immer nur um ein paar Prozentpunkte, aber immerhin so viel, dass der Unterschied signifikant war.

Fotostrecke

12  Bilder
Buhmann Baby: Schon wieder schwanger - zwölf Mütter erzählen
Tatsächlich hat es aber einen Umschwung gegeben, etwa zur Mitte der neunziger Jahre. Die neueren Daten, die Joshi und Co. jetzt ausgewertet haben, zeigen, dass der kleine Lernunterschied bei Kindern verschwunden ist. Die jüngste Generation sind Kinder, die 2000 und 2001 geboren wurden. Bei ihnen gibt es keine nennenswerten Differenzen in den geistigen Fähigkeiten oder im Verhalten zwischen jenen, die lange bei Mama geblieben sind, und denen, die schon früh Kinderbetreuung kennengelernt haben.

Betreuungsangebote haben die Situation verbessert

Tatsächlich lässt sich sogar eine Relation feststellen: Je mehr Mütter bereits im ersten Lebensjahr ihres Kindes an den Arbeitsplatz zurückkehren, desto geringer lässt sich im Verlauf der vergangenen 40 Jahre ein Nachteil für die Kindesentwicklung erkennen. Aber woran liegt das?

"In diesen Zahlen spiegeln sich zahlreiche Veränderungen der vergangenen vier Jahrzehnte wider", erklärte Joshi bei der Präsentation der Ergebnisse. "Wahrscheinlich ist es ein Ergebnis einer zunehmend familienfreundlichen Umwelt, in der den Eltern unterschiedlichste Möglichkeiten offenstehen, Erwerbsarbeit und Kindererziehung miteinander zu kombinieren."

Das könnte zum Beispiel heißen: Während früher viele Mütter aus materieller Not früh an den Arbeitsplatz zurückkehrten, tun es heute auch viele Frauen, die es sich auch anders leisten können. Das sind die Familien, die auch in späteren Phasen der Kindererziehung mehr Möglichkeiten haben, den Nachwuchs zu fördern.

Im Einzelfall ganz anders

Die Veröffentlichung der Studie fällt in Großbritannien in eine Zeit, in der über die Förder- und Betreuungsangebote im Land diskutiert wird. Laut einem Artikel im "Independent" warnt Joshi vor Kürzungen in diesem Bereich. Die Kinder, die nach dem Jahr 2000 geboren wurden, sind die ersten, für die es großflächige Angebote frühkindlicher Erziehung gab: 90 Prozent von ihnen haben dies im Alter zwischen drei und fünf Jahren in irgendeiner Form genossen, während es in den achtziger Jahren nur 40 bis 50 Prozent waren.

Joshis Erkenntnisse nehmen den Eltern allerdings nicht die Verantwortung, speziell zu ihrem Kind passende Lösungen zu suchen: Nur weil im statistischen Mittel keine positiven oder negativen Effekte auf Kinder von "Working Mums" zu erkennen sind, können Kinder im Einzelfall durchaus mit so einer Veränderung überfordert sein.

Ob man die Erkenntnisse auf andere Länder übertragen kann, sagte Joshi bei der Präsentation nicht. Die Situation dürfte in Industrieländern, die in den vergangenen Jahrzehnten ihre Kinderbetreuungsangebote ausgebaut haben, vergleichbar sein, könnte aber in Deutschland zu ganz anderen Schlüssen führen.

mamk

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 342 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
lindenbast 12.06.2013
1.
Es heißt: Das erste Lebensjahr eines Kindes ist enorm wichtig für seine Entwicklung. Deswegen wagen es viele Mütter nicht, bereits in dieser Zeit wieder in den Job zurückzukehren und den Nachwuchs während der Arbeitszeiten in die Obhut einer Kinderkrippe zu geben. Diese Ausdrucksweise suggeriert, dass eigentlich alle Mütter ruckzuck in den Beruf zurückwollen und sich nur nicht trauen. Was ist eigentlich mit den Müttern, die das erste Jahr ganz mit dem Nachwuchs verbringen WOLLEN? Die kommen offenbar gar nicht vor?
Palmstroem 12.06.2013
2. Krippe doch nicht besser als Muttern
Zitat von sysopCorbisLeidet der Nachwuchs, wenn die Mutter schon im ersten Lebensjahr des Kindes wieder arbeitet? Britische Forscher geben darauf eine überraschende Antwort: früher ja, heute nein. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/beruf-und-erziehung-fruehe-kinderkrippeschadet-nicht-a-905131.html
Im Umkehrschluß zeigt diese Studie, dass die Kinderbetreuung in der Familie keineswegs Nachteile für die spätere Schulbildung bringt, wie bei uns in der Diskussion um Krippenplätze immer behauptet wird. Aber neben dem Bildungserfolg ist auch die Persönlichkeitsentwicklung wichtig und hier zeigen Studien, dass Kleinkinder in enger Mutterbeziehung mehr Selbstbewußtsein und Selbstsicherheit entwickeln.
docmed40 12.06.2013
3. Familienfreundliche Umwelt?
Wo gibt es die denn in Deutschland? Zur Studie möchte ich den Auftraggeber kennen, denn ein besseres Futter für die Industrie gibt dieses Ergebnis ja wohl nicht! Zudem gibt es viele andere Studien, die von späteren sozialen Verhaltensauffälligkeiten dieser KITA - Kinder im späteren Leben berichten. Jeder macht sich eben die Ergebnisse, die er braucht!
Gort 12.06.2013
4. Ein Musterbeispiel an Desinformation
In der Überschrift wird pauschal behauptet, "Frühe Kinderkrippe schadet nicht", in der Subheadline noch verneint, daß der Nachwuchs unter Krippenbetreuung "leide", aber erst, wer den Artikel weiterliest, stellt fest, daß in der Studie lediglich die Auswirkungen von frühem Krippenbesuch auf den späteren Lernerfolg der Kinder untersucht wurden - sonstige Schäden, zum Beispiel emotionaler Art, hingegen nicht. Ob der Krippenbesuch also schadet oder Kinder leiden, darüber sagt die Studie gar nichts aus. Die Überschriften hingegen behaupten was anderes. Das kann absichtliche Desinformation sein oder einfach schlechter Journalismus. Ich weiß nicht, was ich besser finden sollte.
archidamus 12.06.2013
5.
Es geht aber nicht nur darum, ob die Kinder etwas schwerer erlernen. Es geht um die Beziehung zwischen und Kind. Aber intakte Familien sind ja heutzutage nicht mehr erwünscht. Die kann man nämlich schwerer manipulieren. Es ist unbestrittener Fakt, dass die Eltern-Kind-Beziehung intensiver ist, wenn das Kind die ersten 3 Lebensjahre zu Hause aufwächst. Alles andere ist feministischer Unfug.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.