Eine Karriere-Kolumne von Klaus Werle
Es gibt Momente, selbst im Leben einer permanent alles gebenden Führungskraft eines multinationalen Konzerns, da tut sich plötzlich ein Zeitfenster auf. Fünf ebenso unverhoffte wie unverplante Minuten bis zum nächsten Meeting oder eine Viertelstunde am Flughafen, weil das Taxi dann doch schneller durchkam als sonst.
Weil Achtenmeyer niemand ist, der ziellosem Müßiggang etwas abgewinnen könnte, versucht er, diese Zeitgeschenke mit der Erledigung kleiner Aufgaben zu füllen, die sich sonst schlecht in seinen durchgetakteten Arbeitstag einpassen lassen. Zum Beispiel gerade jetzt: Sein Vorgesetzter Dr. Karl hat sich ungewöhnlich kurz gefasst, so dass Achtenmeyer die zehn Minuten, die sich vor ihm ausbreiten wie glänzende Goldmünzen, nutzen kann, um endlich sein Profilfoto auf Facebook auszutauschen.
Das steht zwar schon lange auf seiner inneren Agenda, aber mal ehrlich: Welcher Manager, der auf sich hält, würde ein derart banales Ansinnen offiziell planen, zwischen all den Steering-Committee-Sitzungen, Global Calls und Forward2020-Meetings? Nun aber, denkt Achtenmeyer, kann ich dieses Bild-Issue noch eben schnell lösen.
Wahnhafte Perfektionisten
Natürlich ist ihm klar, dass sich auf die Auswahl eines Bildes, mit dem er sich vor potentiell Milliarden von Menschen präsentiert, durchaus mehr Sorgfalt und Esprit verwenden ließe als die jetzt noch neun Minuten ab 14.51 Uhr, die ihm bleiben. Andererseits ist er seit jeher ein großer Fan der 80/20-Regel, nach der 80 Prozent der Ergebnisse in 20 Prozent der Zeit erreicht werden. Die fehlenden 20 Prozent sind, und da kann Achtenmeyer nur aus vollem Herzen zustimmen, bestenfalls schmückendes Beiwerk oder lästige Exzesse wahnhafter Perfektionisten.
Also ruft er flugs den Ordner mit seinen Bildern auf Facebook auf, entscheidet sich für eines, das ihn in Business Casual und lässig-zupackend als sympathischen Macher zeigt - und hängt fest. Facebook lässt ihn das Bild nicht hochladen. Achtenmeyer versteht nicht, warum; doch "verstehen" war nie sein Ziel im Umgang mit Technik. Sondern "funktionieren".
Irgendwo in seinem Unterbewusstsein klingelt jetzt ein kleines Glöckchen und erinnert ihn daran, dass er sich vor Jahren geschworen hat, die Finger von Dingen zu lassen, die er "noch eben schnell" erledigen möchte. Weil es meistens Dinge sind, bei denen das Schicksal eine unheilige Allianz mit Eile und Unfähigkeit eingeht, in deren Folge sich eine geradezu boshafte Kaskade unerquicklicher Ereignisse abspielt.
Vorne: ich, hinten: langweiliges Mittelgebirge
Andererseits: Von einem blöden Netzwerk lässt sich ein Top-Manager doch nicht ins Bockshorn jagen! Also ignoriert Achtenmeyer das Glöckchen und öffnet stattdessen den Bilder-Ordner auf seinem Desktop. Tatsächlich ist das gesuchte Foto auch dort vorhanden, allerdings zu groß, so dass er es erst runterskalieren muss. Dabei übertreibt er ein wenig, woraufhin Facebook vermeldet, dass das Bild nunmehr leider nicht mehr die erforderliche Pixelzahl aufweise. Einige Versuche später ist auch diese erreicht, die Zeit zeigt 14.59 Uhr an, und das ist ja noch locker zu schaffen.
Dummerweise ist durch die erhöhte Pixelzahl nun das Bild zu groß für den vorgesehenen Platz, was an sich kein Problem wäre, denn es handelt sich um eine Weitwinkelaufnahme, in deren Vordergrund Achtenmeyer posiert, deren Hintergrund (langweiliges Mittelgebirge) aber verzichtbar scheint. Weil es nun aber bereits 15.03 Uhr ist, bittet Achtenmeyer seine Sekretärin, im Konferenzraum Bescheid zu sagen, dass er sich eine Viertelstunde verspäten werde. Das ist zwar nicht sehr höflich, immerhin hostet er das Meeting, aber das sind jetzt Details.
Wobei auch Details tückisch sein können, etwa wenn sich ein Bild nicht mit der Maus anfassen und sich ergo auch der Bildausschnitt nicht verschieben lässt. Achtenmeyer flucht stumm, dann greift er zum Hörer und ruft einen Bekannten an, der bloggt und posted und twittert, was das Zeug hält, und in Achtenmeyers Gehirn unter "Kann alle Probleme rund um Computer und Internet in Windeseile lösen" abgespeichert ist.
"Facebook? Da war ich ewig nicht!"
Der Bekannte sagt: "Facebook? Da war ich ja ewig nicht mehr drauf. Schneid' doch das Bild in Photoshop zurecht und lad es dann neu hoch." Selbstredend hat Achtenmeyer kein Photoshop, und vor allem keine Zeit für derart aufwendige Operationen. "Dann logg dich mal aus und wieder ein, manchmal hilft das." Diesmal nicht. "Trotzdem danke für Deine Hilfe", säuselt Achtenmeyer und hofft, dass sein Bekannter die bösartige Ironie darin nicht überhört.
Inzwischen ist es 15.22 Uhr, seine Sekretärin steht in der Tür und hat ihren "Gleich-wird-Mutti-richtig-böse"-Blick aufgesetzt. Achtenmeyer, der große Improvisator, klickt sich hastig durch den Bilder-Ordner, findet ein Foto in genau der richtigen Größe, lädt es hoch, speichert ab - und fertig. Auf dem Bild trägt er eine Krawatte mit kleinen Christbaumkugeln, und wer genauer hinschaut, sieht seinen ganz leicht glasigen Blick, denn es gab Weihnachtspunsch. Aber hey, deshalb arbeitet er ja im Marketing statt im Controlling, nicht wahr?
Als er um 15.31 Uhr den Konferenzraum erreicht, ist das Meeting schon in vollem Gange. Bodhuber, sein direct report mit kaum verhüllten Aufstiegsambitionen, führt durch die Agenda. Achtenmeyer bleibt souverän und huscht geräuschlos auf einen freien Platz. Das wird Bodhuber nichts bringen, beruhigt er sich, was zählt schon ein Meeting gegen ein schickes neues Profilbild? Sowie gegen die Etablierung eines neuen Managementprinzips, der 20/80-Regel: 20 Prozent des Erfolgs mit 80 Prozent der Zeit. Achtenmeyer hat sie soeben persönlich getestet. Funktioniert einwandfrei.
+++ Lessons learned +++
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