Berufsfindung Wo bist du nur, perfekter Job?

Es gebe ihn, heißt es: den einen Beruf, der das Beste ist für dich. Unsinn! Viel wichtiger ist es, sich klug zu erforschen. Der Rest passiert von allein.

Selbstbetrachtung im Spiegel: Die Berufswahl kommt manchem wie ein Glücksspiel vor
Corbis

Selbstbetrachtung im Spiegel: Die Berufswahl kommt manchem wie ein Glücksspiel vor

Von Peter Wagner


Auf dem Friedhof erfährt man, wie eng der Mensch sein Leben mit der Arbeit verbindet. Dort liegen Müller und Ingenieure und Kaufleute in der Erde, auf vielen Grabsteinen lässt sich der Beruf des jeweils Verstorbenen ganz ausdrücklich nachlesen. Name und Beruf, das ist es also, was nach dem Tod in Erinnerung bleibt.

Der Mensch im Jahr 2013 ähnelt seinen Ahnen. Name und Beruf, diese Angaben stehen auf den Denkmälern der Toten wie auch auf den Visitenkarten der Lebenden. Internetprofile und Mail-Signaturen, oft sogar Klingelschilder und Vermählungsannoncen sind mit Name und Beruf versehen. Lernen zwei sich kennen, stoßen sie sehr bald auf die Frage: "Was machst du beruflich?" Das muss man nicht verurteilen. Die Antwort ist ja interessant, weil sie erzählt, was ein Mensch mit seinem Leben anstellt. Die Art, wie die Antwort überliefert wird, gibt mitunter einen Hinweis darauf, wie zufrieden ein Mensch mit sich ist. Unsere Lebenszufriedenheit hängt mit unserer Jobzufriedenheit zusammen.

Das ist bekannt, Eltern belehren ihre Kinder darüber, und darum quälen sich so viele Abiturienten, Studienanfänger und Absolventen mit der schrecklichen Aufgabe: Finde heraus, was das Richtige für dich ist. Wo du brillieren kannst, deine Talente optimal einsetzt, damit du nicht eines Tages aufwachst, dich in Gedanken an deine Berufswahl windest und "Hätte ich nur..." krächzt.

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Bewerbungen: Wo geht's denn hier zum Job?
Als gäbe es den einen Job, die eine Aufgabe, die einen Menschen komplettiert - so wie die Liebe des Lebens. Wehe, du findest sie nicht! Die Müller und Kaufleute auf dem Friedhof haben mit den Angaben auf ihren Grabsteinen häufig nicht ihren Traumjob, sondern ihre Stellung in der damaligen Gesellschaft notiert. Viele hatten nicht die Chance, das zu werden, was sie werden wollten. Die Jobsuche für den Nachwuchs wurde in der Vergangenheit nicht selten von den Eltern erledigt. Sie schickten ihre Kinder entweder als Nachfolger ins eigene Geschäft oder bestimmten mindestens deutlich über deren künftiges Schicksal.

Der Schriftsteller Franz Kafka ist ein schönes Beispiel. Sein Vater befand, Schreiben sei kein Beruf. Er trieb seinen Sohn sogar so weit, dass dieser Teilhaber einer Asbestfabrik wurde, obwohl Franz Kafka sich nicht für Asbest interessierte. Kafka war genau genommen eine arme Wurst. So einen wie ihn, so geknechtet, den gibt es heute kaum mehr.

Heute sind die Menschen ziemlich frei in der Wahl ihres Berufs. Eltern haben viel weniger zu sagen als einst. Und inzwischen stehen so viele Studienabschlüsse und Berufsbilder zur Verfügung, man kann da leicht den Überblick verlieren. Eigentlich eine gute Nachricht: Der Mensch darf sich selbst verwirklichen.

Bloß: Viele finden diese verordnete Fahndung nach dem perfekten Job unsinnig anstrengend. Sie mühen sich und suchen und kämpfen, aber der perfekte Job, bei dem alles passt, er will sich nicht offenbaren.

Orientierung aus dem Internet

Das Internet hat dabei geholfen, aus dem Wunsch nach Selbstverwirklichung einen Befehl zu machen. Wer seinen Interessen folgt und online beispielsweise ausdauernd über Mode oder Computerspiele schreibt, der wird zum Experten in seinem Feld, wird in der Branche bekannt und geachtet; vielleicht kann er sogar mit seinem Blog Geld verdienen.

Andere finden auf Plattformen wie Etsy und Dawanda die Kunden, die ihnen Leder-Federmäppchen oder Fimo-Füller aus Heimarbeit abnehmen. Oder sie veröffentlichen lustige Videos und dürfen dann ins Fernsehen. Es gibt viele Beispiele von Menschen, die mit Hilfe des Internets entlang ihrer Interessen leben und arbeiten. Solche Typen, Leute, die sich verwirklichen, sind zu Vorbildern geworden.

Der Philosoph Alain de Botton sagt, dass die Menschen früher eine transzendente Idee in der Mitte ihrer Gesellschaft stehen hatten. Es gab ein Einverständnis darüber, dass dort oben oder da hinten eine höhere Macht wohne, die nicht in erster Linie menschlich sei. Dann wurde aus einer gläubigen eine aufgeklärte Gesellschaft. In der Mitte dieser Gesellschaft, so de Botton, stehe heute kein Gott, sondern der Mensch selbst. Wir orientieren uns an Freunden, an Kollegen, an erfolgreichen Menschen aus dem Internet, dem Fernsehen oder dem echten Leben und schauen, was sie mit ihrer Lebenszeit gemacht haben. Bisweilen übernehmen wir die Erfolgsvorstellungen dieser Leute und denken: "Ich will auch so sein, wie ich wirklich bin, und ich will damit erfolgreich sein."

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Der Brite Paul Graham ist gelernter Programmierer und fördert heute Unternehmensgründer. Nebenbei schreibt er in seinem Blog Essays, die viele Leser finden. Eines heißt "How to Do What You Love". Darin beschreibt Graham, dass die meisten Menschen sich ihr Leben lang schwertun, eine Arbeit zu finden, die sie mögen. Die Reise in die Selbstverwirklichung ist hindernisreich. Für eine solche Reise muss ein Mensch neugierig auf sich selbst sein. Er muss sich viele Fragen stellen, immer wieder. Außerdem muss er Rückschläge aushalten. Die meisten Menschen können das nicht besonders gut.

Viele, die erfolgreich sind, haben keine lineare Fahrt ins Glück hinter sich, sie haben ein Auf und ein Ab erlebt. Steve Jobs hat mal in einer Rede gesagt, dass das Leben ohnehin erst im Rückspiegel Sinn ergebe: So sieht man erst, welche Niederlage am Ende doch eine Hilfe war. Niemand weiß, was es für jeden Einzelnen braucht, um da anzukommen, wo er hingehört. Es gibt stets nur Hinweise und viele Fragen.

Der Autor Daniel Pink formulierte drei Fragen, mit denen jeder prüfen kann, ob er im richtigen Job gelandet ist: Mache ich etwas Sinnhaftes? Kann ich mich in dem, was ich tue, verbessern? Arbeite ich einigermaßen selbstbestimmt? Wer diese drei Fragen mit Ja beantwortet, dem dürfte es in seinem Job schon mal nicht allzu schlechtgehen, glaubt Pink.

Die Fragen sind das eigentlich Interessante am Prinzip Selbstverwirklichung. Nur wenn man sich und anderen Fragen stellt, entstehen Gespräche. Fragen wirbeln die Gedanken auf und legen sie an anderen Orten ab. Wenn alles gutgeht, werden sie dort zu Antworten. So eine Frage, die kann was.

Man muss sie nur lassen.

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
BettyB. 26.01.2014
1. Ratschläge für die Regalauffüller
Erforscht Euch klug, der Rest kommt von alleine...
privat78 26.01.2014
2. Tolle Aussichten
Freie Jobwahl, heißt ich kann mir meinen Sklavenhalter selbst aussuchen. Außerdem ist eine Tendenz der Gleichschaltung festzustellen. Viel Arbeit wenig Gehalt. Da die meisten das nicht bis 67 durchhalten ist die Altersarmut oder der Herzinfarkt vorprogrammiert. Ich nenne es Realität andere nennen es freie Berufswahl. Da der Deutsche aufgrund der Aussichtslosigkeit die Vermehrung einstellt, brauchen wir nun Sklaven aus anderen Ländern. Sonst müssten die faulen Geldsäcke am ende noch selbst arbeiten.
mesrine79 26.01.2014
3. ...
wäre ich bloß fussballer, pornodarsteller oder lottospieler geworden, dann müsst ich mich in meinem popeljob (5 stellig im monat) nicht so sehr verbiegen. im nächsten leben klappts bestimmt.
leonato 26.01.2014
4. Das Leben ist kein Ponyhof
Wenn ich mir die bisherigen Kommentare so durchlese glaube ich, dass in der Vorbereitung dieser Menschen auf das Leben etwas schiefgelaufen ist (von den Eltern und/oder der Schule). Wer von Arbeitgebern als Sklavenhaltern spricht hat wohl einiges nicht verstanden. Auch derjenige, der Pornodarsteller als Karriereziel anvisiert, dem sei gesagt, dass wohl mit Dreißig schluss ist, weil der potente Nachwuchs nachwächst. Zum Glück müssen wir nicht tagtäglich in den Urwald, um unsere Nahrung zu erbeuten - ja soche Menschen gibt es auf der Welt tatsächlich noch - aber am Ende der Schulausbildung sollte sich jeder darüber im Klaren sein, dass er für seinen Lebensunterhalt die nächsten 40 bis 45 Jahre selbst aufkommen muss.
lachina 26.01.2014
5. Vierte Frage
Mache ich etwas Sinnhaftes? Kann ich mich in dem, was ich tue, verbessern? Arbeite ich einigermaßen selbstbestimmt? Wer diese drei Fragen mit Ja beantwortet, dem dürfte es in seinem Job schon mal nicht allzu schlechtgehen, ...... Da fehlt aber noch die Vierte Frage: Kann ich von dem, was ich verdiene, auch leben?
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