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Mythen der Arbeit Ältere Arbeitnehmer sind leistungsschwach - stimmt's?

Senior am Telefon: Mehr Krankheitstage, höheres Qualitätsbewusstsein. Zur Großansicht
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Senior am Telefon: Mehr Krankheitstage, höheres Qualitätsbewusstsein.

Arbeitnehmer sind so alt wie nie zuvor in Deutschland - Tendenz steigend. Deshalb fürchten viele um die Produktivität der Wirtschaft. Eine unbegründete Sorge, sagt Arbeitsforscher Joachim Möller: Ältere sind zwar langsamer, kennen aber die Abkürzungen.

Die Diskussionen um Arbeit im Alter nehmen zu. Der ehemalige Bundeswirtschaftsminister Clement hält die Rente mit 67 für nicht ausreichend, die IG Metall für nicht gesund. Die Zahlen belegen: Die Mitarbeiter der deutschen Unternehmen altern. Zu Beginn der 1990er Jahre waren knapp 44 Prozent der Erwerbspersonen über 40, heute sind es bereits 58 Prozent.

Hieran knüpfen sich viele Befürchtungen: Wird die deutsche Wirtschaft durch die Alterung ihrer Belegschaften Produktivität und Innovationskraft einbüßen, weil Ältere weniger leistungsstark und kreativ sind? Werden die nationalen Unternehmen deshalb im internationalen Wettbewerb abgehängt werden?

Wie produktiv ein Mensch ist, hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab. Manche davon verschlechtern sich mit zunehmendem Alter, manche verbessern sich. Auf der einen Seite: Die sogenannte fluide geistige Leistungsfähigkeit nimmt tendenziell mit dem Lebensalter ab, das heißt Ältere verfügen über weniger Kapazität, sich auf neue Aufgaben einzustellen, sie können schlechter irrelevante Informationen wegfiltern und sie haben mehr Schwierigkeiten, sich in neuen Situationen adäquat zu verhalten.

Die physische Belastbarkeit ist bei Älteren ebenfalls geringer, ihnen fallen körperlich anstrengende Arbeiten schwerer, insbesondere wenn sie Rücken und Gelenke stark belasten. Ältere haben im Schnitt auch etwas mehr Ausfalltage durch Krankheit.

Ältere können nicht nur mithalten, sondern auch ausstechen

Auf der anderen Seite ist die höhere Berufs- und Lebenserfahrung der Älteren zweifellos produktivitätsfördernd. Der Rückgriff auf den gespeicherten Erfahrungsschatz ist vorteilhaft bei der Problemlösung im betrieblichen Alltag. Ältere sind meist schon länger im Betrieb, sie kennen die Abläufe genau. Ihr Qualitätsbewusstsein ist im Schnitt höher und sie arbeiten präziser.

Sicherlich bestimmt auch die einzelne Person nicht unwesentlich über die Entwicklung der körperlichen und geistigen Fitness beim Älterwerden mit. Hier spielen Sport- und Ernährungsgewohnheiten, Bildungsinteresse sowie soziale und kulturelle Teilhabe eine große Rolle.

Aktive Ältere können vielfach mit Jüngeren nicht nur mithalten, sondern sie sogar ausstechen. Neben dem individuellen Verhalten ist aber mindestens ebenso das betriebliche Umfeld entscheidend. Fortschrittliche Unternehmen haben bereits verstanden, dass Arbeitsplätze altersgerecht gestaltet werden müssen, um die volle Leistungskraft der älteren Beschäftigten abrufen zu können.

Dort, wo körperliche Arbeit noch dominiert, sind beispielsweise Vorkehrungen zu treffen, dass man sich weniger bücken muss, gelenkverschleißende Tätigkeiten möglichst vermieden und genügend Pausen eingeplant werden. Versuche in der Automobilindustrie zeigen, dass bei entsprechender Gestaltung des Arbeitsumfeldes auch in Fertigungsprozessen die Produktivität der Älteren keineswegs der der Jüngeren nachsteht. Generell gilt der Satz: Die Älteren mögen langsamer sein, aber sie kennen die Abkürzungen.

Es reicht nicht, Arbeitsplätze altersgerecht zu gestalten

Eine altersgerechte Arbeitsplatzgestaltung allein reicht aber nicht aus. Entscheidend ist, Alterung als Prozess zu begreifen. Eine betriebliche Strategie, die erst dann gegensteuert, wenn Defizite auftreten, ist verfehlt. Die geistige und körperliche Fitness im Alter ist das Resultat eines lebenslangen Prozesses.

Die Weichen dafür, wie fit man im Alter ist, werden bereits in jüngeren Jahren gestellt. Eine nachhaltige Personalpolitik zeichnet sich durch Gesundheitsvorsorge, durch kontinuierliche Weiterbildung, aber auch durch Flexibilität bei der Arbeitszeit aus. Es kommt zudem auf das richtige Maß bei den Anforderungen an: Unterforderung erweist sich als ebenso schlecht für die Produktivität wie Überforderung.

In die Belegschaft investieren

Subventionierte Vorruhestandsregelungen haben manche Unternehmen in der Vergangenheit verleitet, explizit auf eine Verjüngungsstrategie zu setzen. Oft wurde dies mit dem Hinweis auf die größere Dynamik und Innovationskraft der jüngeren Mitarbeiter begründet.

Andere Unternehmen sind diesen Weg nicht gegangen, sie bauen auf lange Betriebszugehörigkeiten und die Erfahrung ihrer Belegschaft. Es mag überraschen, dass neuere Forschungsergebnisse keine signifikanten Unterschiede in der Innovationskraft zwischen Unternehmen mit diesen grundverschiedenen Rekrutierungsstrategien aufweisen.

Die Sorge vor einer automatisch nachlassenden Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft aufgrund alternder Belegschaften ist also unbegründet. Es ist ohne weiteres möglich, die Beschäftigungsfähigkeit und Innovationskraft bis ins höhere Alter zu erhalten. Man muss aber einiges dafür tun.

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1. Leistungssport als Beispiel
mundi 18.08.2012
Nimmt man den Leistungssport als Beispiel, so gibt es durchaus einen Leistungsabfall mit steigendem Alter. Allerdings nur in Disziplinen, wo Schnellkraft und Schnelligkeit gefragt sind. Beim Schießen, Segelsport, Denksport (Schach, Bridge) und auch bei manchen Ausdauerdisziplinen ist der Faktor Lebensalter kaum registrierbar. Musik und andere Kunstvirtuosen zeigen oft bis ins hohe Alter hervorragende Leistung. Die Arbeitswelt ist mit ihrer Struktur breit gefächert. Die körperintensive Arbeit nimmt eher ab und die geistigen Tätigkeiten werden zunehmend zahlreicher. Fazit: Wenn es sich nicht um schwere körperliche Arbeit handelt, ist mit der Abnahme der Leistungsfähigkeit älterer Menschen kaum zu rechnen.
2. Innovationen sind jung
cd1001 18.08.2012
Zitat von mundiNimmt man den Leistungssport als Beispiel, so gibt es durchaus einen Leistungsabfall mit steigendem Alter. Allerdings nur in Disziplinen, wo Schnellkraft und Schnelligkeit gefragt sind. Beim Schießen, Segelsport, Denksport (Schach, Bridge) und auch bei manchen Ausdauerdisziplinen ist der Faktor Lebensalter kaum registrierbar. Musik und andere Kunstvirtuosen zeigen oft bis ins hohe Alter hervorragende Leistung. Die Arbeitswelt ist mit ihrer Struktur breit gefächert. Die körperintensive Arbeit nimmt eher ab und die geistigen Tätigkeiten werden zunehmend zahlreicher. Fazit: Wenn es sich nicht um schwere körperliche Arbeit handelt, ist mit der Abnahme der Leistungsfähigkeit älterer Menschen kaum zu rechnen.
Wahrscheinlich war das strikte Aussortieren vieler älterer Arbeitnehmer in der Vergangenheit nicht sehr klug. Die vielen Initiativen, Menschen länger im Arbeitsmarkt zu halten, blenden jedoch immer eine entscheidende Frage aus: Wo sollen die Innovationen herkommen? Neues und Bahnbrechendes ist in der Vergangenheit fast immer von jungen Menschen er- oder gefunden worden. Das bedeutet, wir müssen uns auch die Frage stellen, wie wir mit den weniger werdenden Jungen unsere Innovationskraft erhalten. Gleichzeitig müssen wir herausfinden, ob es gelingen kann, den natürlichen Verfall der geistigen Flexibilität, der im Laufe eines Lebens eintritt, auszutricksen. Mit dem Verweis auf die Erfahrung und die Routine älterer Arbeitnehmer löst man das Innovationsproblem nicht.
3. Kostenfaktor
harald_töpfer 18.08.2012
Es würde schon reichen, wenn die Firmen ihre Belegschaften nicht nur als Kostefaktor verstehen würden, sondern als Basis für ihre Betriebsergebnisse.
4. Neue Besen
quadraginti 18.08.2012
Zitat von sysopDPAArbeitnehmer sind so alt wie nie zuvor in Deutschland - Tendenz steigend. Deshalb fürchten viele um die Produktivität der Wirtschaft. Eine unbegründete Sorge, sagt Arbeitsforscher Joachim Möller: Ältere sind zwar langsamer, kennen aber die Abkürzungen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,850666,00.html
Neue Besen kehren gut-Die alten kennen die Ecken
5. Optimal ist die natürliche Mischung Jung und Alt am Arbeitsplatz
mundi 18.08.2012
Zitat von cd1001Wahrscheinlich war das strikte Aussortieren vieler älterer Arbeitnehmer in der Vergangenheit nicht sehr klug. Die vielen Initiativen, Menschen länger im Arbeitsmarkt zu halten, blenden jedoch immer eine entscheidende Frage aus: Wo sollen die Innovationen herkommen? Neues und Bahnbrechendes ist in der Vergangenheit fast immer von jungen Menschen er- oder gefunden worden. Das bedeutet, wir müssen uns auch die Frage stellen, wie wir mit den weniger werdenden Jungen unsere Innovationskraft erhalten. Gleichzeitig müssen wir herausfinden, ob es gelingen kann, den natürlichen Verfall der geistigen Flexibilität, der im Laufe eines Lebens eintritt, auszutricksen. Mit dem Verweis auf die Erfahrung und die Routine älterer Arbeitnehmer löst man das Innovationsproblem nicht.
Fast, aber nicht immer. Beispiele, dass manche Erfindungen und Entdeckungen auch von älteren Menschen stammen, gibt es genug. Optimal jedoch ist die natürliche Mischung Jung und Alt am Arbeitsplatz. Da können Ältere manchmal verhindern, dass das Rad kostspielig neu erfunden wird. Ähnlich, wie die von mir erwähnte körperliche Leistungsfähigkeit im Sport, lässt sich die geistige Flexibilität durch Training durchaus bis ins hohe Alter erhalten. Aber auch hier: „Wer rastet der rostet“...
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Zum Autor
IAB
Der Volkswirt Joachim Möller (Jahrgang 1953) ist seit 2007 Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Die Forschungsstelle gehört zur Bundesagentur für Arbeit. In seiner regelmäßigen Kolumne auf KarriereSPIEGEL rückt er falsche Gewissheiten über die Arbeitswelt zurecht.
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