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Promi-Sportler als Motivatoren Tschakka!

Sportler als Seelenklempner: Siege wie die Sieger Fotos
DPA

Spitzensportler schreiben gerne Bücher über ihre Rezepte der Selbstüberwindung. Doch wer sein Publikum mit allzu simplen Sprüchen im Stil von "Tschakka, du schaffst es!" motiviert, macht sich lächerlich. Schwimmstar und Olympiasieger Michael Groß will nicht so platt erscheinen - trotz des Titels seines Buches.

Michael Groß stößt keine Tschakka-tschakka-Schreie aus. Gut so. Denn dieser Schlachtruf, mit dem in den 1990er Jahren Motivationstrainer wie Jürgen Höller, Emile Ratelband oder Bodo Schäfer Furore machten, ist zum Klischee verkommen. Damals wurden mit "Tschaka, du schaffst es" ganze Sporthallen zum Jubeln gebracht, während Promis wie Christoph Daum über glühende Kohlen liefen. Dann stürzten viele dieser Motivatoren ab. Schäfer verschwand in der Versenkung, Höller wurde wegen Steuerhinterziehung verurteilt und vermarktete dann seine Rückkehr aus dem Gefängnis. Nur Tschakka-Erfinder Ratelband tingelt weiter als Motivator durch die Lande.

Michael Groß hat nun ein Motivationsbuch geschrieben, und mit dem Titel "Siegen kann jeder" könnte es voreilig in die Tschakka-Ecke gestellt werden. Aber: "Das ist keine Anleitung zum Reichwerden", sagt der 47 Jahre alte Ex-Schwimmer und dreifache Olympiasieger. Sein 299-seitiges Buch umfasst 14 "Impulse", von "Wohin will ich eigentlich?" über "Welche Fehler sind sinnvoll?". Er beantwortet diese Fragen mit Beispielen aus seinem Leben als Schwimmstar, als er den Spitznamen "Albatros" trug, aber auch aus seiner Zeit als Unternehmer. Das Buch ist sein erstes nach der Doktorarbeit in Literaturwissenschaften.

"Allein die Erfahrungen als Sportler qualifizieren niemanden"

"Allein die Erfahrungen als Hochleistungssportler qualifizieren niemanden, als Motivationsratgeber aufzutreten", sagt Groß selbst. Aber er weiß nicht nur, wie es ist, Medaillen um den Hals gehängt zu bekommen: "Mit meinem Unternehmen habe ich zwei Wirtschaftskrisen mitgemacht und war auch einmal ziemlich am Knapsen." Seit zehn Jahren ist er Inhaber einer Beratungsgesellschaft für Kommunikation in Frankfurt. Außerdem unterrichtet er an der Frankfurt School of Finance & Management.

Groß ist nicht der erste Promi-Sportler, der ein Motivationsbuch geschrieben hat. Das Werk "Ich. Erfolg kommt von innen" von Ex-Nationaltorwart Oliver Kahn schaffte es 2008 auf die vorderen Plätze der Bestsellerlisten.

Parallel zu Groß hat die Fechterin und Olympiasiegerin Britta Heidemann ihr Buch "Erfolg ist eine Frage der Haltung" veröffentlicht und Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius untertitelt ihre Biografie "Der ganz große Wurf" mit dem Nutzwert "Mentale Strategien einer Weltmeisterin im Alltag nutzen". Der ehemalige deutsche Handball-Nationalspieler Jörg Löhr hat gar schon mehrere Bücher zu diesem Thema veröffentlicht, etwa "Lebe Deine Stärken!".

"Motivierendes Seminar" für knapp tausend Euro

Löhr betreut als Mental-Coach Unternehmer und Spitzensportler. Aber auch andere können sich von ihm motivieren lassen. Ein dreitägiges "motivierendes Persönlichkeitsseminar" kostet 998 Euro.

"Die Nachfrage nach prominenten Leistungssportlern bei Unternehmensveranstaltungen zum Thema Motivation boomt seit der Fußball-WM 2006", sagt Isabel Funke, Inhaberin der Econ Referenten-Agentur in München. In ihrer Kartei stehen unter anderem der frühere Spitzen-Schiedsrichter und Ex-Zahnarzt Markus Merk, der ehemalige Handball-Nationaltrainer Heiner Brand und eben Michael Groß.

Die Unternehmen, die Sportler buchen, seien bunt gemischt: Von Sparkassen bis hin zu Kosmetikherstellern. Aber Funke betont: "Nicht jeder Leistungssportler eignet sich als Motivationsredner." Schließlich ginge es nicht darum, eine lustige Anekdotenstunde abzuhalten: "Wichtig ist, dass sie weitergeben können, wie sie auch mit Niederlagen umgegangen sind."

Professor Jens Kleinert, Leiter der Abteilung Gesundheit und Sozialpsychologie an der Sporthochschule Köln, sagt: "Der Sport hat Ähnlichkeit mit der Wirtschaft. Wie setze ich meine Ziele richtig? Wie bekämpfe ich meinen inneren Schweinehund?" Den Transfer, diese Motivationsstrategien aufs eigene Leben zu übertragen, müsse das Publikum selbst schaffen.

Michael Groß ist vorsichtiger: "Solche Jetzt-oder-nie-Momente, wie ich sie bei Olympia erlebt habe, die gibt es im normalen Arbeitsleben extrem selten. Die Karriere von Nicht-Sportlern ist viel komplexer", sagt er. Deshalb sei es sinnvoll gewesen, dass er sein Buch erst jetzt geschrieben habe - 20 Jahre nach dem Ende seiner Sportler-Karriere. Eine Autobiografie will der zweifache Vater auch jetzt nicht verfassen. "Da haben andere Menschen viel mehr zu erzählen als ein ganz normaler Mensch, der einfach mal schneller geschwommen ist als alle anderen."

Kathrin Rosendorff, dpa/mamk

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Selbstmotivation macht alt
favela lynch 27.09.2011
Wenn ich mit 47 derart alt aussehen würde, vermarkte ich doch eigentlich "Altern in Rekordzeit". Oder aber - und das ist wohl eher der Fall: Selbstmotivation macht alt. Wer es nicht schnell genug werden kann, der motiviere sich jetzt zum Kauf.
2. Auf dem Weg der Selbstausbeutung ...
Monark™ 28.09.2011
... darf man natürlich kein Mittelchen am Straßenrand stehen lassen, das der Konkurrenz von Nutzen sein könnte. Aber der Bundesgesundheitsminister warnt: "Mind-Doping" kann zum Burnout führen! Ich lese gerade das Buch eines anderen großen Sportsmanns ("Der Berg in mir" von Alexander Huber), ganz ohne Eigenmotivationsabsichten, und fühle mich inspiriert. Das kann kein Motivationstrainer. Deshalb noch ein paar Lebenstipps von mir, ganz "für umsonst": Achtet auf eure Gesundheit, euren Selbstwert und auf die Integrität eurer Absichten. Tschakka.
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