Bewerber-Durchleuchtung "Da wird man ja paranoid"

Manche Unternehmen verlangen neben beruflichen auch private Referenzen und befragen sogar Freunde von Bewerbern. Geht das zu weit? Bewerbungsexperte Jürgen Hesse hält es für heikel, wenn Arbeitgeber aufrüsten.

Psychologe Jürgen Hesse ist die eine Hälfte des Autorenduos Hesse/Schrader, das seit 1985 eine erfolgreiche Berufsseminar- und Ratgeberfabrik betreibt
Gio Löwe

Psychologe Jürgen Hesse ist die eine Hälfte des Autorenduos Hesse/Schrader, das seit 1985 eine erfolgreiche Berufsseminar- und Ratgeberfabrik betreibt


SPIEGEL JOB: Persönliche Referenzen zur Bewerbung - ist das normal?

Hesse: Nein, das ist außergewöhnlich. Da bin ich baff. Arbeitgeber verlangen jetzt häufiger Referenzen, aber berufliche: Ein, zwei ehemalige Vorgesetzte sollen über Bewerber Auskunft geben.

SPIEGEL JOB: Reichen Arbeitszeugnisse nicht?

Hesse: Denen trauen Arbeitgeber oft nicht mehr, Zeugnisse sind inzwischen so standardisiert. Aber wenn andere Firmen sie anrufen, sind die meisten Chefs sehr vorsichtig. Freunde verplappern sich leichter.

SPIEGEL JOB: Müssen Bewerber sich diese Durchleuchtung gefallen lassen?

Hesse: Tja. Wer den Job haben will, hat keine andere Wahl, als gute Miene zu diesem dummen Spiel zu machen. Aber für Bewerber ist das schrecklich: allein der Verdacht, dass die eigenen Freunde einen um den Job gebracht haben ... Da muss man ja paranoid werden. Viele Personaler recherchieren über Bewerber auch im Web. Was werden sie in zehn Jahren verlangen - einen Gentest? Das ist wie auf dem Wohnungsmarkt, da muss man heute sein ganzes Finanzleben offenlegen. Die Arbeitgeber rüsten auf.

Das Interview führte Verena Töpper für das Magazin SPIEGEL JOB, in dem sie beschreibt, wie eine Pharmafirma das private Umfeld von Bewerbern aushorcht - und wie ihre Freundin Lena gefeuert wurde.

Aus SPIEGEL JOB 1/2014
  • Der Text ist aus dem Magazin SPIEGEL JOB mit Beiträgen aus der Berufswelt - für Einsteiger, Aufsteiger, Aussteiger. Weitere Themen:

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insgesamt 4 Beiträge
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paul-brandenburg 03.06.2014
1. Für mich geht das absolut zu weit
Für mich geht das absolut zu weit! Auch noch ins Private zu gehen ist nicht hinnehmbar.
lomograf 03.06.2014
2. Zeit, dass es wieder an Arbeitskräften mangelt!
Nun - ich verstehe das nicht: haben wir nicht Arbeitskräftemangel? Dieses Verhalten der Arbeitgeber lässt darauf schließen, dass das ganze Geschrei nur zur Senkung der Löhne und zum Verbreiten von Angst und Schrecken dient. Würde nämlich ein Mangel an Fachkräften bestehen, wäre das alles kein Thema mehr: "Was, der Arbeitgeber schnüffelt in meinem Privatleben? Dann gehe ich zu einem anderen!"
macinfo 03.06.2014
3. Verkehrte Welt
In einer menschlichen Gesellschaft würden sich Arbeitgeber bemühen Arbeitnehmer zu finden, denn diese finanzieren schließlich mit ihren Ideen, Lebenszeit und sonstigen Fähigkeiten das erwünschte "schönere" Leben des Arbeitgebers mit. Aber in der Realität sieht es so aus, dass das Stimmvieh schon froh ist wenn die Politiker versprechen Arbeitsplätze zu schaffen. Na ja, wenn man keine eigene Vorstellung vom Leben entwickeln kann oder möchte ist das wohl sogar ein verständliches Tun.
msdelphin 03.06.2014
4. Völlig überzogene Forderungen!
Es ist ja verständlich, dass man möglichst viel von einem Bewerber im Vorfeld wissen möchte: Passen seine Kenntnisse und Fähigkeiten zum Arbeitsplatz und kann er sich in die Firma einbringen. Letztendlich gibt aber nur die Probezeit eine Auskunft darüber. Vorher kann man alles vortäuschen und ich sehe schon die Ghostwriter, die freundliche Referenzen professionell gegen Bezahlung schreiben. Dann bleibt wirklich noch der Gentest, den man dann auch irgendwie fälschen kann. Auf der anderen Seite stellen die Firmen und ihre Manager total überzogene Forderungen an ihre zukünftigen Mitarbeiter: Möglichst Studium, sehr gute Abschlussnote, Auslandserfahrung, flexibel, kreativ, selbstständig und teamfähig, unter 25, Single und kostengünstig. Hat ein Bewerber diese Hürden erfolgreich übernommen, wird er dann für öde Fleissarbeit und triviale Tätigkeiten eingesetzt. Viele Manager suchen die EierlegendeWollmilchSau als Mitarbeiter und setzen diese dann nicht selten als Handlanger ein, der nur einfachste Tätigkeiten ausführt, für die eine weitaus weniger qualifizierte Person voll gereicht hätte. Für den Arbeitnehmer ist das ebenfalls eine Zumutung: Hochausgebildet und motiviert wird man so verheizt und enttäuscht.
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